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Ausstellung

10.11.2012

Stasi-Akten und Gießkanne mit doppeltem Boden

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5 Bilder
Horst Waikinn hatte zur Eröffnung seine eigene Stasi-Akte mitgebracht.

Im Rathaus und vier Schulen wird vom Geschäft der Stasi und dem Ende der DDR vor 23 Jahren erzählt. Beklemmende Schilderungen von Zeitzeugen

Königsbrunn Mit einer Mischung aus beklemmenden Schilderungen und amüsanten Anekdoten und einer Friedhofs-Gießkanne, mit der man dank eines doppelten Bodens und eingebautem Fotoapparat nicht nur Blumen gießen, sondern auch konspirative Treffen dokumentieren konnte, eröffnete Konrad Felber im Rathaus die Ausstellung „Wir sind das Volk“.

Sie dokumentiert in sechs Abschnitten, die im Rathaus und vier Königsbrunner Schulen zu sehen sind, das militante Vorgehen des DDR-Staatsapparates gegen die eigene Bevölkerung und den verzweifelten Mut, mit dem die Menschen im Herbst 1989 gegen das diktatorische Unrechtssystem offen Widerstand leisteten (siehe Infokasten).

Felber, heute Leiter der Dresdner Außenstelle der „Bundesbehörde für Staatssicherheitsunterlagen der ehemaligen DDR“ (BStU), war damals als Handwerksmeister tätig und renovierte gerade sein Haus. Als SED-Funktionär Günter Schabowski eher versehentlich in einer Pressekonferenz die DDR-Grenzen für offen erklärte, rührte Konrad Felber in seinem Keller den Beton fürs Fundament an. Die Nachricht von der Grenzöffnung sprach sich rasch herum, erzählte Felber, seine Nachbarn seien zur Grenze gefahren, erzählte Felber, nur er nicht: „Ich musste ja den Beton fertig verarbeiten.“

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Doch die historische Pressekonferenz in Berlin wäre nicht möglich gewesen ohne die vorausgegangen Ereignisse, wie beispielsweise die Botschaftsbesetzungen in Warschau, Budapest und eben Prag, die im Rathaus dokumentiert ist.

In seinem Vortrag hob Felber die entscheidende Rolle des deutschen Botschafters Hermann Huber hervor, „was in den Dokumentationen kaum zu finden ist.“ Huber habe damals eine Vielzahl von „Nötigungsanrufen“ bekommen – auch von westdeutschen Behörden – in denen ihm nahe gelegt wurde, er solle das Botschaftsgelände räumen lassen. „Es ist nicht Aufgabe der Botschaft, Politik zu machen“, hieß es. „Hermann Huber aber hat damals geantwortet, er mache keine Politik, sondern leiste humanitäre Hilfe“, berichtete Felber, deshalb konnten die über 6000 DDR-Flüchtlinge auf dem Gelände bleiben.

Im Nachgang der Geschehnisse habe der Botschafter auch Post vom Bundesrechnungshof erhalten, weil vom Botschaftsetat Gelder für Zwecke verwendet wurden, die nicht zu den Aufgaben der Botschaft gehörten. Aus dieser kleinen Randnotiz schloss der Felber: „Bürokratie kennt wahrscheinlich keine historischen Ereignisse.“

Königsbrunner Bürger hat seine Stasi-Akte mitgebracht

Knapp 150 Zuhörer verfolgten den Vortrag im Sitzungssaal und spenden im Anschluss ungewöhnlich lange anhaltenden Applaus. Unter den Gästen war auch Horst Waikinn, der 1986 nach einem Besuch in Westdeutschland nicht wieder in die DDR zurückreiste. Heute lebt er in Königsbrunn. Zur Veranstaltung im Rathaus hatte er seine Stasi-Akte mitgebracht.

Was dort über ihn drinnen stand, habe ihn nicht verwundert, erzählte er „aber was über meine Frau drinnen stand, hat mich schon erschreckt.“ Denn erst im Nachhinein, beim Lesen seiner Stasi-Akte erfuhr er, welchen Repressalien seine Frau nach seiner Flucht ausgesetzt war. „Das tut mir heute noch leid“, so Waikinn.

Kulturreferent Norbert Schwalber würdigte in seiner Einführung die friedliche Revolution, „Es war der Druck des Volkes, dass die Wende erreicht wurde.“

Kultur- und Bildungsmanagerin Ursula Off-Melcher hatte die Ausstellung und den fachkundigen Referenten in die Brunnenstadt geholt. Als Dank für seinen fundierten Vortrag übergab sie Felber einen Königsbrunner Bierkrug und erinnerte gleichzeitig an die Stasi-Akte „Bier“, die 1983 über den damals bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß angelegt wurde – Strauß wurde in der Akte „Bier“ genannt, sein Sohn Max „Enzian“ und seine Frau „Sennerin“ – aber das ist eine andere Geschichte.

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