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Schwabmünchen

18.11.2019

Sogar der Mörder kommt zu Wort

Die Schauspieler Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun begaben sich in der Schwabmünchner Stadthalle auf die Suche nach dem Mörder von Hinterkaifeck – eine spannend und kreativ inszenierter Abend.
Bild: Reinhold Radloff

Die Schauspieler Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun inszenieren in der Schwabmünchner Stadthalle ein echtes Krimi-Spektakel zum ungelösten Verbrechen von Hinterkaifeck.

Was sich vor beinahe 100 Jahren auf dem Einöd-Hof Tannöd in Hinterkaifeck zugetragen hat, lässt immer noch Raum für viele Spekulationen: Die gesamte Familie und die neue Magd wurden umgebracht. Ein Mörder wurde nie gefasst. Deutschlands spektakulärster Kriminalfall kam jetzt in die Schwabmünchner Stadthalle – die Gäste erwartete ein unglaublich spannender und musikalisch extravaganter Abend.

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Das Krimi-Spektakel nach der Vorlage von Autorin Andrea Maria Schenkel spielt im ersten Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Interviewer reist in das erzkatholische Dorf und unterhält sich mit den verängstigten Bewohnern. Gleichzeitig wird in Schlaglichtern die Entwicklung des Tathergangs und die Entdeckung der Tat einige Tage später geschildert.

Die Schauspieler Johanna Bittenbinder, mehrfach preisgekrönt, und Heinz-Josef Braun, bekannt unter anderem aus dem Film „Wer früher stirbt, ist länger tot“ und als Bassist von Haindling, saßen in der Stadthalle Schwabmünchen regungslos und ohne Mimik auf der Bühne am Tisch, lauschren der schaurig schönen Musik der vierköpfigen, schwarzweiß-gekleideten Gruppe „Art Ensemble of Passau“. Sie schlüpften in 22 verschiedene Rollen: Menschen aus der Umgebung der Ermordeten, Schulkameraden, Beamte, ein Postbote, ein Mechaniker, eine Pfarrköchin oder Nachbarn und und und. Und auch in die Rollen der Ermordeten. Sogar der Mörder kommt zu Wort – aber er bleibt unerkannt. Dazwischen und währenddessen sorgen die vier Musiker mit den unterschiedlichsten Instrumenten und Gegenständen für Spannung. Im Publikum hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Und jeder versuchte, sich einen Reim auf das Erfahrene zu machen, eventuell den Mörder zu entlarven, was natürlich nicht gelang. Denn: Warum sollte dieser mysteriöse Fall ausgerechnet jetzt gelöst werden? Kriminalisten war das in fast einem Jahrhundert nicht gelungen. Trotzdem: Die Gedankenspiele sind spannend, erregend.

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Die Akte Tannöd wurde offiziell 1955 geschlossen, die kriminalpolizeilichen Ermittlungen gingen trotzdem bis 1986 weiter. Und heute? Es gibt sogar noch eine selbst ernannte Soko Hinterkaifeck, verschiedene spiritistische Sitzungen, viele Bücher und Filme, die nach Lösungen suchen. Doch neue Beweise oder Indizien werden wohl nicht mehr gefunden.

Der Hof, auf dem der scheußliche Mehrfachmord stattgefunden hatte, wurde bereits ein Jahr nach den Taten abgerissen, weil dort keiner mehr wohnen wollte, aus Angst davor, dass der Mörder zurückkehren könnte. Nur ein Bildstock erinnert heute noch an das damalige Geschehen. Nicht einmal mehr den Wald drumherum gibt es noch. Stattdessen wird dort großflächig Rollrasen angebaut.

Trotzdem: Ganze Tourismusströme kommen dorthin, wollen in die unerklärliche Sehnsucht nach Grauen eintauchen. Genauso wie die Besucher in der Stadthalle Schwabmünchen, die zur Veranstaltung der Buchhandlung Schmid gekommen waren.

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