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Landkreis Augsburg

29.11.2019

Schwabmünchner Redaktionsleiter verabschiedet sich

Pitt Schurian ist Lokalreporter aus Leidenschaft. Nach 44 Jahren im Haus unserer Zeitung geht er jetzt in den Ruhestand.
Bild: Marcus Merk

Pitt Schurian war 44 Jahre in der Region unterwegs und prägte als Redaktionsleiter diese Zeitung. Zum Abschied verrät er, was sich ändern und was bleiben wird.

Nach 44 Jahren im Haus der Augsburger Allgemeinen sagt er heute leise Ade: Pitt Schurian, seit 2000 Redaktionsleiter der Schwabmünchner Allgemeinen, geht heute Abend in den Ruhestand. Im Interview erzählt er über Gänsehautmomente, Veränderungen und den bevorstehenden Ruhestand.

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Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Artikel?

Pitt Schurian: Mein erster Bericht als freier Reporter drehte sich um den Vietnamkrieg und eine Schülerdemo in Straubing. In der SMV am Ludwigsgymnasium waren wir der Meinung: Man muss allen Leuten nur sagen, wie schlimm Krieg ist, und es wird keine Kriege mehr geben. Das hat bekanntlich nicht funktioniert, aber ich wurde so Journalist.

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Sie sind später nach einigen Jahren beim Radio wieder zur Zeitung gewechselt. Worin liegt für Sie der Reiz am Lokaljournalismus?

Schurian: Mein Ding ist das lokale Leben. Alles Geschehen auf der Erde ist zunächst lokales Geschehen, selbst wichtigste Dinge ereignen sich oft in abgelegensten Gegenden, und die Lokalreporter sind am direktesten dran. Gerade Lokalzeitungen spüren den Wandel in Gesellschaft und Technik schnell, da sie am Geschehen nah dran sind. Und in 44 Jahren passiert eine Menge um einen Lokalreporter herum.

Was waren die Gänsehaut-Momente als Reporter?

Schurian: Ein von einem Anruf aus dem Weißen Haus jäh unterbrochenes Interview mit Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky, bei dem ich ihn während seines Urlaubs in Bad Wörishofen als besonnenen Friedensstifter für den Nahen Osten erlebte. Oder eine Notlandung am Firmenflugplatz Mattsies: Nur zwei von drei Fahrwerken waren ausgefahren. Der begnadete Flugzeugingenieur Burkhart Grob aus Mindelheim sprach den Piloten per Funk zu Boden. Der Schaden blieb minimal. Die Reportage war spannend wie ein Krimi. Ich erlebte Grob damals und bei anderer Gelegenheit als ganz anderen Menschen, als er in der Amigo-Affäre öffentlich dargestellt wurde. Nie vergessen werde ich auch, wie ich mich beim Termin im Priesterseminar in Augsburg 1987 Papst Johannes Paul II. vorstellen wollte und der mir dabei in die Augen schaute. In dem Moment schien es mir, als lese er da alles über mich.

Was nehmen Sie aus 44 Jahren Journalismus mit?

Schurian: Wenn wir alle einfach einander mehr zuhören, erfahren wir viel mehr über die Welt als durch alle schnelle Aufgeregtheit, die ständig auf vielen Kanälen auf uns einströmt. Und wenn wir dann auch noch Zeit haben, um das in Ruhe niederzuschreiben oder zu lesen, dann bekommt es weit mehr Sinn und Gewicht als die kurzen Parolen, die auf uns einprasseln. Darum bin ich überzeugt, das Wort steht nicht nur an allem Anfang. Es hält alles zusammen. Und wir haben das Glück, es als unser wichtigstes Handwerkzeug zu nutzen. Ich brauche nicht die schlechte Nachricht, um das Leben und die Menschen spannend darzustellen.

Die Zeitungsbranche befindet sich im Augenblick in einem großen Wandel. Das Angebot an Onlinemedien wird immer größer. Welche Bedeutung messen Sie der Zeitung in Zukunft zu?

Schurian: Den Wandel gab es immer schon. Heute muss ich feststellen, dass wir mit der gedruckten Zeitung allerdings nicht mehr das erste Wort in der öffentlichen Wahrnehmung haben. Aber wir können das letzte Wort haben, indem wir den Menschen Zusammenhänge erklären, Antworten geben und indem wir helfen, die Dinge zu gewichten, einzuordnen in einer immer unübersichtlicheren Welt. Zwischen dem Bleisatz von einst und der crossmedialen Zeitung von heute liegen keine Gegensätze. Es gab und gibt jedoch viele Etappen eines Wandels, mit dem sich die Zeitungen fortentwickeln.

Sie hatten schon einmal eine Zeit erlebt, als der gedruckten Zeitung das Ende prophezeit wurde.

Schurian: Stimmt. Das war in den 1970er-Jahren nach dem Ölpreisschock und frühen Meldungen über sauren Regen und Waldsterben. Es hieß: Bald werde die Papierherstellung unerschwinglich sein. Damals gab es Visionen, Zeitungen auf Plastikfolie zu drucken oder via Fernsehschirm als Bildschirmtext zu verbreiten. Ein ständiger Wandel gehört also zur Branche. Nach meinem Wechsel im Jahr 2000 nach Schwabmünchen konnte ich 2001 zum Beispiel an unserer Ausgabenstrukturreform im Raum Augsburg mitwirken. Sie brachte ein eigenes Buch, wie wir sagen, für den Schwabmünchner und Königsbrunner Lokalteil anstatt einzelner verstreuter Seitenabschnitte im Augsburger Teil. Ein riesiger, aufwendiger Fortschritt. Heute längst kein Thema mehr. Weitere Modernisierungen der Blattgestaltung folgten.

Der technische Wandel im Hintergrund war da für die Leser aber auch nicht so sichtbar wie heute.

Schurian: Stimmt, das gilt übrigens auch für den organisatorischen Wandel. Die Redaktionen im Landkreis Augsburg waren die ersten, die mit eigenen Mitteln einen gemeinsamen Produktionsdesk zur Seitengestaltung aufbauten. Hiermit konnten wir als Blattmacher, wie ich mich sehe, sehr viel zum Vorteil der Leser erreichen: bei vertretbarem Aufwand sehr umfangreiche Lokalteile, wie sie in Deutschland heute eher selten sind. Die enge Kooperation der lokalen Teams von Schwabmünchen und Gersthofen und die Nutzung digitaler Technik wird dazu noch weiter zunehmen.

Ändert sich in Zukunft auch die Arbeit der Lokalreporter?

Schurian: Neugierde und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Themen sowie die Fähigkeit, fremde Dinge anschaulich darzustellen, bleiben unabhängig von der Verarbeitungs- und Verbreitungstechnik die Grundvoraussetzung. Eine typische Szene aus unserem Tagwerk ändert sich also kaum: Zur Recherche rücken wir noch immer einfach mit Kugelschreiber und Notizblock aus. Auch wenn mir das Smartphone in der Tasche nicht nur wegen der eingebauten Kamera zum wichtigen Helferlein wurde.

Sie sind ein echter Technikfan...

Schurian: Ja, ich bin ein Technikfan, nutzte stets alle neuen Kommunikationsgeräte früh als Handwerkszeug: Pager, Computer, Mobiltelefon, erste elektronische Redaktionssysteme, Tablet-PC. Doch ich sage auch: Ich bin ein Freund des geschriebenen Worts. Und ich lese es am liebsten auf Papier.

Welche Lektüre auf Papier nehmen Sie sich in der ersten Woche im Ruhestand vor?

Schurian: Es werden natürlich zunächst die gewohnten Zeitungen sein. Es warten zudem einige Bücher auf mich. Doch erst einmal nehme ich mir Zeit für einige Besuche, die ich zu lange geschoben habe.

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