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Langerringen/Untermeitingen

19.06.2018

Pilgerunglück: Eine kurze Zeit und doch eine Ewigkeit

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3 Bilder
Der damalige Ortspfarrer Hermann Danner (links) war bei dem Unglück selbst dabei. Das Gedenken an die Opfer sei unauslöschlich eingebrannt in Herz und Lebensgeschichte.
Bild: Michael Mäusly

Ein Vierteljahrhundert ist seit dem tragischen Unfall auf der Wallfahrt vergangen. Beim Gedenkgottesdienst erinnert Pfarrer Danner an die Toten und Verletzten.

Ein Vierteljahrhundert ist seit dem bestürzenden Pilgerunglück zwischen Langerringen und Untermeitingen vergangen. Heute erinnert ein Bildstock am Ort des Geschehens an die Opfer. Familien verloren Angehörige, denn es gab vier Tote. 20 Menschen wurden teilweise schwer verletzt, als ein junger Mensch alkoholisiert in den Pilgerzug fuhr. In den 25 Jahren danach haben Hinterbliebene und Betroffene Unvergessliches zumindest an der Oberfläche verarbeiten können. Manche haben ihren Frieden mit dem Unfallfahrer gemacht, der weggezogen ist. Der jetzige Ortspfarrer Sebastian Kandeth unterstreicht dies in seiner kurzen Ansprache, denn er spricht von „erst kurze Zeit und gleichzeitig eine Ewigkeit her“. Dementsprechend versöhnlich ist der Gottesdienst am Unfallort zum 25-jährigen Gedenken.

Eigentlich sollte der heutige Abt von Andechs, Johannes Eckert, den Gedenkgottesdienst in Begleitung des damaligen Ortspfarrers Hermann Danner als Zelebrant anführen. Aber der Abt musste seine Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen noch am Vorabend absagen. Daher zelebrierte Danner den Gottesdienst, unterstützt vom Sebastian Kandeth als heutigem Ortspfarrer der Pfarrgemeinschaft Hiltenfingen-Langerringen. Der 79-jährige Danner lebt inzwischen in Dillingen und hilft dort im Ruhestand gelegentlich in der Kirchengemeinde St. Ulrich aus. „Eigentlich bin ich Ersatzspieler aus der dritten Liga“, sagt er zu seiner plötzlichen Rolle als Zelebrant. Unauslöschlich habe sich das Unglück in Herz und Lebensgeschichte eingebrannt. Zwei Tage nach der menschlichen Katastrophe am 14. Juni 1993 hatte er als zuständiger Pfarrer gepredigt, dass diese Glaubensprüfung „nicht ein liturgischer, sondern auch ein realer Karfreitag“ gewesen sei – jetzt wiederholt er diese Worte. Damals brach sich natürlich auch unbändige Wut auf den Verursacher ihre Bahn. Der Gottesdienst aber ist eher eine liebevolle Erinnerung an die Opfer – so sieht es auch Danner. Selbst wenn Betroffene die schrecklichen Bilder vom Pilgerzug nach Andechs trotz dieser langen Zeit nie ganz vergessen werden; sie sind höchstens etwas verblasst.

Vielleicht lässt gerade dies einigen der rund 200 Anwesenden die Tränen in die Augen steigen. So bricht dem damaligen Hauptorganisator und Wallfahrtsleiter Johann Erdle, 69, bei seiner Schlussansprache mehrfach die Stimme weg, während seine Augen hinter der Brille feucht schimmern. Dennoch sagt er, dass seine Tage immer hoffnungsvoller wurden und würden. Der Mensch Johann Erdle bittet vielleicht gerade deshalb um Handreichung zur Versöhnung mit dem Verursacher des Leids. Man nimmt ihm diesen Wunsch als aufrichtig ab, selbst wenn man im direkten Gespräch den Eindruck gewinnen kann, dass vieles in seinem Innersten trotzdem noch unbewältigt geblieben ist. Karl Vogele, gebürtiger Langerringer, sieht sichtlich mitgenommen aus. Als damaliger Landrat erinnert er sich zu gut an die im Landratsamt eingelaufenen Katastrophenmeldungen.

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Es bleiben aber auch einige wenige Betroffene dem Gedenkgottesdienst fern. Wenn man den Gesprächen folgt, wird das akzeptiert. Jeder verarbeite seinen Schmerz des Geschehenen auf seine Weise – manche für sich und andere im Kreis der Mitbetroffenen oder der Kirche. Der Hiltenfinger Johann Erdle gewann irgendwann seinen Seelenfrieden so weit zurück, dass er nach zehnjähriger Pause wieder eine Fußwallfahrt nach Andechs angeführt hatte.

Der ehemalige Pfarrer Herman Danner hatte ihn darum gebeten. Eines aber hat Erdle nicht vergessen: die nach seinem Empfinden reißerische Berichterstattung einer großen Boulevardzeitung. Seitdem habe er keine Bildzeitung mehr gekauft, und auch das nimmt man ihm ab. Vielleicht zeigte sich die von Erdle angesprochene Versöhnungsbereitschaft sogar in der Gestaltung dieses Gottesdienstes. Musikalisch begleitet von der Hiltenfinger Blasmusik stand zwar das damalige Unglück im Vordergrund, aber nie vorwurfsvoll fordernd oder mit Ausrufezeichen versehend.

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