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Königsbrunn

15.10.2016

„Ruhe bewahren“ – das schafft nicht jede

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In ihrem Programm "Ruhe bewahren" begeisterte Luise Kinseher als Frau, der es zunehmend schwerer fällt, dieser Aufforderung zu folgen. Das Warten auf einen wichtigen Anruf treibt sie um. Zudem schlüpft sie auch noch in zwei weitere Frauenrollen.
Bild: Hermann Schmid

Luise Kinseher stellt im evangelischen Gemeindezentrum  St. Johannes in Königsbrunn drei höchst unterschiedliche Frauentypen auf die Bühne. 

Ist das die Lösung für uns stressgeplagte Mitteleuropäer? „Ruhe bewahren“? Luise Kinseher legt es im gleichnamigen Programm nahe, aber von den drei Figuren, die sie im evangelischen Gemeindezentrum St. Johannes auf die Bühne bringt, schafft es nur eine – und die ist bereits im höheren Rentenalter und war wohl immer schon so hanseatisch unterkühlt, wie jetzt ihre Erzählungen vom dementen Ehemann klingen.

Aber die anderen beiden? Die eine findet Ruhe, oder zumindest Gelassenheit in ihrer Stammkneipe – „Das ist ein Lokal, in das man mehr als sieben Mal die Woche geht“. Die dritte kommt schwungvoll auf die Bühne, nimmt gleich dynamisch Kontakt zum Publikum auf und zeigt Verständnis für dessen Erschöpfung, die sie unterstellt. Auslöser seien wohl die vielen Dinge, die es sich für diese Woche vorgenommen habe „und die auch zu schaffen gewesen wären, wenn Sie nicht so geschafft gewesen wären“.

Wer seinen Beruf verrät, der taucht immer wieder im Text auf

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Da bietet es sich an, einige Zuschauer nach Beruf und weiteren privaten Details zu befragen. Die beiden Steuerberater, der Fahrradverkäufer und der Mann, der nicht mehr verraten will, als dass er „mit Google arbeitet“ und am Schreibtisch gegenüber einer Kollegin sitzt, tauchen zur Freude der übrigen immer wieder im Text auf.

Luise Kinseher steht als sie selbst auf der Bühne – eine 47-jährige Kabarettistin, mit niederbayerischen Wurzeln, zurzeit Single. Ihr Ziel ist es, die Volkskrankheit Stress zu bekämpfen. „Wenn Sie hier auf Ihren Stühlen einschlafen, dann wär es das Höchste für mich.“

Allein, so ganz entspannt ist Frau Kinseher selber nicht. Das zeigen ihr schneller Redefluss und die regelmäßigen Blicke auf ihr Handy, das sie auf dem Tisch abgelegt hat. Schließlich muss sie es doch erzählen: Gestern habe sie im Hotelaufzug einen Mann getroffen, „wie ich: intelligent, geistreich, erotisch“. Ein kleiner Flirt, beim Aussteigen habe sie ihm noch ihre Handynummer gegeben, er sagte: „Bis bald.“

Dieses „Bis bald“ verfolgt sie durch den Abend. Mit 47 will sie halt nicht mehr alleine sein. „Andere Frauen in meinem Alter haben Kinder, ein Haus – und manche sogar einen erwachsenen Mann!“

Die Zeit verrinnt - undauch die Selbstbeherrschung

Doch das Handy vibriert nicht. Die Zeit verrinnt – wie ihre Selbstbeherrschung. Die Fantasie galoppiert: Mal unterstellt sie aufgekratzt, der Unbekannte sei ein Kunsthändler, der jetzt wohl schon in New York ist und daher in einer anderen Zeitzone, mal wütet sie gegen den „verheirateten, rechtsradikalen Waffenhändler“.

Nahtlos wechselt Luise Kinseher von klamaukhaften Übertreibungen in halblautes Sinieren und philosophische Gedanken. Etwa über die Zeit. Die allgemeingültige Uhrzeit habe der Mensch ja nur für den Zugfahrplan erfunden, weiß sie. Der Drang zum Zeitsparen treibe den Fortschritt an – doch das führe nur zu mehr Warten, so wie schnellere Autos zu mehr Staus führen.

Das Internet und Smartphones treiben Zeitsparen auf die Spitze, sagt sie. Sie erwähnt eine katholische App „für die schnelle Buße zwischendurch“. Sehr praktisch, denn „wer schneller büßt, hat mehr Zeit zum sündigen“. Aber auch sehr riskant, denn jede SMS führe zu einer Adrenalin-Ausschüttung, die uns ständig unter Hochspannung setzt. „Der Mensch ist von der Evolution her einfach noch nicht so weit“, stellt sie bekümmert fest. Den Zuschauern bleibt das Lachen im Halse stecken.

Eine tolle Autorin und einetolle Schauspielerin

Solche Wechsel von Gags zu tiefschürfenden Gedanken gibt es häufig, sie zeigen die Qualität der Autorin Luise Kinseher, so wie die drei ganz unterschiedlichen Frauenfiguren ihr Können als Schauspielerin belegen. Köstlich, wenn ihr angesäuseltes Alter Ego mit alkoholschwerem Genuschel die Quantentheorie erklärt, der zufolge sich „die Fast-Nichtse“, wenn sie unbeobachtet sind, anders verhalten als unter Beobachtung. Ihre philosophische Schlussfolgerung: „Der Betrachter bestimmt, was er sieht.“

Nun ordnet die (meist) souveräne Kabarettistin ihre Begegnung im Hotellift als Erlebnis „in einer anderen Dimension“ ein. Doch da klingelt das Handy. Nach kurzem Gespräch ein Schrei der Begeisterung. Jetzt muss Frau Kinseher den Auftritt rasch beenden – sie hat überraschend noch ein Date in München.

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