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Bobingen

14.02.2020

Was Josef Pröll zu einem ausgezeichneten Regisseur macht

Stolz und gleichzeitig gerührt nahm Josef Pröll (links) den Willi-Ohlendorf-Preis aus den Händen von Stadtrat Edmund Mannes entgegen.
Bild: Elmar Knöchel

Plus Filmemacher Josef Pröll bekommt in Bobingen einen renommierten Preis. Eine prominente Laudatorin findet bewegende Worte über das Wirken des Gersthofeners.

Charlotte Knobloch fand nur lobende Worte: „Durch seine jahrelange Auseinandersetzung mit der Zeit der Judenverfolgung, des Faschismus, der Intoleranz gegen Andersdenkende und Diskriminierung von ganzen Volksgruppen hat er viel an Erinnerungsarbeit geleistet.“ Wen die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern damit meinte? Josef Pröll aus Gersthofen, der jetzt mit einem renommierten Preis ausgezeichnet wurde.

Dokumentarfilmer Pröll hat den Willi-Ohlendorf-Preis bekommen. Natürlich spiele das Erbe seiner Eltern in sein filmisches Schaffen mit hinein, sagte Knobloch. Bereits in seinem Dokumentarfilm „Anna, ich hab’ Angst um dich“ erzählte der Preisträger das Leben der Familie Pröll. „Ein Film, der nie an Aktualität verloren hat“, sagte Knobloch.

Josef Pröll aus Gersthofen bekommt Willi-Ohlendorf-Preis

Der jüngste Dokumentarfilm von Josef Pröll, der unter der Mitarbeit von Miriam Friedmann entstand, heißt „Die Stille schreit“. Der Film erzählt die Geschichte der jüdischen Fabrikantenfamilien Friedmann und Oberdorfer aus Augsburg. Er erzählt auch das Scheitern von deutsch-jüdischen Beziehungen, damals wie heute. Seit vielen Jahrzehnten hat sich Josef Pröll der Erinnerungskultur und der Jugendarbeit verschrieben. Er initiierte und organisierte Projekte und Workshops der Filmarbeit und leitete Exkursionen in die Gedenkstätten Dachau, Auschwitz und Buchenwald. Die Eltern von Pröll waren als politische Verfolgte des NS-Regimes in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Drei Familienmitglieder wurden ermordet.

Bobingens Bürgermeister Bernd Müller bedankte sich bei Charlotte Knobloch dafür, dass sie gekommen war, um die Verdienste von Josef Pröll zu würdigen und gleichzeitig die Verdienste aller, die sich dem Thema annehmen. Er erinnerte daran, dass gerade durch die Ereignisse in Halle, wo nur eine Tür den Mord an vielen jüdischen Mitbürgern verhindert hatte, und die jüngsten politischen Verwerfungen in Thüringen die Verleihung des Ohlendorf-Preises eine besondere Aktualität erlangt habe. „Als Bürgermeister dieser Stadt, die über 100 Nationen bei sich beherbergt, die zahlreichen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten Heimat und Schutz gegeben hat, ist es mein Wunsch und meine Hoffnung, dass dies auch in Zukunft so bleibt.“ Müller betonte, dass der Kampf für Toleranz, Solidarität und Meinungsfreiheit nicht nachlassen dürfe.

Obligatorisch war der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt: Charlotte Knobloch (sitzend), dahinter Josef Pröll, Pfarrer Peter Lukas und Bürgermeister Bernd Müller.
Bild: Knöchel

Bewegende Laudatio auf Gersthofener Filmemacher Josef Pröll

Laudatorin Charlotte Knobloch stellte zu Beginn ihrer Ausführungen klar, warum es so überaus wichtig sei, immer wieder auf die Geschehnisse der Nazi-Zeit hinzuweisen: „Lange Zeit wurde Deutschland für seine Erinnerungskultur gelobt. Das Thema Nationalsozialismus und Antisemitismus schien aufgearbeitet und im Großen und Ganzen überwunden. Zeitzeugen halten die Erinnerung an die Gräueltaten im Dritten Reich wach. Sie halten Vorträge und gehen in Schulen, um jungen Menschen vor Augen zu führen, was passieren kann, wenn man nicht wachsam bleibt. Umso erschreckender, dass es so scheint, als würde Antisemitismus und nationalistisches Gedankengut wieder hoffähig.“ Vor diesem Hintergrund sei es besonders wichtig, wenn auch an den Mut von Menschen erinnert wird, die dem Treiben der Nazis von Anfang an skeptisch gegenüberstanden. Knobloch: „Menschen, die ihre Überzeugung und Menschlichkeit über ihr eigenes Wohlergehen stellten. So ist der diesjährige Träger des Willi-Ohlendorf-Preises nicht nur ein würdiger Preisträger, sondern auch Stellvertreter für eine ganze Familie, deren Mitglieder alle diesen Preis verdient hätten.“

Sichtlich gerührt trat dann Josef Pröll ans Mikrofon der voll besetzten evangelischen Kirche. „Als ich erfahren habe, dass ich für diese Ehrung vorgeschlagen worden bin, kannte ich Willi Ohlendorf nur dem Namen nach. Als ich mich dann mit seiner Geschichte beschäftigt habe, hatte ich Tränen in den Augen und wusste auch nicht, ob ich diese Ehrung überhaupt annehmen kann.“

Josef Pröll: Kampf gegen Intoleranz und Rassismus fortführen

Es seien Tränen der Wut und Entrüstung gewesen, die aus dem Gefühl entstünden, aufzustehen und etwas tun zu müssen. Genau dieses Gefühl begleite ihn schon sein ganzes Leben und sei die Triebfeder seines Schaffens. Lebensgeschichten wie die von Willi Ohlendorf seien eine Aufforderung weiterzumachen, so Pröll. Die jüngsten Ereignisse seien ein Beweis dafür, dass es gerade jetzt wieder nötig sei, an die damaligen Perversitäten zu erinnern. „Unsere Forderungen nach dem ,Nie wieder‘ sind entweder nicht verstanden worden, oder wir haben sie nicht vehement genug vorgebracht“, mahnte Pröll. Er rief auch dazu auf, im Kampf gegen Faschismus und Intoleranz nicht nachzulassen und all jenen die Stirn zu bieten, die die Demokratie lächerlich machen und untergraben wollten.

Nach der Preisverleihung sagte Pröll, dass es für ihn emotional schwierig und nahezu „unerträglich im positiven Sinne“ gewesen sei, von Charlotte Knobloch die bewegende Geschichte seiner Familie zu hören. Doch das mache ihm Mut, in seiner Arbeit fortzufahren und weiterhin gegen das Vergessen zu kämpfen. Am Ende dieses denkwürdigen Abends bedankte sich Pfarrer Peter Lukas bei Josef Pröll für sein Engagement und bei Charlotte Knobloch für ihre Bereitschaft, in eine kleine Stadt wie Bobingen zu kommen. Charlotte Knobloch sagte: „Diese Stadt ist nicht klein, denn hier wohnen Menschen mit einem großen Herzen.“

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