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Königsbrunn

11.11.2019

Warum Hinterkaifeck bis heute die Menschen bewegt

Kulturbüroleiterin Ursula Off-Melcher mit der Referentin Birte Bambusch-Groetzki nach dem Vortrag.
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Kulturbüroleiterin Ursula Off-Melcher mit der Referentin Birte Bambusch-Groetzki nach dem Vortrag.
Bild: Claudia Deeney

Eine Referentin blickt aus einer anderen Perspektive auf den ungelösten Kriminalfall.

Ein spannender und bis heute ungelöster bayerischer Krimialfall markiert die letzte Veranstaltung des Königsbrunner Campus für dieses Jahr im Infopavillon 955. „Faszination Hinterkaifeck – Eine Mordsgeschichte“ lautete der Titel.

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Dass sich für dieses Thema auch nach fast 100 Jahren viele Menschen interessieren, ist unbestritten, dass aber so viele Besucher kommen würden, damit hatte niemand gerechnet, auch nicht die Organisatorin des Abends, Kulturbüroleiterin Ursula Off-Melcher. Die unaufgeklärten sowie brutalen Morde im Jahr 1922 auf einem einsam gelegenen Bauernhof, in der Region zwischen Augsburg und Ingolstadt, strahlen eine Faszination aus, der sich auch die Menschen in der heutigen Zeit nicht entziehen können.

Und genau das sind Punkte, die Referentin Birte Bambusch-Groetzki interessieren: Wieso gerät dieses Verbrechen nicht in Vergessenheit und was sagt es über die Gesellschaft von damals und heute aus?

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Die ethnischen Anschauungen standen im Mittelpunkt

Gleich zu Beginn machte sie klar, dass sie zwar einen kurzen Abriss über die Geschehnisse seinerzeit, soweit bekannt und belegt, geben wird, sich aber nicht mit der kriminologischen Seite des Falles beschäftigt hat, sondern mit den ethischen Anschauungen und Auswirkungen, die sich daraus ergeben.

Für ihre Dissertation und Promotion durchleuchtete sie ganz verschiedene Aspekte und eröffnete sicher für viele der Anwesenden eine ganz neue Perspektive auf das Drama um die Bewohner des Einödhofes.

Inzest war eines der großen Themen

Die reinen Fakten trug Bambusch-Groetzki nüchtern vor und skizzierte auch die Verflechtungen der Familie untereinander und die Geschehnisse, die sich vor den eigentlichen Morden ereigneten. Dabei wurden zwei wichtige Aspekte besonders hervorgehoben, die sich im späteren Verlauf des Vortrages als gute Beispiele für Erklärungen über Gerüchtebildung herausstellten. Zum einen waren das die inzestuöse Beziehung zwischen dem Bauern und seiner Tochter Viktoria. Der Inzest wurde von einem Gericht verurteilt, und sowohl Vater als auch Tochter erhielten Strafen. Viktoria bekam dazu noch ein Kind von ihm.

Die Rolle der Frau als verführende Lolita

Zum anderen war das der im Ersten Weltkrieg gefallene Ehemann von Viktoria. In der Gerüchteküche wurde dieser immer wieder zum Leben erweckt. Egal ob relativ früh nach der Tat oder Jahrzehnte später, nach dem Zweiten Weltkrieg, wollten ihn die Menschen irgendwo gesehen haben. Er taugte gut als Mordverdächtiger, denn er hätte tatsächlich allen Grund gehabt, die sechs Bewohner des Einödhofes – darunter zwei Kinder – zu töten. Warum die Gerüchte immer wieder auftauchten, die sich im Übrigen nie belegen ließen, erklärte die Referentin sehr anschaulich mit den Gegebenheiten in Zeiten eines Krieges: „Alle Soldaten haben in den Schützengräben Angst, dass ihre Frauen ihnen untreu werden, die Angst vor der Kriegsgefangenschaft ist genauso da wie die Sorge, dass die eigene Frau einen für tot erklären lässt, wieder heiratet und eine neue Familie gründet.“ Das sei ja tatsächlich auch immer wieder der Fall gewesen, insofern erklären sich die Mutmaßungen als Ängste der jeweiligen Zeit. Im Prinzip übertragen die Menschen ihre eigenen Ängste in die daraus entstehenden Gerüchte. Ähnlich verhält es sich mit dem nachgewiesenen Inzest. Anhand dieses Beispiels zeigte Bambusch-Groetzki auch die Veränderungen der gesellschaftlichen Normen und Werte auf. Während um 1922 noch die Frau an und für sich, und damit auch Viktoria, in eine verführende Lolita-Rolle gedrängt und ihnen somit die Opferrolle verweigert wurde, haben sich die Moralvorstellungen heute zu diesem Thema gesellschaftlich ins Gegenteil gewandelt.

Hinterkaifeck als Mordgeschichte hat alles, was ein guter Krimi braucht, und deshalb bleibt er auch im Gedächtnis der Menschen. Dazu tragen die Medien, zahlreiche Bücher, Kinofilme und Ausstellungen bei.

Auch Bambusch-Groetzki, die Mitarbeiterin am Lehrstuhl für europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Augsburg, kam so zu ihrem Dissertationsthema. Für ihre Recherchen interviewte sie viele Besucher der Hinterkaifeck-Sonderausstellung im bayrischen Polizeimuseum Ingolstadt, die bis vor Kurzem lief. Sie fand unter anderem heraus, dass gerade das Mysteriöse in Verbindung mit dem ewigen Rätsel, was auf dem Einödhof eigentlich seinerzeit geschah, Spannung erzeugt und die Lust am Schrecken weckt: „Mit einem solchen Verbrechen als eigene Wirklichkeit wollen wir nicht konfrontiert werden, aber Gänsehaut, Bestürzung und Angst, sowie die Irritation, sich mit schrecklichen Geschehnissen außerhalb der herrschenden Werte und Normen auseinanderzusetzen, finden wir faszinierend.“ Auch würde man den Fall gerne lösen, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, andererseits gerieten die Ereignisse dann wahrscheinlich irgendwann in Vergessenheit. Ein Ende fand der Vortrag erst, nachdem die Referentin noch zahlreiche Fragen aus dem Publikum beantwortet hatte.

Campus-Reihe geht auch in Zukunft weiter

Ein Aus der Campus-Reihe wird es mit dem Ausscheiden der Kulturbüroleiterin Ursula Off-Melcher aus ihrem Amt zum Jahresende nicht geben, wie sie abschließend erklärte: „Die Reihe geht auch im kommenden Jahr in Zusammenarbeit mit der Universität Augsburg weiter.“

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