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Asyl

24.05.2019

„Ohne Sprache kann man nichts machen“

Die ehrenamtlichen Deutschlehrer und einige ihrer Musterschüler: (sitzend, von links) Gudrun Krämer, Naima Yossef, Georg Wild, Abdullah und Llama Obaid; (stehend, von links) Arfat Nasir, Thomas Assmann und Dragan Petrovic.
Bild: Adrian Bauer

Integrationsbeauftragte aus ganz Deutschland debattieren in Ulm über Wege zum Spracherwerb für Migranten. In Königsbrunn helfen Ehrenamtler den Geflüchteten beim Lernen und freuen sich über einige Musterschüler

Der Spracherwerb gehört zu den Knackpunkten bei der Integration von Migranten. Darüber debattierten in dieser Woche Integrationsbeauftragte aus ganz Deutschland bei der Bundeskonferenz in Ulm. Die Ehrenamtler vom Helferkreis Flucht und Asyl in Königsbrunn können das nur bestätigen. Sie bieten abends auf freiwilliger Basis Deutschstunden in den Unterkünften im Stadtgebiet an und freuen sich über einige Erfolge. Ein Ehepaar aus Syrien beeindruckt sie aber besonders.

Knapp zwei Jahre lernen Abdullah und Llama Obaid mittlerweile Deutsch. In dieser Zeit sind sie weit gekommen: Das Zeitungsinterview führen beide in flüssigem, grammatikalisch sauberem Deutsch, mit ganz seltenen Pausen bei der Suche nach schwierigeren Vokabeln. Beileibe keine Selbstverständlichkeit bei einer Sprache, die die Artikel vor den Substantiven nach dem historisch gewachsenen Zufallsprinzip vergibt. Doch die beiden haben sich durchgebissen, sagt Abdullah Obaid: „Ohne Sprache kann man nichts machen. Aber wer lernen will, bekommt viele Hilfen.“

Abdullah Obaid hat die Prüfung zum Sprachniveau B2 bestanden, das bedeutet Stufe vier im sechsstufigen Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen. In der konkreten Beschreibung bedeutet das, er „kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist.“ Ein bisschen ärgert er sich, dass ein paar Pünktchen zur Stufe C1 gefehlt haben. Diese ist Voraussetzung für einen Studiengang. „Die indirekte Rede hat nicht gepasst. Ich habe eigentlich alles so gemacht wie im Unterricht. Aber in der Korrektur stand, es sei Umgangssprache“, sagt Abdullah Obaid.

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In ihrer Heimat Aleppo gingen beide zur Uni: Er studierte Medizin, sie englische Literatur. Wegen der Kämpfe und der weitgehenden Zerstörung ihrer Heimatstadt flüchteten sie zunächst in die Türkei. „Wir wollten eigentlich gar nicht weiter nach Europa. Doch dann wurden die Pässe, die die syrische Opposition ausgestellt hatte, für ungültig erklärt und wir mussten die Türkei verlassen“, sagt Abdullah Obaid. Für das Paar und seine zwei kleinen Kinder beginnt eine elfmonatige Odyssee, die über Griechenland und Serbien schließlich nach Deutschland führte.

Für die Chance, die sie hier bekommen, sind sie sehr dankbar: „Wer lernen will, bekommt viele Hilfestellungen vom Staat. Diese Chance wollten wir ergreifen“, sagt Llama Obaid. Deshalb haben sie nicht nur ihren Deutschkurs besucht, sondern gehörten auch zu den Stammgästen bei den freiwilligen abendlichen Deutschkursen des Königsbrunner Helferkreises. „Viele Flüchtlinge haben kaum Kontakt zu Deutschen. Aber in Gesprächen lernt man die Sprache besser“, sagt Llama Obaid. Die beiden Töchter gehen in den Kindergarten und haben durch die tägliche Sprachpraxis schon einen Vorsprung.

Ihre Sprachkenntnisse wollen die Obaids nun auf dem Arbeitsmarkt einbringen. Abdullah hat einen Ausbildungsplatz als Krankenpfleger gefunden, Llama ein Praktikum in einer Kindertagesstätte. Pläne, die begonnenen Studien fortzusetzen, liegen erst einmal auf Eis: „Wir wollen uns jetzt so schnell wie möglich unser Leben aufbauen und nicht mehr vom Jobcenter abhängig sein“, sagt Llama Obaid.

Die Ehrenamtler sind stolz auf die Fortschritte ihrer Musterschüler. An drei Abenden pro Woche sind die Helfer in der Unterkunft in der Neuhauswiese vor Ort. Mithilfe von speziellen Lehrbüchern versuchen die Helfer, den Geflüchteten in kleinen Gruppen die Sprache näherzubringen. Der Besuch schwankt mitunter: „An manchen Abend sind zwölf Leute da, wir saßen aber auch schon allein hier“, sagt Georg Wild. Solche Abende seien jedoch die Ausnahme, es gibt einige Schüler, die sehr regelmäßig in den Gemeinschaftsräumen vorbeischauen.

Das Niveau schwankt dabei recht deutlich. Die Obaids sind mit ihrem akademischen Hintergrund eher die Ausnahme, Beispiele von Schülern mit ähnlichem Lernfleiß haben die Helfer aber einige. Naima Yossef sei eine weitere eifrige Schülerin, sagt Gudrun Krämer. Mit guten Deutschkenntnissen hoffe die Mutter von drei Kindern auf bessere Chancen bei der Wohnungssuche. Der Pakistaner Arfat Nasir war bei seiner Ankunft fast kompletter Analphabet, sagt Thomas Assmann: „Da mussten wir quasi beim Urschleim anfangen.“ Mittlerweile mache er gute Fortschritte.

Abdullah und Llama Obaid haben schon länger eine Wohnung gefunden. Trotzdem kommen sie immer wieder zu den Deutschabenden. Deutsche Redewendungen und ihre Bedeutungen stellen die beiden im Alltag manchmal noch vor Herausforderungen. Da brauchen auch Musterschüler noch Hilfe.

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