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Lechfeld

06.10.2017

Sehen wie es ist, wenn man nichts sieht

Nach geglückter mehrfacher Vollbremsung klatschen sich Marcel und Fahrlehrer Daniel Turner ab.
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Nach geglückter mehrfacher Vollbremsung klatschen sich Marcel und Fahrlehrer Daniel Turner ab.
Bild: Uwe Bolten

Alle zwei Jahre gibt es auf dem Lechfeld ein Fahrtraining für Menschen mit Behinderung. Wie es sich anfühlt, blind mit 100 Stundenkilometern hinterm Lenkrad zu sitzen.

Umsichtig setzt sich die 32-jährige Dorothea hinter das Steuer des Kleinwagens. Sie fasst nach unten, stellt den Sitzabstand ein. Fahrlehrer Werner Korn setzt sich auf den Beifahrersitz und fragt nach ihren Erfahrungen im Fahren. „Ich bin schon mehrfach gefahren“, sagt sie und tastet das Lenkrad ab. Dorothea ist blind – und gleich fährt sie mit dem Auto.

Diese Situation ist häufiger zu beobachten, wenn knapp 30 blinde, stark sehbehinderte oder geistig behinderte Menschen die einmalige Gelegenheit haben, sich unter Anleitung eines Fahrlehrers hinter das Steuer zu setzen. Franz Turner, Chef der gleichnamigen Fahrschule in Schwabmünchen, gibt in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fahrschulen aus der Region diesen Menschen, die sonst nicht als Autofahrer am Straßenverkehr teilnehmen können, die einmalige Gelegenheit, aktiv ein Fahrzeug zu führen.

Insgesamt stehen zehn Fahrschulwagen mit Fahrlehrern bereit. „Ich freue mich, dass wieder so viele Menschen das Angebot annehmen. Gleichzeitig lade ich die Sehenden ein, auch mal eine Blindfahrt zu versuchen, damit sie sehen wie es ist, wenn man nichts sieht“, begrüßt Turner die Anwesenden in einem Raum auf einem abgesperrten Gelände der Bundeswehr nahe Klosterlechfeld. Die Fahrschüler stammen durchweg vom Dominikus-Ringeisen-Werk in Pfaffenhausen sowie vom Blinden- und Versehrtenverein Augsburg.

Die Fahrerin schaut nicht nach vorne

Und mittendrin ist unser Autor: Langsam setzt sich das Fahrzeug in Bewegung. Vom Rücksitz aus merke ich nichts Ungewöhnliches. Nur die häufigen Richtungsanweisungen von Werner Korn fallen mir im Gegensatz zu anderen Fahrstunden auf. Und dass die Fahrerin nicht nach vorne schaut. Ihr seitlich zum Fahrlehrer zeigendes Gesicht wirkt sehr konzentriert. Nur selten fragt sie nach. Wir fahren um Kurven, auch Gegenverkehr begegnet uns. Ich fühle mich sicher.

Dorothea bremst weich und gefühlvoll, die Schaltbewegungen sitzen. Bei der Slalomfahrt mit 90 Kilometer pro Stunde spüre ich, wie meine rechte Hand sich in den Griff der Seitentür krallt. Mein Vertrauen zu Dorothea gerät etwas ins Wanken. Doch Korn hat die Übersicht und assistiert hin und wieder bei der Lenkbewegung. Nach einer Viertelstunde, zurück am Ausgangspunkt, parkt Dorotheas rückwärts ein. Direkt neben meinem Fahrzeug. Doch ich bin sicher, dass diesem nichts passieren wird.

Mit der Zeit stellt sich eine Sicherheit ein

„Es ist einfach toll, dass wir Blinden das erleben können. Einfach schön. Vielen Dank“, sagt Dorothea nach der Fahrt. Sie sei etwas enttäuscht, dass ihr einmal der Motor abgestorben und dass die Fahrt schon vorbei ist, sagt sie mit entspannten Gesicht. Gegenüber ihrer geliebten Berufstätigkeit, dem Verpacken von Schokolade, stellt dieser Nachmittag mehr als eine Abwechslung dar. In der provisorisch eingerichteten Kaffeestube des Geländes zeugt intensives Stimmengewirr von den emotionalen Erzählungen der Fahrer.

Die Schwabmünchnerin Ursula Vogele hat ihre Fahrten hinter sich. „Heute war ich zum siebten Mal dabei. Heute war es superschön“, sagt die Angestellte der Stadtverwaltung. Durch die geringere Anzahl der Fahrer im Vergleich zu den vergangenen Jahren sei es sehr entspannt gewesen. Auch das Auto sei sensibler gewesen. Darauf habe sie sich erst einstellen müssen, berichtete Vogele. Bei den ersten Malen habe sie schon etwas gezögert, ein Fahrzeug zu führen. Mit der Zeit stelle sich aber eine Sicherheit ein, die auch vom Vertrauen zum Fahrlehrer geprägt sei, erläutert sie ihre Erlebnisse.

Wie auf einem Karussell bei geschlossenen Augen

Ich kann nichts sehen, meine Augen sind zu. Und ich fahre Auto. Mein Begleiter, Daniel Turner, Sohn des Fahrschulbetreibers und selbst erfahrener Fahrlehrer, gibt mir Hinweise. Ich stelle mir die Straße vor, auf der ich eben sehend gefahren bin. Es hilft nichts. Immer wieder greift Daniel in meine Lenkbewegung ein, vielleicht weil ich nicht genau hinhöre, was er sagt. Nach seiner Aufforderung schlage ich voll nach links ein und drehe mehrere Kreise.

Ist wie auf einem Karussell bei geschlossenen Augen. Die Lenkbewegung geradeaus lässt mich eine Kurve nach rechts fühlen. Ich weiß nicht mehr, wo wir sind. Ich spüre die Kraft des Motors anders als sonst, die Geschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde fühlt sich wie die Hälfte an. Nach zehn Minuten, das Auto ist eingeparkt, öffne ich die Augen und kann ganz leicht die Faszination spüren, die dieses Fahrtraining für die Blinden bedeutet.

Begeisterung und Freude über die neue Freiheit der Bewegung

Ein ganz anderer Fahrer ist Marcel. Die erste Frage des geistig behinderten Fahrschülers an den Fahrlehrer lautet: „Soll ich mich hinten reinsetzen?“ Die kurze Antwort des erfahrenen Fahrlehrers: „Nein, du fährst.“ Daniel Turner leitet seinen Schüler, der noch nie ein Fahrzeug geführt hat, an. „Darf ich mal hupen?“, fragt Marcel und erhält die Erlaubnis vom Fahrlehrer. Diese Tätigkeit macht ihm sichtlich Freude und er wiederholt dies während der Fahrt unzählige Male.

Nicht ganz so geschmeidig wie Dorothea führt Marcel das Fahrzeug auf der Strecke. Leichte Nervosität macht sich breit. Aber die Begeisterung und Freude über diese neue Freiheit der Bewegung sind ebenso intensiv zu spüren. „Jetzt bremsen wir mal kräftig auf mein Zeichen. Drei, zwei, eins, jetzt!“, ordnet Daniel Turner an.

Zahlreiche Vollbremsungen

Auch wenn ich mich auf die Bremsung eingestellt habe, überrascht mich die Intensität. Gefahrenbremsung sagt man wohl dazu. Dass Marcel dabei so viel Freude entwickelt und ich auf der Rückbank in den mehrfachen Genuss vom Einrasten des Sicherheitsgurtes bekomme, habe ich nicht vermutet. Die zahlreichen Vollbremsungen begeistern den Fahrer. Marcel juchzt vor Spaß und wir drei klatschen uns ab.

„Die Veranstaltung hat sich bewährt. Die Freude, die wir gemeinsam mit den Blinden und Behinderten erleben, ist unbeschreiblich“, sagt Initiator Franz Turner. Besonderer Dank gelte dabei der Bundeswehr, den Fahrschulen und dem Busunternehmen Stuhler, der den Transfer von den Bahnhöfen zum Schulungsort sicherstellte. Ohne eine solche Unterstützung sei diese Veranstaltung nicht durchführbar, sagte Turner.

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