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Landkreis Augsburg

15.07.2020

Nach Kündigung in Fischach: Was den Heimen im Kreis Sorge bereitet

Pflegeheime stehen unter Druck – nicht erst seit der Corona-Pandemie.

Plus Wegen steigender Belastung hat der Leiter eines Fischacher Pflegeheims seine Stelle gekündigt. Wie die Situation in anderen Seniorenheimen ist.

Augsburg Die Corona-Pandemie stellt Pflegeheime im Landkreis vor enorme Herausforderungen: Hygieneregeln müssen umgesetzt und immer neue Auflagen erfüllt werden. Doch nicht nur in der Krise steigt der Druck auf die Mitarbeiter, wie ein Fall aus Fischach zeigt. Im Altenheim in Schloss Elmischwang, das mit 39 Plätzen zu den kleineren Einrichtungen im Landkreis zählt, haben Geschäftsführer und Pflegedienstleitung ihre Stellen aufgegeben. Der Grund: Es fehle die Kraft, die persönliche Belastung sei im Laufe der Jahre immer stärker geworden.

Das können andere Einrichtungsleiter im Landkreis Augsburg bestätigen. Michael Zimmermann führt seit Anfang des Jahres das AWO-Seniorenheim in Schwabmünchen, das Platz für 86 Bewohner bietet. Auch er sagt: „Die Belastung für die Mitarbeiter steigt kontinuierlich.“ Die Dokumentation fresse viel Zeit, die bei der Arbeit mit den Menschen fehlt. Die Corona-Krise habe dies verstärkt. Nach den Lockerungen müssten Einrichtungen eigene Besuchsregeln durchsetzen, was Angehörigen oft schwer zu vermitteln ist. „Die Politik hat die Verantwortung auf die Heime abgeschoben“, sagt Zimmermann.

Neue Qualitätsprüfung soll Mitarbeiter entlasten

Doch das ist für ihn kein Grund aufzugeben. „In der Krise will ich meine Mitarbeiter nicht im Stich lassen“, sagt er. Mit einem großen Träger wie der AWO sei es einfacher, denn damit stehen übergeordnete Unterstützungsprogramme zur Verfügung. Zudem gebe es im Schwabmünchner Seniorenheim einen über Jahrzehnte gewachsenen Personalstamm. „Das ist ein Glücksfall, das kenne ich aus anderen Einrichtungen so nicht“, sagt Zimmermann.

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Er hofft, dass die neue Qualitätsprüfung, die Ende des Jahres eingeführt werden soll, die Mitarbeiter entlastet. Mit dem neuen Verfahren sollen Pflegeheime mithilfe einer Bewohnerbefragung ihre Versorgungsqualität selbst beurteilen. Doch ein erster Test habe gezeigt, dass auch damit ein erheblicher Aufwand verbunden ist.

Edita Citak, die seit einem Jahr das Kursana Domizil in Bobingen leitet, wünscht sich auch eine deutliche Entbürokratisierung. „Wir nutzen die EDV-Dokumentation, machen aber vieles noch schriftlich“, sagt sie. Das beanspruche viel Zeit. Die Leiterin weiß um die steigende Belastung ihrer Mitarbeiter, aber sie ist überzeugt: „Mit einem guten Team lässt es sich gut meistern.“

Anerkennung von Mitarbeitern aus dem Ausland dauert zu lange

Doch die Suche nach geeignetem Personal ist nicht einfach. Gerade für Mitarbeiter aus dem Ausland dauere das Anerkennungsverfahren zu lange. „Bei meiner ungarischen Mitarbeiterin hat es über ein halbes Jahr gedauert“, sagt Citak, die selbst aus Tschechien kommt. Obwohl sie dort dreizehn Jahre als Krankenschwester gearbeitet hatte, musste sie in Deutschland zweieinhalb Jahre auf ihre Anerkennung als Fachkraft warten.

Wie schwierig die Personalsuche ist, weiß auch Petra Fischer. Sie arbeitet in der Personalentwicklung bei der Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH (CAB), die 15 Seniorenheime betreibt – darunter eines in Neusäß-Westheim und eines in Königsbrunn. „Wenn wir nicht selbst ausbilden würden, hätten wir tatsächlich Probleme“, sagt sie. Rund 40 Azubis starten ab September eine Ausbildung – eine relativ hohe Zahl, die Fischer trotz Corona-Krise optimistisch stimmt.

Dabei gilt nach ihrer Erfahrung: „Wer in der Pflege arbeiten will, braucht ein dickes Fell.“ Denn die Anforderungen nehmen zu, ebenso wie die Erwartungen von Bewohnern und Angehörigen. Das Berufsbild werde komplexer, es erfordere Organisationstalent sowie umfangreiches medizinisches und pflegerisches Wissen. Auch die Leitungskräfte müssten einiges wegstecken. „Sie setzen sich teilweise enorm unter Druck, doch nicht alle sind diesem gewachsen“, sagt Fischer.

Nach Ansicht eines Leiter fehlt oft die Wertschätzung im Alltag

Dass man in einer Pflegeeinrichtung Durchhaltevermögen braucht, weiß auch Stefan Pootemans. Seit mehr als 30 Jahren führt er das Johannesheim in Meitingen und hat viele Kollegen kommen und gehen sehen, wie er sagt. „Man muss sich immer wieder neu motivieren und seiner Verantwortung gerecht werden“, sagt Pootemans.

Man sei oft Einzelkämpfer zwischen dem Träger und den Mitarbeitern. Seiner Ansicht nach definiert sich ein gutes Heim an einer guten Personalpolitik. Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden, habe er nicht. Der bürokratische Aufwand sei in den vergangene Jahren gestiegen, doch mit strategischen Entscheidungen ließe sich vieles erleichtern. So werde im Johannesheim, in dem Platz für 95 Bewohner ist, die Dokumentation künftig computergesteuert erfasst.

Auch die administrativen Aufgaben hätten zugenommen, gerade mit der Corona-Krise. Doch an Aufhören denkt Pootemans nicht. Ihm ist vielmehr daran gelegen, das Berufsbild zu verbessern. „Die Altenpflege müsste viel selbstbewusster auftreten“, sagt der Einrichtungsleiter.

Den Mitarbeitern werde viel abverlangt, doch die Wertschätzung im Alltag sei nicht besonders hoch. So ist Pootemans auch entschiedener Gegner der unangekündigten Qualitätsprüfung: „Kontrollen sind wichtig, aber Einrichtungen unter Generalverdacht zu stellen und Mitarbeiter zusätzlich unter Druck zu setzen, halte ich für falsch.“

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