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Kreis Augsburg

24.10.2016

Sind Apotheken in der Region in ihrer Existenz bedroht?

Apotheker Wolfgang Mailänder bedient in Schwabmünchen eine Kundin.
Bild: Christian Gall

Der Europäische Gerichtshof entscheidet, dass Internethändler Rabatte auf rezeptpflichtige Medikamente gewähren dürfen. Welche Vor- und Nachteile das Urteil für Verbraucher hat.

Die Medikamente bequem von zu Hause aus bestellen und dabei noch Geld sparen? Oder doch zur nächsten Apotheke fahren, mehr bezahlen, dafür aber vernünftig beraten werden? Vor dieser schweren Entscheidung könnten Verbraucher im Landkreis Augsburg in Zukunft stehen.

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Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hat vor wenigen Tagen die Preisbindung für Pillen, Salben und Co gekippt. Demnach dürfen ausländische Versandapotheken verschreibungspflichtige Medikamente billiger an Kunden in Deutschland verkaufen. Für deutsche Apotheken gilt das aber nicht – das verbietet das deutsche Gesetz der Preisbindung. „Die Preise für Medikamente werden fallen. Vor allem für chronisch Kranke, die viel Geld ausgeben, ist das wichtig“, sagte Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern. Er bewertet das Urteil des EuGH positiv, weil der Wettbewerb ein Vorteil für die Verbraucher sei.

Wolfgang Mailänder, der zwei Apotheken in Schwabmünchen betreibt, sieht dagegen die Gleichheit der Anbieter gefährdet: „Wenn der Versandhandel sich nicht mehr an Preise halten muss, entsteht ein ungleicher Wettbewerb.“ Seine eigenen Apotheken seien durch das Urteil nicht bedroht: „Die Kunden schätzen den Service bei uns. Die persönliche Beratung wird das Internet nie ersetzen können.“

Sind Apotheken in der Region in ihrer Existenz bedroht?

"Bei rezeptpflichtigen Tabletten gute Beratung"

Offenbar teilen auch Kunden diese Meinung. Eine Einkäuferin in der Alten Apotheke sagte: „Bei Medikamenten muss ich mich darauf verlassen können, dass alles richtig läuft. Das ist mir im Internet einfach zu unsicher.“ Dem schloss sich ein weiterer Kunde aus Schwabmünchen an: „Gerade bei den rezeptpflichtigen Tabletten will ich eine gute Beratung.“ Er könne sich aber gut vorstellen, rezeptfreie Medikamente über eine Versandapotheke billiger zu kaufen. Andere Kunden lehnen das ab: Eine Schwabmünchnerin erklärte, dass sie sich im Internet nicht sicher ist, ob die Qualität der Arzneimittel auch gut sei.

Der Inhaber der Staudenapotheke in Langenneufnach, Bernd Lyhs-Urban, hat einen Trend festgestellt: „Seit Jahren steigen bei mir die Umsätze. Der Gewinn nimmt aber nicht spürbar zu.“ Die Nachricht, dass Versandapotheken keiner Preisbindung mehr unterliegen, habe ihn schockiert: „Ich war im ersten Moment panisch und hatte Angst, dass ich meinen Laden dicht machen muss.“ Inzwischen habe sich die Panik gelegt. Denn Lyhs-Urban geht davon aus, dass es seine Apotheke weniger schlimm treffen wird als die Kollegen in der Stadt: „Im ländlichen Bereich ist der Konkurrenzdruck nicht so hoch.“

Apotheken in der Region übernehmen Nacht- und Notdienste

Das sieht der Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland Thorben Krumwiede anders. Seiner Meinung nach könnten durch das Urteil vor allem Apotheken im ländlichen Raum betroffen sein. Sascha Straub von der Verbraucherzentrale geht davon aus, dass nicht alle Apotheken vor Ort mit dem Versandhandel mithalten können: „Sollte die Grundversorgung irgendwann in Gefahr sein, muss der Staat eingreifen.“ Denn Apotheken in der Region übernehmen unter anderem die wichtigen Nacht- und Notdienste.

Der regionale Sprecher des Bayerischen Apothekerverbandes Ulrich Koczian betreibt die Linden-Apotheke in Pfersee; seines Wissens nach kommen die Versandapotheken vor allem aus den Niederlanden. Er befürchtet, dass diese in Zukunft chronisch kranke Menschen gezielt mit Gutscheinen oder sonstigen Vergünstigungen anwerben. Doch gerade die Beratung im Versandhandel komme bei diesen Patienten zu kurz. „Die chronisch Kranken müssen häufig mehrere Medikamente einnehmen. Und wir können vor Ort mit ihnen genau absprechen, welche Medikamente zusammen verträglich sind und welche nicht“, sagte Koczian.

Apotheker wie Mailänder verlangen von der Politik eine Lösung

In Deutschland versorgt jede Apotheke im Schnitt 3800 Menschen und liegt damit im europäischen Durchschnitt. Für Medikamente werden in Deutschland hingegen die höchsten Preise bezahlt – das müsse sich laut der Verbraucherzentrale ändern. Deswegen sei es gut, wenn das System durch das Urteil des EuGH in Bewegung komme. Bis das betreffende Gesetz sich ändert, könne es aber noch dauern.

Apotheker wie Mailänder verlangen von der Politik eine Lösung, um einen fairen Wettbewerb wiederherzustellen. Bayern hat darauf reagiert: Es will den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten verbieten.

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