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11.11.2017

Reclam: Gehasst, geliebt, aber immer gelesen

Für Ursula Paun aus Langenneufnach waren und sind die gelben Reclam-Bändchen wichtige Informationsquellen für ihre Theaterbesuche.
Bild: Siegfried P. Rupprecht

Vor 150 Jahren erschien das erste Reclam-Bändchen. Viele Generationen verbinden mit den gelben Heften Erinnerungen an die Schulzeit. Doch nur einer hat sie alle noch im Regal.

Sie sind gelb, handlich und klein, passen in jede Hosentasche. Fast jeder hat in seiner Schulzeit ein Reclam-Heft in den Händen gehalten. Denn es gibt sie seit genau 150 Jahren, wenn auch zunächst ohne Farbe. Viele versahen ihre Bändchen mit Zeichnungen, Markierungen und Notizen. Wenn man ihnen ansah, dass mit ihnen gearbeitet wurde, sie regelrecht zerlesen waren - spätestens dann waren sie Kult. Viele Menschen haben lange Zeit Erinnerungen an diese Werke.

So schmucklos die Bändchen waren und sind - sie hatten damals wie heute einen großen Vorteil. Sie sind erschwinglich und mit dem unverwechselbaren grellgelben Erscheinungsbild in den Verkaufsregalen sofort erkennbar. Weiter punktet die Reclam-Reihe mit ihrer Vielfalt: Sie hält bereit, was in der deutschen und europäischen Literatur Rang und Namen hat. Hinzu kommen antike und philosophische Texte sowie Gesetzesausgaben und Operntexte. Auch Unterhaltendes wird nicht verschmäht. Fakt ist: Reclam-Hefte sind zumindest aus dem Schulunterricht nicht wegzudenken.

l Für Ursula Paun , Gemeinderätin in Langenneufnach, sind die Heftchen noch immer ein Dauerbrenner. Sie hat sie erstmals in ihrer Jugendzeit kennengelernt. Allerdings nicht in der Schule. Grund für den Erwerb waren ihre Theaterbesuche. „Um vorab die Inhalte von Operetten und Schauspiele zu erfassen, griff ich auf die Reclam-Werke zurück“, erzählt sie. „So war ich vor dem Theaterbesuch stets bestens informiert, und preisgünstig noch obendrein.“ Die teuren Programmhefte zu den jeweiligen Gastspielen habe sie sich nicht leisten können.

Reclam-Heft statt Google

Die Zuneigung zu den Heftchen hat sie sich bewahrt. Als sie mit ihrem Mann in Verona Georges Bizets Oper „Carmen“ besuchte, war davor wieder das Reclam-Heft erste Wahl, und nicht die Recherche bei Google. Zudem haben die Bändchen für sie noch einen ganz praktischen Wert: „Den Heftchen tut das eine oder andere Eselsohr nicht weh.“

l Auch Elisabeth Morhard, Leiterin des Kulturamts Bobingen, hat mit den schmucklosen, aber preisgünstigen gelben Heftchen den Zugang zu den Klassikern der Weltliteratur erlebt. „Die Bändchen waren monatelang Klassenlektüre“, erinnert sie sich. Dabei sei ihr vor allem Goethes Tragödie „Faust“ bleibend haften geblieben. Und hier speziell Gretchens Zitat: „Heinrich! Mir graut’s vor dir.“ „Dieser Ausspruch wurde in der Pubertät ein geflügeltes Wort von mir“, so Morhard. Während der Schulzeit waren ihr die Heftchen in der Ausstattung zwar „nicht unsympathisch“. Dennoch haben sie einen „negativen Touch“ gehabt, gesteht sie. „Die Gelben waren im Unterricht immer mit Aufwand, Arbeit, Mühe und Abfragen verbunden.“ Mittlerweile steht bei ihr keines mehr im Regal.

l Auch Markus Rechner, Leiter der Leonhard-Wagner-Realschule in Schwabmünchen, hatte seinen ersten Kontakt zu einer Reclam-Lektüre in der Schulzeit. „Es war 1980 in der achten Klasse“, erzählt er, „Wir haben damals Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann gelesen.“ Der schaurige Inhalt dieser Geschichte sei ihm noch heute präsent. „Später kamen dann die Klassiker wie Fontanes Effie Briest, Schillers Räuber oder Goethes Iphigenie dazu. Bestimmt wichtige Werke der Literatur, aber so gepackt wie Hauptmanns Bahnwärter Thiel haben mich diese Werke nicht mehr.“ Hängengeblieben sei ihm, dass Reclam-Lektüren sehr handlich, gelb und erschwinglich waren.

Viel Freiraum auf dem Umschlag

l Für den Schwabmünchner Buchhändler Hans Grünthaler sind die Reclam-Heftchen ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit. Die Langeweile im Schulunterricht weckte jedoch seine Kreativität. Dazu lud der Freiraum auf dem Umschlag ein. „Er hat sich wunderbar für Verzierungen, Zeichnungen und Notizen geeignet.“ Dort seien zuweilen kleine Kunstwerke entstanden. Aus heutiger Buchhändler-Sicht sehe er die Heftchen natürlich positiver. „Sie weisen ein handliches Format und einen günstigen Preis auf“, stellt Grünthaler fest. Aktuell sei Johann Wolfgang von Goethes „Faust I“ nach wie vor ein beliebter Kaufklassiker.

l Schlechtere Karten haben die Reclam-Hefte heute bei Lesern in der Stadtbücherei Königsbrunn, so Mitarbeiterin Hildegard Häfele. Sie seien kaum gefragt. „Zu meinen Schulzeiten standen sie in der Buchhandlung Bändchen an Bändchen, ein Regal voller gelber Bücher.“ Sie selbst bevorzuge inzwischen lieber gebundene Werke zum Schmökern.

l Pädagoge und Literat Erich Pfefferlen aus Horgau, der zu Vorträgen in der ganzen Region unterwegs ist, denkt an einen Verlag, der sich treu geblieben ist in seiner schmalen, schmucklosen Form: „Wer Reclam kauft, dem geht es um die Sache als solche“. Zudem handele es sich um Taschenbücher, „die auch tatsächlich in die Tasche passen“, schmunzelt er. In seinem Regal stünden Reclam-Bände in dreistelliger Stückzahl. Denn, so sagt er: „Reclam geht weit über den Schulhorizont hinaus.“

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