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Schwabmünchen

08.10.2016

Mit kleiner Fliege auf Jagd nach großer Beute

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Die Rute biegt sich und das Herz schlägt höher. Marc Fetzer hat an diesem Tag das richtige Händchen und kann mit seinen selbst gebastelten Fliegen so manche Forelle oder Äsche überlisten.
Bild: Christian Gall

Immer mehr Mitglieder des Fischereivereins Schwabmünchen erliegen der Faszination des Fliegenfischens. Es ist die hohe Schule des Angelsports und erfordert eine ganz besondere Technik und viel Übung

Es ist die Königsdisziplin des Angelsports und schon die alten Römer übten sich in dieser Kunst. Doch das Fliegenfischen fasziniert nicht nur die Sportfischer, auch Regisseure wie Robert Redford haben diese hohe Kunst in Filmen verarbeitet. So erzählt der Streifen „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ mit Brad Pitt in eine der Hauptrollen das Schicksal zweier unterschiedlicher Brüder. Beide sind charakterlich grundverschieden, jedoch vereint in der Liebe zum Fliegenfischen. Doch was macht diese Faszination aus? Einer, der sich auch mit 87 Jahren noch mit einer kleinen selbst gebundenen Fliege und der langen biegsamen Rute in der Wertach auf die Jagd nach Forelle, Äsche und Co. macht, ist beispielsweise Heinz Wieden vom Fischereiverein Schwabmünchen.

„Sollte ich einmal nicht mehr fischen können, ist es auch für alles andere zu spät“, sagt der Senior und steigt am Ufer der Wertach langsam in seine Wathose. Vorsichtig setzt er im Wasser einen Fuß vor den anderen. Die Steine am Grund der Wertach sind rutschig. Wieden lässt sich Zeit. Sein Ziel hat er fest im Blick. Er will in die Mitte des Flusses. Dort, wo jetzt in der Abendsonne die Fliegen aufsteigen. Im Zickzack schwirren sie durch die Luft. Nur einige Handbreit über der Wasseroberfläche.

„Jetzt kommt gleich der ,Abendsprung’“, sagt Oberstleutnant Jürgen Rüb, der nur wenige Meter entfernt ebenfalls mitten in der Wertach steht. Dies ist der Moment in der Dämmerung, in dem die Fische an die Oberfläche steigen, um sich an den Insekten zu laben. Der „Abendsprung“ ist die äußerst fängige Beißphase, die vor allem bei den Fliegenfischern sehr beliebt ist.

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Geübte Bewegungen bringen die Schnur zum Tanzen

Heinz Wieden beobachtet die Wasseroberfläche. Er wartet darauf, dass sich irgendwo das Wasser kräuselt. Ein Zeichen dafür, dass dort ein Fisch steht. „Da ist gerade einer gesprungen“, ruft ein Kollege plötzlich. Der Senior ist knapp 20 Meter von der Stelle entfernt. Sein rechter Arm schnellt in die Höhe. Die plötzliche Bewegung reißt die Schnur aus dem Wasser. Als würde Wieden im Zeitraffer versuchen, mit einem gigantischen Pinsel eine Zimmerdecke zu streichen, bewegt sich sein Arm vor und zurück. Die Schnur tanzt durch die Luft. Doch die Länge stimmt noch nicht. Vor und zurück. Vor und zurück. „Um die Schnur in der Luft zu halten, muss der Arm eine sogenannte 11-Uhr-13-Uhr-Bewegung ausüben“, erklärt Gerhard Wurm, der stellvertretende Vorsitzende des Fischereiverein Schwabmünchen. Durch diese Bewegung lädt sich die Rute auf, sagt Wurm.

Denn der Schwung biegt die Spitze der Rute bei jeder Bewegung, jeder Ausschlag verstärkt diese Wirkung. Dann ist der richtige Moment gekommen. Wieden stoppt die Bewegung, die Schnur fliegt im hohen Bogen nach vorne. Wieden wartet, bis sie über die gesamte Länge ausgestreckt ist. In dem Moment senkt er die Spitze. Seine jahrelange Erfahrung zeigt sich. Die Schnur sinkt nach 20 Metern nach unten. Sanft setzt die die künstliche Fliege im Wasser auf. Ein Selbstversuch der Autoren zeigt, dass das Fliegenfischen nicht umsonst als Königsdisziplin bezeichnet wird. Die ersten Versuche der Amateure enden mit einer verhedderten Schnur oder mit einer Fliege, die nicht einmal zwei Meter weit über das Wasser fliegt. „Es dauert Jahre, bis man die Technik richtig beherrscht. Und auch nur, wenn man intensiv übt“, sagt Stefan Nohe, der geduldig die Bewegungsabläufe erklärt.

Fliegenfischen hat in England eine ganz eigene Kultur

Nohe weiß, wovon er spricht. Denn er ist ein echter Profi, der seinen Sport auch international ausübt. Besonders gerne sei er in England. „Da hat das Fliegenfischen eine ganz eigene Kultur, die ihren eigenen Regeln folgt“, sagt er. So seien dort bestimmte Wurftechniken verpönt, die in Deutschland ganz normal sind. Gemeinsamkeiten gibt es aber beim Köder. Auch die Schwabmünchner verzichten auf einen Widerhaken. Denn: Fliegenfischen ist ein Gentleman-Sport. Und Fairness wird dabei ganz groß geschrieben. „Der Fisch soll bis zu Letzt seine Chance haben, frei zu kommen“, sagt Nohe. Zudem könne er leichter vom Haken gelöst werden, sollte er das Mindestmaß nicht erreichen.

Marc Fetzer hat mit dem Schonmaß an diesem Abend kein Problem. Zwei Äschen beißen hintereinander auf seine selbst gebundene Fliege. Täuschend echt ähnelt sie der Nymphe einer Eintagesfliege. Es sind prächtige Äschen, deutlich größer als die 35 Zentimeter, die der Landesfischereiverband Bayern als Mindestgröße festgelegt hat. Doch Fetzer verliert den Drill.

Kurz bevor der Fisch im Kescher landet, schüttelt er sich vom Haken los und schwimmt von dannen. Fetzers Enttäuschung hält sich aber in Grenzen. Der „Abendsprung“ ist noch lange nicht vorbei. Und nur wenig später liegen drei schöne Regenbogenforellen in den Weidekörben der Fliegenfischer aus Schwabmünchen – entsprungen aus der Mitte der Wertach.

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