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Untermeitingen

18.11.2019

Wandern extrem: In 132 Tagen zu Fuß bis nach Nizza

Den Colle della Lace (2120 m) erreichen die Wanderer am Tag 102 ihrer Tour.
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Den Colle della Lace (2120 m) erreichen die Wanderer am Tag 102 ihrer Tour.
Bild: Stagel/Freitag

Mehr als vier Monate durchquerten Alexander Freitag und Rudi Stagel die Alpenkette von Wien bis an die Côte d’Azur. Auf ihrem Weg gerieten sie in Schießübungen.

Der Zug der österreichischen Bundesbahn von München nach Wien transportierte am Morgen des 15. Mai 2019 zwei besondere Passagiere. Zwei Männer, die auf eine Abenteuerreise gingen, von der sie erst Monate später zurückkehren sollten. Der Untermeitinger Alexander Freitag und sein Freund Rudi Stagel saßen in bequemen Sesseln, ihre zwei Rucksäcke, jeder knapp zehn Kilogramm schwer, lagen im Gepäckregal. An Freitags 66. Geburtstag begann für die beiden Pensionäre das Abenteuer, das sich viele Menschen – vor allem in diesem Alter – nicht mehr zutrauen: Sie wollten die Alpen von Wien bis Nizza durchqueren – und zwar zu Fuß.

19 Wochen ohne Nutzung jeglicher Verkehrsmittel, mehr als 2000 Kilometer Strecke mit über 100 Kilometern Auf- und Abstieg. Durchschnittlich 18 Kilometer pro Tag galt es zu bewältigen. „Ich wollte eine Zäsur zwischen Berufsleben und Pension schaffen. Das ganze Leben über war ich Bergsteiger und wollte etwas Körperliches machen“, sagt der ehemalige Heeresbergführer Alexander Freitag, der sein berufliches Leben nach 21 Jahren als Geschäftsführer des Münchner Verkehrsverbundes im September 2018 beendet hatte. Mit Rudi Stagel, der bis dahin keine allzu großen Berührungspunkte zu alpinen Vorhaben hatte, fand er einen Mitwanderer. Neben der Herausforderung der Strecke hatten sich die beiden noch eine andere Aufgabe gestellt: In einem Internetblog berichteten sie nahezu täglich von ihrem Weg und den Erlebnissen. „So konnten unsere Familien daheim den Fortgang der Reise mitverfolgen“, erzählt Freitag.

Wanderer starten vom Stephandsdom in Wien

Für die Alpentransversale habe er sich entschieden, da die Alpenüberquerungen von Oberstdorf nach Meran in sieben Tagen oder von München nach Venedig in 13 Tagen keine besonderen Herausforderungen in seinem Sinne darstellten. Vom Stephansdom in Wien führte ihr Weg bei teilweise kühlem und regnerischen Wetter nach Graz. Die Wander-App „Komoot“ leitete sie durch Wälder, Anhöhen und Täler. „Rudi hatte die Stimme der App nach einiger Zeit auf männlich gestellt. Verblüffend war, dass die männliche Stimme zwar alle wichtigen Hinweise gibt, aber gut ein Viertel weniger spricht als die weibliche Stimme“, berichtet der ehemalige Manager und lacht.

Wandern extrem: In 132 Tagen zu Fuß bis nach Nizza
Gut gelaunt starten Rudi Stagel (links) und Alexander Freitag.
Bild: Stagel/Freitag

Die nächste Etappe führte die beiden von Graz über die Koralpen und die Lavanttaler Alpen nach Bleiburg und weiter über den Karawanken-Höhenweg zu den Karnischen Alpen. „Mittlerweile hatten wir das schlechte Wetter hinter uns gelassen. Der Sommeranfang bescherte jedoch solche Temperaturen, dass wir froh waren, im Schatten von Wäldern gehen zu können“, erinnert sich Freitag. Der weitere Weg habe nichts Spektakuläres beinhaltet. „Die Höhepunkte waren schon die Rufe eines Kuckucks, eine halb verweste Gämse am Wegrand und eine etwa 60 Zentimeter lange Schlange, die vor uns den Weg kreuzte“, sagt er.

Eine nette Begebenheit ereignete sich auf der Eisenkappler Hütte nahe der slowenischen Grenze. Die Hüttenwirtin gab den Wanderern zur Erinnerung und sicherem Geleit zwei Christophorus-Plaketten mit, die dann bis Nizza ständiger Begleiter waren. „Auf den Hütten und in den Gasthäusern, in denen wir übernachteten, waren wir häufig die einzigen Gäste. Die Saison hatte halt noch nicht begonnen“, erzählt Freitag.

Anstrengende Höhenwege durch die Dolomiten nach Meran

Dem Südalpenweg 03 folgend erreichten die Wanderer die karnischen Alpen auf der Grenze zwischen Österreich und Italien. „Beeindruckend war auf dem karnischen Friedensweg die ständige Konfrontation mit Zeitzeugen des italienisch-österreichischen Konfliktes zu Zeiten des Ersten Weltkrieges“, berichtet Freitag. Der Weg von Sexten durch die Dolomiten über den Pragser Wildsee nach Meran war durch anstrengende Höhenwege und eine atemberaubende Bergkulisse geprägt. Durch das Vinschgauer Tal und dem Stilfser Tal führt der Weg zum gleichnamigen Joch.

Nicht immer führte der Weg über befestigte Trassen.
Bild: Stagel/Freitag

Vom Rifugio Garibaldi, einer kleinen Alpenvereinshütte, hatten die Abenteurer einen Blick auf die sich unter ihnen windende, von Autos, Radlern und Motorradfahrern genutzte Passstraße. „Die Straße ist sehr eindrucksvoll. Jedoch durchschneidet der Motorenlärm die friedliche Harmonie der Bergwelt“, mahnt Freitag.

In Eita, einem kleinen Ort südlich von Bormio, gab es einen Grund zum Feiern: Über 1000 Kilometer hatten die Wanderer seit Wien zurückgelegt. Über Geröll, Stein- und Schneefelder ohne klar erkennbaren Weg gelangten sie ins schweizerische Poschiavo. Durch trockenen Wald, nur belästigt von kleinen Stechmücken, die sich sehr für die Kniekehlen der beiden Wanderfreunde interessierten, verlief der Weg durch schroffe Felskonstellationen bis Juf auf 2126 Metern, mit seinen 31 Einwohnern die höchstgelegene, ständig bewohnte Gemeinde der Schweiz.

Wanderer hören Gewehrschüsse von Schweizer Soldaten

Während einer Etappe hörten die Wanderer Serien von Gewehrschüssen und sahen Gruppen von Schweizer Soldaten im Tal. „Sie absolvierten, für uns undenkbar, Schießübungen in verschiedenen Haltungen und Entfernungen auf Scheiben in freier Natur“, beschreibt Freitag die Situation. Ebenso sei der Anbruch der Feriensaison, zwischenzeitlich war es Anfang August, deutlich spürbarer gewesen – immer mehr Unterkünfte waren ausgebucht. „So mussten wir auch schon mal in Zelt und Schlafsack übernachten. Auch die hygienischen Verhältnisse der Unterkünfte lassen sich als abenteuerlich beschreiben“, berichtet er. In Campello Monti habe sogar die ehemalige Grundschule, ausgestattet mit Stockbetten, als Unterkunft gedient.

Auf dem Weg zum italienischen Dorf Carcoforo erläuterte an einem Taleingang ein Schild in drei Sprachen den Umgang mit den Maremmano Abruzzese, sehr großen Schutzhunden, welche die Herden hauptsächlich vor Wölfen, Bären oder anderen Raubtieren schützten.

Schlechtes Wetter ließ die Wanderer ungewöhnliche Maßnahmen ergreifen. In Balme trockneten sie ihre Schuhe in einem Backofen. Im Tagebuch liest sich das Vorgehen wie ein Rezept: „Als Programm wählen wir 100 Grad Unter- und Oberhitze, als Garzeit 60 Minuten. Siehe da, die Schuhe sind nach dieser Zeit ziemlich trocken, die dampfenden Socken schon weit vorher. Die Sohlen bleiben an den Schuhen dran und das Leder nimmt keinen sichtbaren Schaden.“ Nach der Trocknung wurden die Schuhe intensiv eingefettet, um Brüche im Leder zu verhindern.

Am 132. Tag erreichen die Wanderer aus Untermeitingen den Zielort Nizza

Anfang September, die Tage waren merklich kühler, erreichten die Wanderer die Täler der Waldenser, das Rückzugsgebiet der durch die Inquisition verfolgten calvinistischen Laienbewegung. Am 125. Tag der Wanderung erreichten Freitag und Stagel Frankreich. In Bousiéyas wartete eine Überraschung, zugleich ein besonderer Anreiz auf die Wanderer: Das erste Hinweisschild mit einer Entfernungsangabe nach Nizza. „Die angegebene Strecke gab die Fahrstrecke von 65 Kilometer wieder. Für uns Wanderer warteten nach Plan noch 98 Kilometer auf uns“, erzählt Freitag vom freudigen Blick auf die zweistellige Entfernungsangabe. Am 132. Tag der Alpenquerung stand die letzte Etappe bevor. „Kurz vor 11 Uhr haben wir in der Ferne das Meer gesehen, um halb fünf nachmittags standen wir an der Fontaine du Soleil, zündeten eine Kerze in der Kathedrale an und tauchten gegen 17 Uhr unsere Füße ins Mittelmeer“, sagt Freitag.

Am Ziel: Fontaine du Soleil in Nizza.
Bild: Stagel/Freitag

Der letzte Eintrag im Tagebuch der Wanderer drückt das Erlebnis emotionaler aus: „Unsere Gemütslage von heute ist von Nachdenklichkeit, Dankbarkeit und Freude geprägt. Alle Wege im Leben eines Menschen haben ein Anfang und ein Ende.“

Im Internetblog zieht Rudi Stagel ein anderes Fazit für sich: „Ob ich es bereue, die Tour gemacht zu haben? Natürlich nicht. Bin jetzt so fit wie lange nicht mehr. Ob ich so etwas wieder machen würde? Ebenfalls natürlich nicht. Wozu? Ich habe gezeigt, ich könnte es, aber es gibt viele andere Dinge, die auch Spaß machen, und es soll ja nicht langweilig werden.“

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