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Landkreis Augsburg

13.07.2020

Pflegeplätze im Seniorenheim dringend gesucht

Zu Beginn des Lockdowns haben viele Pflegeheime wochenlang keine neue Patienten aufgenommen. Auch jetzt bekommen viele keinen Platz und landen auf der Warteliste.
Bild: Angelika Warmuth, dpa (Symbolbild)

Einen Platz im Seniorenheim zu finden, gestaltet sich in Corona-Zeiten schwierig bis unmöglich. Was Angehörige tun können und welche Alternativen sie haben.

Der Pflegebedarf richtet sich nicht nach einem Virus. Doch wer sich in Zeiten von Corona auf die Suche nach einem Platz im Pflegeheim machen muss, tut das unter erschwerten Bedingungen.

Zu Beginn des Lockdowns im März haben viele Pflegeheime wochenlang keine neuen Patienten aufgenommen. Zimmer mussten leer bleiben, um Isolationsmöglichkeiten zu schaffen, für den Fall der Fälle. „Die Heime waren zudem sehr zurückhaltend. Jeder von Außen stellte ein Infektionsrisiko dar“, sagt Regina Mayer. Sie ist die Leiterin des Fachbereichs „Soziales Betreuungswesen und Seniorenfragen“ am Landratsamt Augsburg. Mittlerweile dürfen die Heime zwar wieder Neuzugänge aufnehmen, doch die meisten sind schlicht voll. „Die Pflegesituation ist schon länger angespannt. Viele bekommen zeitnah keinen Platz in ihrem Wunschheim. In den meisten gibt es Wartelisten“, sagt Regina Mayer.

Pflegeheime im Landkreis Augsburg: Der demente Vater steht auf Platz 17 der Warteliste

Das musste auch Brigitte Frisch aus Königsbrunn erfahren. Ihr 88 Jahre alter Vater hatte sich selbst noch vor Corona in einem Pflegeheim angemeldet, er ging dort bereits regelmäßig sonntags zum Mittagessen, hat sich wohlgefühlt und Bekannte wieder getroffen. Einen Platz hat er aber noch nicht bekommen. Er steht auf Platz 17 der Warteliste. Doch nun verschlechtert sich sein Zustand. „Er verfällt zusehends, vereinsamt, die Demenz wird von Tag zu Tag schlimmer. Ich rufe jede Woche in diesem Pflegeheim an, aber bekomme immer die Auskunft, dass sie nicht aufnehmen dürfen. Ich stoße gerade an meine Grenzen“, so die 63 Jahre alte Tochter, die eigentlich selbst ins Krankenhaus müsste, um ihr Knie operieren zu lassen. Aber wegen der Pflege des Vaters kam sie nicht weg.

Schwangere sucht verzweifelt einen Platz für die Oma im Pflegeheim

Noch verzwickter erlebt Susanne Schmied* aus Zusmarshausen die aktuelle Situation. Die 30-Jährige und ihr Mann erwarten in einigen Wochen ein Kind. Aber wohin mit der 85 Jahre alten dementen Großmutter während der Geburt? „Alleine lassen? Das geht nicht mehr. Sie ist schon mal weggelaufen“, sagt die junge Mutter. Eigentlich hätte sie Anspruch darauf, dass die Großmutter sechs Wochen im Jahr in einem Heim betreut wird. Kurzzeitpflege nennt sich das. „Die Aussicht auf einen Kurzzeitpflegeplatz für einige Wochen ist überhaupt nicht gegeben. Die Einrichtungen nehmen niemanden auf“, berichtet sie. Für die Langzeitpflege hat Susanne Schmied nur einen Platz auf einer Warteliste bekommen. Und selbst die Tagesbetreuung in Zusmarshausen, in der die demente Großmutter bislang, also vor Corona, untertags betreut worden war, hat seit dem Lockdown im März geschlossen. Wann sie wieder öffnet, ist noch unklar. Vermutlich erst im Herbst. „Die alten Leute und deren Angehörige werden völlig vergessen in dieser Zeit“, ärgert sich Susanne Schmied. Die Sozialstation hat ihr mittlerweile wenigstens zugesagt, während der Geburt ihres Kindes eine Demenzbetreuung für die Oma zu organisieren, bis der Vater wieder vom Krankenhaus heimkommt. „Das ist zumindest ein Strohhalm, an den ich mich klammern kann“, sagt sie.

Doch die Pflegesituation bleibt wohl auch in Zukunft angespannt. Die Plätze sind Mangelware – unabhängig von Corona, weiß Regina Mayer vom Landratsamt. Denn nicht nur die Pflegeplätze würden verzweifelt gesucht, sondern auch die Mitarbeiter: „Es ist derzeit keiner bereit, eine stationäre Einrichtung aufzumachen, denn es mangelt an Personal. Das Haus dafür wäre schnell gebaut, aber das bringt nichts, wenn die Mitarbeiter fehlen.“

Ambulanter Pflegedienst oder Pflegekraft aus Osteuropa

Wer trotz aller Bemühungen keinen Platz für einen Angehörigen im Pflegeheim, in Kurzzeitpflege oder in der Tagespflege bekomme, könne sich an einen ambulanten Pflegedienst wenden, der die Angehörigen etwas entlaste, so Mayer.

Andreas Claus, Vorsitzender des Caritasverbandes Schwabmünchen, rät Angehörigen, sich bereits sehr frühzeitig bei der gewünschten Pflegeeinrichtungen zu melden und sich auf eine Warteliste setzten zu lassen, noch bevor der Pflegefall eintritt. Denn auch im Schwabmünchner Caritas-Haus Sankt Raphael sind alle Plätze belegt. Im Akutfall müsse man derzeit eine „gewisse Flexibilität“ mitbringen und gegebenenfalls auf ein weiter entferntes Heim ausweichen, so Claus.

Brigitte Frisch aus Königsbrunn hingegen geht einen anderen Weg: Sie sucht für ihren Vater über eine Agentur eine osteuropäische Pflegekraft, die sich zu Hause um ihn kümmert. „Ich habe das Glück, dass ich den Platz habe und der Pflegekraft eine kleine Wohnung zur Verfügung stellen kann. Aber wer hat das schon?“

*Name von der Redaktion geändert.

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