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Mittelneufnach

20.10.2019

Seit 1944 gibt „Leni“ in Mittelneufnach den Ton an

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2 Bilder
Als eine der wahrscheinlich dienstältesten Organisten begleitet Magdalena Vogg nach wie vor jeden Sonntag die heilige Messe an „ihrer“ Orgel in Mittelneufnach.
Bild: Marcus Angele

Plus Vor 75 Jahren spielte Magdalena Vogg erstmals auf der Kirchenorgel. Seitdem vermittelt sie mit ihrem Instrumentenspiel ein Gefühl von Geborgenheit.

Sonntag für Sonntag gleiten ihre Hände über die schwarzen und weißen Tasten der Kirchenorgel von Mittelneufnach und ihre Beine gleiten für die Basstöne über die Fußpedale. Magdalena Vogg machte das schon, als draußen der Zweite Weltkrieg Angst, Elend und Not verbreitete. Inzwischen sind 75 Jahre vergangen und sie selbst verbreitet in der Kirche noch immer wohltuende Geborgenheit mit ihrem gefühlvollen Spiel an der Orgel. Schätzungsweise mehr als 14.000 Gottesdienste, Messen und Chorproben dürften inzwischen zusammengekommen sein.

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Egal ob fünf oder 95 Jahre – kaum ein Dorfbewohner kennt jemand anderen an der Orgel in der Kirche St. Johannes Evangelist in Mittelneufnach als Magdalena Vogg, die von allen auch liebevoll „Leni“ genannt wird. Seit einem Dreivierteljahrhundert gibt sie im wahrsten Sinne des Wortes den Ton im Gotteshaus an und beherrscht die 18 Register und 1078 Pfeifen aus Holz und Metall wie keine Zweite.

Die ersten Unterrichtsstunden bekam sie bei der Kindergärtnerin

Begonnen hat sie ihre musikalische Laufbahn aber auf einem kleinen Akkordeon: Als ihr Vater 1940 verletzt aus dem Krieg nach Hause kam, schenkte er der damals zehnjährigen Leni aus Freude beim Wiedersehen das Musikinstrument. Die ersten Unterrichtsstunden bekam sie bei der Kindergärtnerin. Doch schon nach kurzer Zeit verließ diese die Gemeinde und auf der Suche nach einer neuen Lehrerin machte Leni Bekanntschaft mit drei Klosterfrauen von der Kongregation der Englischen Fräulein, die während des Krieges nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt untergebracht waren. Bei den Schwestern lernte sie nicht nur Akkordeon, sondern auch Steno- und Schreibmaschineschreiben. Die noch manchen in Erinnerung gebliebene Schwester Ildephonsa war es schließlich, die Leni zum Klavier und später zur Orgel brachte. Auch der damalige Kirchenchorleiter Professor Maier war von ihrem Talent angetan und besorgte ihr 1942 ein Klavier für zu Hause.

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Eigentlich hatte Leni nie vorgehabt, Kirchenorgel zu spielen – schon gar nicht als Kind. Doch Schwester Ildephonsa, die damals in Mittelneufnach die Gottesdienste musikalisch begleitete, hatte einen anderen Plan und zeigte ihr mit viel Geduld das Zusammenspiel von Händen und Füßen auf der Orgel.

Nur zwei Jahre später durfte sie bei einer Andacht ihr erstes Lied vor der Gemeinde spielen. Und das weiß Magdalena Vogg wie heute noch: „Ja, das war das Sebastianlied, das damals öfter gespielt wurde. Es war eine schwere Zeit und in dem Lied heißt es: Schütze gegen alle Feinde unsere gläubige Gemeinde. Heiliger Sebastian, nimm bei Gott dich unser an …“

Die große Stunde zu ihrer Berufung war gekommen

Als dann im gleichen Jahr der Organist im benachbarten Könghausen ausfiel, war die große Stunde zu ihrer Berufung gekommen – und das gleich zu einem Hochfest: „Zum Johannisfest am 24. Juni 1944 mussten wir noch zu Fuß nach Könghausen laufen. Das war damals ein richtiger Feiertag. Ich war schon sehr aufgeregt, denn ich sollte dort gleich eine lateinische Messe spielen. Aber es hat alles gut geklappt, die Leute waren irgendwie dankbar und hatten mich von Anfang an akzeptiert. So war ich dann vier Jahre bis 1948 Organistin in Könghausen“, erinnert sie sich mit einem Lächeln.

1948 verabschiedeten sich Schwester Ildephonsa und ihre Mitschwestern aus Mittelneufnach. Leni kehrte an die heimische Orgel nach Mittelneufnach zurück und spielt seither auf dem kirchlichen Instrument.

Eine Zeit lang hat sie auch in Immelstetten ausgeholfen. Das ging zeitlich gut, da der damalige Pfarrer William Nyul beide Pfarrgemeinden betreute und es so zu keinen Terminüberschneidungen kam. 1997 bekam die Pfarrkirche Mittelneufnach eine ganz neue Orgel. Aber die 18 Register und über tausend Pfeifen hat Leni voll im Griff. Die einzige echte Umstellung war, dass sie seit dem mit „Rückspiegel“ spielt, da sie nicht mehr seitlich, sondern mit dem Rücken zum Altar sitzt. Als wichtiges Extra ist an der Orgel noch ein kleiner Heizstab angebracht, wo sie sich, gerade wenn es kalt ist, in den Pausen die Finger wärmen kann.

Weihnachtslieder spielt sie dann doch richtig gerne

Richtige Lieblingslieder hat sie eigentlich nicht. Aber die Weihnachtszeit ist schon immer wieder etwas Besonderes, und die Weihnachtslieder spielt sie dann doch richtig gerne. Zwei Dinge sind aber in dieser langen Zeit immer geblieben: „Ich bin vor dem ersten Lied immer noch richtig nervös. Doch sobald ich die ersten Töne spiele, verfliegt das. Gerade an besonderen Festlichkeiten oder wenn viele fremde Leute in der Kirche sind, da merke ich das schon noch deutlich. Außerdem spiele ich nach wie vor alles nach Noten, da bin ich mir einfach sicherer“, findet Magdalena Vogg.

Die Lust am Orgelspiel hat sie in den 75 Jahren nie verloren. Sie glaube, dass das Spielen und Notenlesen sie zudem geistig fit halte, sagt sie und setzt dabei wieder ihr schon fast schüchtern wirkendes Lächeln auf.

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