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Schwabmünchen

22.07.2020

Viele Läden mussten schließen: Wie sich die Einkaufswelt verändert

Ein Geschäft mit viel Geschichte: Der Lebensmittelhändler Keck in Schwabmünchen.
Bild: Uwe Bolten (Archivfoto)

Plus Die Innenstadt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Was Schwabmünchen unternimmt, um das Zentrum für Kunden attraktiv zu machen.

Ein Einkaufsbummel durch das Schwabmünchen der 1990er-Jahre, als das Eiscafé Venezia noch „Nusser“ hieß.

Erst mal Bastelzeug beim Ibscher an der Ecke zur Mindelheimer Straße shoppen, dann eine hippe 501 Levis-Jeans (ja, die waren damals schon in Mode) beim Stegmüller an der Jahnstraße anprobieren. Weiter geht es zum „Ihr Platz“ neben dem Alten Rathaus in der Fuggerstraße, eine Wimperntusche kaufen und nebenan beim Tabakwarenladen Zandt eine Schachtel Zigaretten. Endlich ist kurz Zeit für eine Pause, also beim Metzger Geldhauser ein paar Meter weiter nördlich eine Leberkäse-Semmel ordern, während der Chef hinten im Hof gerade ein Schwein schlachtet. Es geht wieder zurück auf der Fuggerstraße bis zur Kreuzung Mindelheimer Straße, dann links hoch über den gerade neu gestalteten Schrannenplatz, beim Weckmer schnell in die Schaufenster lugen, rauf in die Museumstraße und beim Hummelberger ein Schulheft besorgen, daneben bei Elektro Reichle den Walkman zum Reparieren bringen und gegenüber beim Gerum noch Brezen fürs Abendessen mitnehmen.

So oder so ähnlich hätte sich damals ein Einkauf in der Innenstadt in Schwabmünchen abspielen können. Heute wäre das nicht mehr möglich, denn es gibt keines der aufgeführten Geschäfte mehr. Alle haben im Laufe der Zeit geschlossen. Darunter jüngst Traditionshäuser wie das Modehaus Weckmer, das nach mehr als 130 Jahren erst kürzlich für immer die Türen schloss, weil die Inhaber in Rente gehen und die Kinder den Laden nicht weiter führen wollten.

Der Wandel im Handel ist nicht zu übersehen in Schwabmünchen

Der Wandel im Handel ist in Schwabmünchen unübersehbar. Viele haben ihn nicht überlebt, weil sich kein Nachfolger fand oder die Konkurrenz im Internet zu mächtig wurde. Preisschlachten verlieren kleine Läden im Zentrum. Pacht und Personalkosten müssen berappt werden.

Andere haben es dagegen geschafft. Egal ob vor 30 Jahren oder heute: Schmuck gibt es bei Keppeler und Winter, Lebensmittel bei Carl Keck, Schuhe bei Forstner, Bücher in der Buchhandlung Schmid, Stoffe bei Strachowitz, Rasenmäher beim Gröber, Klamotten beim Schöffel und Kinderwagen oder Fahrräder bei Rittmayr&Härle.

Alles große Namen in der Stadt. Und jeder Laden hat sein eigenes Rezept, um auf dem Einzelhandelsparkett zu überleben. Auch die, von denen man es vielleicht gar nicht gedacht hätte – wie der kleine Lebensmittelladen Karl Keck in der Fuggerstraße. Ladenfläche: viel zu klein. Personaleinsatz: zu hoch (dort wird dem Kunden das Obst noch vom Mitarbeiter eingepackt). Preise: höher als beim Discounter. Sortiment: zu flach. Parkmöglichkeiten: sehr begrenzt. Werbung: meist handgeschrieben. Unter diesen Voraussetzungen würde heute kein Gründer mehr einen Supermarkt eröffnen.

 

Und doch zieht das Flair eines Tante-Emma-Ladens mitten in der Innenstadt die Kunden an. Vor allem die Stammkunden. Keck ist Kult. Seit dem Jahr 1808 existiert dieses Geschäft, den Namen Carl Keck trägt es seit 1852. Karl Müller hat den Laden 1969 von seinem Vater übernommen und 2003 an seinen Sohn Hans Ulrich übergeben. Seitdem führt der gelernte Einzelhandelskaufmann das Traditionsunternehmen in der siebten Generation. Mit Frische überzeugt er seine Kunden.

Für Hans Ulrich Müller ist es Wunsch und innere Verpflichtung, das Geschäft im Familiensinne zu führen, obwohl die Situation durch die Konkurrenz nicht einfach ist. „Müssten wir für den Laden Miete zahlen, könnten wir zumachen“, sagte der Betreiber schon in einem Interview vor drei Jahren.

Vom Strumpfhändler zum erfolgreichen Outdoor-Spezialisten

Andere avancierten vom Strumpfhändler zu einem der erfolgreichsten Hersteller für Outdoor-Bekleidung: Schöffel. 1804 hat Georg Schöffel als Strumpfhändler angefangen. Später betrieb die Familie ein Textilhaus. Vor einem halben Jahrhundert schließlich begann Hubert Schöffel, Regenjacken und Wanderhosen herzustellen. Sohn Peter Schöffel, 58, richtete das Outdoor-Unternehmen in jüngster Zeit noch einmal neu aus. Investierte in die IT und in innovative Produkte wie Kleidung aus recyceltem Kaffee oder beheizbare Skihosen. Der Jahresumsatz beläuft sich auf etwa 100 Millionen Euro. So unterschiedlich verlaufen Erfolgsgeschichten.

Wie es in Zukunft weiter gehen wird? Einzelhandelsexpertin Franziska Behrenz von der Industrie- und Handelskammer verheißt den Innenstädten eine schwierige Zukunft. Zu hoch sei der Druck durch die Online-Konkurrenz. Händler müssten das Einkaufen zum Erlebnis machen, um Kunden anzulocken. Einige stellen sich dieser Herausforderung, so verkauft Hans Grünthaler von der Buchhandlung Schmid längst nicht nur Bücher. Er veranstaltet Lesungen, Kabaretts und Konzerte, um auf seinen Laden aufmerksam zu machen.

Fuggerstraße soll attraktiver werden

Um die Innenstadt attraktiver zu machen und den lokalen Einzelhandel zu stärken, baut die Stadt Schwabmünchen derzeit die Fuggerstraße weiter um. Breitere Gehwege, eine Tempo-30-Zone, kostenlose Parkplätze und ein verbesserter Nahverkehr sollen künftig mehr Kunden ins Zentrum ziehen. Einen zentralen Stadtplatz mit Brunnen hat Schwabmünchen schon vor einigen Jahren bekommen – Neue Mitte wird der Bereich genannt.

Das Sportgeschäft Fasser in der Schwabmünchner Fuggerstraße schloss zu Jahresbeginn.
Bild: Norbert Staub

Bürgermeister Lorenz Müller ist sich zudem sicher, dass die Digitalisierung auch im Einzelhandel voranschreiten muss: „In Zeiten von Amazon und Co. muss sich der Einzelhandel durch guten und besonderen Service abheben. Ich denke, auch der örtliche Handel muss sich einer Online-Darstellung öffnen.“ Ihm und der Werbegemeinschaft schwebt eine örtliche Online-Plattform vor. Eine Abwanderung von Geschäften an den Stadtrand hingegen, lasse sich kaum verhindern, so Müller. So hätte der Stadtrat den Drogeriemarkt Müller zwar weiterhin gerne im Zentrum gesehen, aber bevor er gar nicht mehr in der Stadt präsent ist, stimmten die Mitglieder kürzlich einem Umzug in die Augsburger Straße zu. „Besser dort, als nirgends“, lautete das Credo.

„Bei Verlagerungen oder Erweiterungen an den Stadtrand achten wir darauf, dass die Kaufkraft nicht übermäßig der Innenstadt entzogen wird, zuletzt bei der Erweiterung des V-Marktes. Andererseits benötigen Fachmärkte wie Baywa oder ein moderner Müller-Markt eine größere Verkaufsfläche, um wirklich attraktiv zu sein und am Standort Schwabmünchen festzuhalten.“, so Müller. In der Innenstadt sind große Verkaufsflächen kaum bis gar nicht verfügbar“, so Müller.

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