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Kreis Augsburg

12.04.2020

Vater und Sohn leben zusammen seit 100 Jahren den Traum vom Fliegen

Paul und Karl Stöber mit den Modellen der vielen Flugzeuge, die sie schon geflogen sind, und einem besonderen Pokal: Karl Stöber war bei einem Lehrgang in den USA Jahrgangsbester - so wie Tom Cruise im Film "Top Gun".
Bild: Marcus Merk

Plus Karl und Paul Stöber sind nicht nur Vater und Sohn, sie teilen auch die Passion fürs Fliegen. Der Sohn bringt Passagiere ans Ziel, der Vater flog Kampfjets.

Der Traum vom Fliegen ist für viele Menschen erreichbar – zumindest als Passagier. Die Zahl der Menschen, die selbst am Steuer sitzen können, ist deutlich geringer. Und etwas ganz Besonderes haben der Königsbrunner Paul Stöber und sein Vater Karl, genannt Charly, in diesem Jahr geschafft: Beide bereisen im Flugzeug die Welt und haben jetzt gemeinsam 100 Jahre Flugerfahrung angesammelt. Charly blickt auf 61, und sein Sohn Paul auf 39 Jahre Berufserfahrung in der Fliegerei zurück. Die Begeisterung fürs Fliegen ist bei beiden auch nach so vielen Jahren noch ungebrochen, unterschiedlich ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der sie unterwegs sind.

Denn Charly Stöber hat sich seine fliegerischen Sporen als Jet-Pilot bei der Bundeswehr verdient. Eigentlich hat er Mitte der 50er-Jahre als Werkzeugmacher eine sehr bodenständige Ausbildung absolviert, doch sein Arbeitgeber bot dem Facharbeiter Stöber einen auch für diese Zeit zu geringen Lohn. Der Betriebsratsvorsitzende Dönisch, selbst alter Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg, gab ihm den Rat, sich als Pilot bei der Luftwaffe zu bewerben. Er sagte: „Falls es nicht klappt, bist du halt mal eine Woche in München gewesen.“ Doch er setzt sich beim dortigen Eignungstest durch, 1958 wird er eingezogen, durchläuft die militärische Grundausbildung und beginnt danach die fliegerische Ausbildung in Landsberg am Lech auf einer Propellermaschine.

Schon in der Ausbildung lernt er das Risiko des Fliegens kennen

Die nächste Station erlebt der gebürtige Duisburger, der heute in Gersthofen lebt, in den USA. Nach dem Basistraining auf dem ersten Jet T-33 auf der Vance Airforce Base, Oklahoma, schließt sich auf dem von den Amerikanern „Kraut Field“ genannten Ausbildungsflugfeld der Luke Airforce Base im Bundesstaat Arizona die Ausbildung zum Kampfpiloten an.

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Auf dem Kraut Field in Arizona erhielt Charly Stöber seine fliegerische Ausbildung.
Bild: Merk


Fotos zeigen den heute 81-Jährigen als durchtrainierten, braun gebrannten jungen Mann in schneidiger Uniform. Doch bei der Ausbildung erlebte er auch, wie riskant das Leben als Jetpilot ist. Denn die F-84F, sein erstes Einsatzflugzeug, ist ein Einsitzer. Die unerfahrenen Nachwuchspiloten waren in der Luft von der ersten Flugstunde an auf sich allein gestellt, sagt Charly Stöber: „Es gab nur eine Bodeneinweisung, keinen Simulator, keinen doppelsitzigen Trainer – und dann ging es los. Einige sind von ihren Ausbildungsflügen nicht zurückgekommen.“

Ausstieg mit dem Schleudersitz: "Ich dachte erst, ich bin im Himmel."

Dass die Militärfliegerei nicht ohne Risiko ist, erfuhr Stöber auch am eigenen Leib. Auf den letzten Meilen eines Patrouillenflugs am 9. Mai 1963 gingen plötzlich die Warnlichter im Cockpit an: „Wir flogen in Zweier-Formation. Mein Rottenflieger meldete über Funk, dass Rauch aus meinem Flugzeug kommt.“ Feuerlöschsysteme hatte der Jagdbomber vom Typ F-84F nicht, und schnell war klar, dass der Weg bis zur Landebahn auf dem Lechfeld zu weit wäre.

Stöber löste bei Buchloe den Schleudersitz aus. „Plötzlich bewegt sich nichts mehr. Ich dachte erst, ich bin im Himmel“, beschreibt Stöber das Gefühl nach dem Ausstieg: „Es war absolute Stille, aber ich hing sicher am Fallschirm.“ Der Flieger schlug auf einem Kartoffelfeld ein. Dessen Besitzer, der Landwirt Hilarius Döbler, zog den Piloten aus dem angrenzenden Wald, in dem er gelandet war. Den Griff des Schleudersitzes, der ihn gerettet hat, hat Stöber bis heute aufgehoben. Anders als viele andere Piloten überstand Charly Stöber die brachialen Kräfte, die beim Notausstieg auf den Piloten wirken, fast unversehrt und konnte weiter fliegen.

Stöber kannte alle Macken des Starfighter

Die Bundeswehr schaffte den Kampfjet F-104 Starfighter an. Der Flieger erreichte doppelte Schallgeschwindigkeit, war technisch in dieser Zeit ein Meilenstein und fliegerisch herausfordernd. „Von über 900 Flugzeugen gingen 269 bei Unfällen verloren, 116 Kameraden verloren ihr Leben“, sagt Stöber. Er ist dankbar für die gute Ausbildung, die er wieder in Amerika bekam: „Mein Fluglehrer ,Bullet‘ Smith sagte: Ich zeige dir, was das Flugzeug kann und was es nicht kann.“ Daran habe er sich orientiert und sich gut in die außergewöhnlichen Anforderungen des Flugzeugs eingearbeitet.

Guter Lehrer für ein diffiziles Flugzeug: Charly Stöber (links) mit Bullet Smith bei der Einweisung auf dem Starfighter.
Bild: Merk


Denn bei allem Risiko brachte die Fliegerei einem jungen Mann in den 60er-Jahren viele Erfahrungen ein, die Altersgenossen verwehrt blieben. Neben den zahlreichen Aufenthalten zur Ausbildung in den USA verbrachte er viel Zeit auf Sardinien und dem dortigen Nato-Ausbildungsstützpunkt. Zum Erfahrungsaustausch durften sie die Luftwaffenbasen der Nato-Mitgliedsstaaten besuchen. „Vor dem Wochenende hat der Staffelchef schon mal gefragt, wohin wir wollen. Wir sagten: Griechenland. Und er antwortete: Am Dienstag seid ihr wieder da.“

Wenig Verständnis für die 1970 eingeführte Altersgrenze

Mit dem Starfighter stieg er sogar an den Rand der Atmosphäre: „Auf 55.000 Fuß Flughöhe ist der Himmel schon schwarz. Das konnte der Flieger.“ Durch seine damals schon hohe Flugerfahrung auf dem Muster wird er für Werkstattflüge eingeteilt, testet, ob der Flieger nach der Wartung wieder problemlos funktioniert, beim Nato-Partner Türkei unterstützt Stöber die Piloten-Ausbildung. In diese Zeit fällt aber auch die Entscheidung der Bundeswehr, dass Piloten nur bis zum Alter von 41 Jahren Kampfflugzeuge fliegen dürfen. Verständnis hatten er und seine Kameraden dafür nicht: „Die Amerikaner schicken 53-Jährige zum Mond, und hier gilt man als abgeflogen. Ich war zu diesem Zeitpunkt am obersten Punkt meiner fliegerischen Erfahrung auf dem Starfighter. Diese Erfahrung hätte ich gerne weitergegeben.“

Er bleibt der Bundeswehr bis 1982 treu, danach geht es ins zivile Leben. 1986 eröffnet er am Augsburger Flugplatz seine eigene Flugschule, nebenher befördert er für Augsburger Unternehmen Passagiere in ganz Europa. Die Flugschule hat er 2012 abgegeben, fliegt aber bis heute: „Aus Fußgängern Piloten zu machen ist eine gute Aufgabe.“

Paul Stöber dreht schon mit 14 die ersten Runden über dem Lechfeld

Die Leidenschaft für die Fliegerei hat er auch an seinen Sohn weitergegeben. In der Sportfluggruppe der Bundeswehr durfte Paul Stöber mit 14 Jahren die ersten Runden im Segelflugzeug übers Lechfeld drehen. Die Karriere als Jetpilot in der Bundeswehr blieb ihm allerdings verwehrt. Zwei Zentimeter hätten den Ausschlag gegeben, sagt Stöber: „Ich war im Sitzen zu groß, sodass ich nicht auf den Schleudersitz gepasst habe für einen sicheren Ausschuss. Das hat seinerzeit ausgereicht, um mich aus der Laufbahn zu nehmen.“ Seine erste zivile Pilotenlizenz erwarb er mit 18 Jahren, machte nach dem Wehrdienst weiter Schulungen bis zur Lizenz für Verkehrsflugzeugführer und wurde Teil der Augsburger Luftfahrtgeschichte: Mit 24 Jahren vertraute man ihm den Sitz des Kapitäns an, für Augsburg Airways flog er von 1989 bis 2011 unter dem Dach der Lufthansa Passagiere durch Deutschland und Europa.

Erinnerungsstück an einen besonderen Tag: Karl Stöber hat den Auslöser des Schleudersitzes aufgehoben, der ihn aus seinem brennenden Flugzeug katapultiert hat.
Bild: Merk


Die Flugzeuge in diesen 22 Jahren reichten von 19-sitzigen Turboprops bis zur 120-sitzigen Embraer 195. 2011 erhielt er das Angebot eines großen deutschen Industriekonzerns, Chefpilot des firmeneigenen Flugbetriebs zu werden. „Ich fühlte mich immer wohl bei Augsburg Airways. Aber wenn man mit 44 Jahren noch mal die Chance hat, etwas Neues zu machen, sollte man sie ergreifen“, sagt Paul Stöber. Die Entscheidung erweist sich als Glücksgriff: 2013 kündigte die Lufthansa die Zusammenarbeit mit Augsburg Airways und besiegelte das Aus.

Erhabenes Gefühl, über die unendlichen Weiten Nordkanadas zu fliegen

Paul Stöber fliegt heute Ingenieure und Führungskräfte seines Arbeitgebers zu verschiedenen Unternehmensstandorten und Einsatzorten in der ganzen Welt, vor allem nach China, Südafrika, die USA und Mexiko. „Wenn man bei guter Sicht über die Eismassen Grönlands oder die endlosen Weiten Nordkanadas fliegt, ist das schon ein erhebendes Gefühl. Gleichzeitig erinnert es einen immer daran, dass wir auf unseren Planeten aufpassen müssen.“

Charly Stöber wird seine fliegerische Karriere nach über 60 Jahren ausklingen lassen: „Es ist Zeit, für mich einen Abschluss zu finden.“ 30.500 Flugstunden hat er bislang gesammelt, Paul Stöber 16.500, das sind gemeinsam 47.000 Stunden und mehr als fünf Jahre ununterbrochen in der Luft. Dass er noch zu seinem Vater aufschließen wird, glaubt der 53-Jährige nicht mehr: „Ich habe viele Managementaufgaben und komme nicht mehr so oft zum Fliegen.“

Beide freuen sich über gemeinsame fliegerische Erinnerungen: Besuche mit der Familie auf den US-Flugplätzen der fliegerischen Vergangenheit oder ein gemeinsamer Überführungsflug eines werksneuen Flugzeuges aus Brasilien nach Deutschland, sagt Charly Stöber: „Viele Altersgenossen reisen im Ruhestand durch die Welt. Ich habe das alles schon sehen dürfen.“ So kann er in Ruhe die Zeit mit der Familie genießen, ganz bodenständig.

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