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Landkreis Augsburg

27.04.2017

Warum die Grabener „Gräbinger“ heißen

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Professor Dr. Werner König beschäftigt sich seit Jahren mit den verschiedenen Dialekten in der Region.
Bild: Anja Ringel

Werner König erklärt, welches Wort nur auf dem Lechfeld vorkommt und warum Kinder wieder zweisprachig aufwachsen sollten.

Was bedeutet Toppen? Schotten? Oder Topfen? Was für manche wie eine neue Fremdsprache klingen mag, war für Dr. Werner König jahrelang Berufsalltag. Der 73-Jährige Professor hat mehr als 30 Jahre lang die unterschiedlichen Dialekte in Schwaben und ganz Deutschland untersucht. Und er forscht auch im Ruhestand weiter. Die genannten Beispiele bedeuten übrigens alle Quark.

Sein Interesse für Sprache und Dialekt hat sich erst im Studium entwickelt, erzählt König. Eigentlich wollte er Deutschlehrer werden und studierte deshalb Deutsch, Geschichte und Sozialkunde auf Lehramt. Statt Lehrer wurde er Professor der deutschen Sprachwissenschaft. Zunächst in Freiburg, dann an der Universität Augsburg.

Es gibt schon Unterschiede zwischen Nachbargemeinden

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Ab 1976 hat er sich den Dialekten in Bayerisch-Schwaben gewidmet. Um herauszufinden, wie die Menschen in den einzelnen Dörfern sprechen, haben er und seine Kollegen eine Fragebuch mit mehr als 2000 Fragen ausgearbeitet. Damit sind sie dann in 272 Orte, erzählt König. Vier bis fünf Tage haben sie die Menschen in jedem Dorf befragt. Herausgekommen ist ein fast 8000 Seiten umfassendes Werk über den Dialekt in Bayerisch-Schwaben. Auf 2700 Karten zeigt der Sprachwissenschaftler auf, wo welches Wort gesprochen wird.

Schon zwischen Nachbargemeinden lassen sich laut König Unterschiede in der Sprechweise erkennen. In Schwabmünchen, Graben und Kleinaitingen spreche man noch relativ ähnlich, in Untermeitingen dagegen schon anders. In Untermeitingen werde zum Beispiel „Heisla“ für Häuschen gesagt, in Graben dagegen „Heisle“.

„Hattelwasser“ gibt es nur auf dem Lechfeld

Es gebe auch Wörter, die nirgends sonst vorkommen. Ein Beispiel dafür ist „Hattelwasser“. Das Wort bedeutet Jauche und wird nur im Lechfeld verwendet. König erklärt, dass „Hattel“ ein altes Wort für Ziege ist. Daran lasse sich erkennen, dass die Lechfeldbauern nicht die reichsten waren. In Gebieten, in denen es statt Ziegen Rinder und Getreide gab, seien die Bauern reicher gewesen.

König ist in Graben aufgewachsen, weshalb er sich besonders für die Mundart in der Gemeinde interessiert. Die Einwohner Grabens bezeichnen sich als Gräbinger und nicht Grabener. Das hat laut König mit den umliegenden Gemeinden zu tun: In Untermeitingen wohnen die Untermeitinger, in Kleinaitingen die Kleinaitinger et cetera.

Zusammen mit seiner Schwester hat der Wissenschaftler ein Buch über die Häuser des alten Grabens und ihre Namen herausgebracht. Momentan beschäftigt er sich mit den Gräbinger Straßennamen und deren Geschichten. König bedauert, dass die Gemeinde viele alte Straßenbezeichnungen nicht beibehalten hat. Aus „Im Gässele“ wurde zum Beispiel die Angerstraße.

Sprache verändert sich immer

Bei einem Straßennamen rätselt König noch immer über die Herkunft. Bei der Heimbachstraße im Sportlerviertel in Lagerlechfeld wisse niemand, wieso die Straße so heißt. Er hat deshalb schon die Gemeinderatsmitglieder kontaktiert. Der Tipp, Heimbach könnte ein ehemaliger Fußballspieler des BC Augsburg gewesen sein, erwies sich als falsch.

Sprache verändert sich immer, erklärt der 73-Jährige. Sie entwickelt sich, wenn Menschen sesshaft werden. Auf Reisen versuche man sich anzupassen, sagt König. Außerhalb von Schwaben spreche man automatisch mehr Hochdeutsch. Manchmal werde Dialekt auch benutzt, um sich bewusst abzusetzen – zum Beispiel bei einem Dorfstreit.

König hat festgestellt, dass heutzutage tendenziell weniger im Dialekt gesprochen wird. Er hofft, dass Mundart nicht ausstirbt. Es gibt jedoch Wörter, die nach und nach verschwinden. Ein Beispiel ist „g’heien“. König erklärt, dass auch in den Stauden immer öfter das hochdeutsche Wort „werfen“ gesagt wird.

Dialekt wird in der Schule oft schlecht geredet

König wünscht sich, dass Kinder wieder zweisprachig aufwachsen würden: Zu Hause sprechen sie im Dialekt und in der Schule lernen sie Hochdeutsch, erklärt er. „Das war bei mir so und aus mir ist auch etwas geworden“, sagt er und lacht. Zweisprachigkeit würde schlau machen. Außerdem würde bei Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind, Altersdemenz später eintreten.

König bedauert es, dass Dialekt in der Schule oft schlecht geredet wird. Wenn Lehrer Dialektsprache immer mit Aussagen wie „Sags mal schöner“ oder „Sags mal richtig“ kommentieren, würden Kinder ihren Dialekt irgendwann aufgeben. Lehrer sollten seiner Meinung nach den Dialekt der Kinder dulden und nicht schlecht machen.

König selbst spricht seinen Gräbinger Dialekt noch. „Allerdings sprechen wir zu Hause nicht so viel im Dialekt, weil meine Frau aus Schweinfurt kommt“, erklärt er und schmunzelt. "Kommentar

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