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Bobingen

15.08.2019

Ohne Deutschkenntnis in einer normaler Schulklasse

Deutschklasse für fremdsprachige Kinder gibt es nur noch an wenigen Schulen. 
Bild: Andreas Brücken

Plus An der Mittelschule in Bobingen gibt es ab Herbst keine Deutschlernklasse. Lehrer sehen große Herausforderungen für Regelklassen. Und das ist nicht nur hier so.

Ab September wird es an der Dr.-Jaufmann-Mittelschule in Bobingen keine sogenannte Deutschlernklasse mehr geben. Der Grund: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mangels deutscher Sprachfähigkeit eine eigene Klasse benötigten, ist stark zurückgegangen. Die schlechte Nachricht: Es bleibt etwa eine Handvoll Schüler, die weiterhin einer speziellen sprachlichen Förderung bedarf. Sie kommen nun gleich in normalen Regelklassen unter. Das bedeutet eine große Herausforderung für die Lehrer. Auch Eltern sind darüber nicht erfreut.

Ein landesweites Thema schlägt wieder auf

Das Thema schlägt landesweit auf. Denn die Entwicklung ist unterschiedlich. Im Landkreis Augsburg fällt der Deutschkurs für aus dem Ausland zugezogene Kinder außer in Bobingen auch noch in Meitingen weg. Damit gibt es ab Herbst im Augsburger Land nurmehr an zwei Standorten sogenannte „Deutschlernklassen“. Diese sind an der Mittelschule Königsbrunn und – neu hinzukommend – an der Mittelschule Gersthofen eingerichtet. Ansonsten müssen sich aus dem Ausland zuziehende Kinder in normalen Klassen zurechtfinden.

Erst hieß sie Übergangsklasse, dann Deutschlernklasse. Gemeint sind die Schulklassen, in denen zugezogene Schüler aus dem nicht deutschsprachigen Ausland unterkamen, um dort mit zusätzlichen Stunden die deutsche Sprache erlernen zu können, bevor sie in den Regelklassen beschult werden können. Seit dem Beginn der Sommerferien ist an der Bobinger Dr.-Jaufmann-Mittelschule Schluss für die letzte dieser Klassen. Schulleiter Robert Walch erklärt: „Wir haben einfach nicht mehr genügend Schüler, die die Voraussetzungen für die Deutschlernklassen erfüllen.“ Um eine solche Klasse bilden zu können, benötigt die Schule mindestens 13 Schüler, die noch nicht im deutschen Bildungssystem erfasst sind. Gab es vor Jahren noch monatlich bis zu zehn Anmeldungen, so sind die Zahlen nun auf eine Handvoll Schüler pro Jahr geschrumpft. Das reiche, so Walch, nicht mehr für eine eigene Klasse aus.

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Rektor sieht im Beispiel Bobingen ein Erfolgsmodell

Dabei sei die Deutschlernklasse in Bobingen ein echtes Erfolgsmodell gewesen. 90 Prozent ihrer Schüler kamen bei Verlassen der Schule in einer Ausbildung oder einer weiterführenden Schule unter – ein toller Schnitt, wie Diplom-Sozialpädagogin Kinga Ziegler meint. Sie hat die durch den Europäischen Sozialfonds mitgeförderten Klassen in Bobingen intensiv betreut. Maximal bis zu 25 Schüler wurden in den vergangenen Jahren in dieser Klasse mit dem deutschen Schulsystem und der deutschen Sprache vertraut gemacht, auch in diesem Schuljahr waren es schon bis zu zwanzig Kinder.

Schüler, die jetzt mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen an die Mittelschule Bobingen kommen, werden wieder in den Regelklassen untergebracht. Die Schule versucht dabei ihr möglichstes, mit mindestens fünf Stunden Ersatzunterricht pro Woche in Deutsch als Zweitsprache und intensivem Unterricht, den Kindern so schnell wie möglich die Sprache soweit beizubringen, dass sie dem Regelunterricht folgen können.

Das alles aber braucht seine Zeit. Gerade die intensive Sprachförderung wird es sein, die Schulleiter Robert Walch an den Deutschlernklassen vermissen wird. „Wir versuchen, die Kinder zumindest in Deutsch aus dem Regelunterricht rauszunehmen und in Deutsch als Zweitsprache-Kursen aufzufangen - aber das kommt natürlich nicht an diese intensive Förderung heran.“

Bis also die neue Sprache sitzt, werden die Kinder im restlichen Regelunterricht wohl kaum etwas verstehen. Schade, denn die neuen Schüler müssen ohnehin erst mit dem deutschen Schulsystem zurechtkommen, welches sich oft grundlegend von ihrem bisherigen Schulunterricht unterscheidet.

Kleine Klassen bei Migrationshintergrund

Jetzt sind wieder einmal die Lehrkräfte der Regelklassen gefragt, die mit individuellen Lehrplänen arbeiten müssen. Eine große Herausforderung, denn die Lehrer bekommen dafür kein zusätzliches Stundenkontingent. Das Einzige, was sie ein wenig entlastet: Durch den großen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund insgesamt an der Mittelschule können kleinere Klassen mit 15 bis 16 Schülern gebildet werden.

Trotzdem wird mit dem Ende der Deutschlernklassen in Bobingen – an anderen Schulen mit mehr Schüleranmeldungen wird das Projekt weitergeführt –, wieder viel an den Lehrkräften hängen bleiben.

Neue Chance durch Praxisklassen

Eine weitere Änderung kann Schulleiter Robert Walch vermelden, diesmal für ihn durchaus positiver Art: Zum Beginn des neuen Schuljahres 2019/20 wird es in Bobingen wieder eine Praxisklasse geben. In dieser wird vermehrt Wert auf den Erwerb praktischer Fähigkeiten gelegt. Schüler, die mit dem normalen Unterrichtsstoff Schwierigkeiten haben, machen vermehrt Praktika in Betrieben und erlernen auch in der Schule praktische Handgriffe und Techniken. Die Klasse wird von einem Sozialpädagogen betreut. Ziel ist es, am Ende alle der 16 Schüler in eine Lehrstelle vermitteln zu können.

Die Praxisklasse wird von der Stadt Bobingen unterstützt, die darin ebenso wie die Schulleitung eine große Notwendigkeit sieht. Beantragt und genehmigt wurde sie über Schulamt und Regierung. Schulleiter Robert Walch ist froh, die Praxisklasse, die es vor einigen Jahren schon einmal gab, wieder zu haben. Die Schüler, die sich im normalen Unterricht schwer tun, haben hier eine andere Stundentafel. Unter anderem sieht ihre Schulwoche einen Praxisarbeitstag mit acht Stunden vor, den sie zunehmend auch in Betrieben verbringen sollen.

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