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Königsbrunn

22.10.2019

Was alte Knochen über das Leben auf dem Lechfeld verraten

Auf ungefähr 2300 vor Christus wird dieses Skelett datiert, das im Archäologischen Museum Königsbrunn zu sehen ist. Mit neuen wissenschaftlichen Methoden haben Forscher den alten Knochen neue Informationen entlockt.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Wissenschaftler haben neue Erkenntnisse übers Leben auf dem Lechfeld zur Bronzezeit gewonnen. Es geht um Familienbande und rätselhafte Frauen aus der Fremde.

Viele Jahrhunderte lagen die Knochen in der Erde, vor 20 Jahren wurden sie im Süden von Augsburg von Archäologen ausgegraben – und doch können sie immer noch etwas Neues erzählen. Professor Philipp Stockhammer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat anhand der Fundstücke im Archäologischen Museum in Königsbrunn herausgefunden, wie die Familienstrukturen zur Bronzezeit auf dem Lechfeld funktionierten. Die neuen Forschungsergebnisse lassen Schlüsse über soziale Ungleichheiten zu und erlauben es, ganze Stammbäume zu erstellen.

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So fanden die Forscher Genmaterial von insgesamt 104 Menschen und konnten damit die Familiengeschichte von sechs Höfen auf dem Lechfeld nachvollziehen. Damit und anhand der Grabbeigaben zeigt sich, dass die Bauernhöfe innerhalb der Familie weiter vererbt wurden, wie Professor Stockhammer mit seinen Kollegen Johannes Krause und Alissa Mittnik vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena im Wissenschaftsmagazin Science berichtete. Die jungen Männer blieben auf dem Lechfeld, die Frauen heirateten außerhalb. 60 Prozent der Frauen kamen demnach von außerhalb. Zudem zeigt sich, dass es neben den Kernfamilien ärmere Mitbewohner gab. Ob es sich dabei um Knechte und Mägde oder um Sklaven handelte, können die Forscher nicht erklären. Allerdings kamen die Frauen der Ärmeren immer aus der näheren Umgebung.

In Zähnen angelagertes Metall zeigt, woher Menschen stammen

Ans Tageslicht gebracht wurden die Ergebnisse, in dem man Zähne, die in den vergangenen Jahrzehnten in Gräberfeldern in Kleinaitingen, Königsbrunn und Haunstetten gefunden wurden, einer sogenannten Strontium-Isotopenanalyse unterzog. Daran lässt sich ablesen, wo ein Mensch seine Jugend verbracht hat. Bis zur Pubertät lagert sich nämlich im Zahnschmelz Strontium ab. Das Metall kommt überall vor, bei der Dosis gibt es aber regionale Unterschiede.

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Eine besondere Überraschung waren dabei die Frauen aus der Fremde: Auf allen Höfen fanden sich Belege, dass dort eine oder zwei Frauen lebten, die von weither kamen. Sie hatten einen hohen gesellschaftlichen Status, wie ihre Grabbeigaben zeigten, blieben aber wohl kinderlos. Anhand der Zahnanalyse lässt sich erkennen, dass diese Lechfeld-Bewohnerinnen wohl aus der Gegend um Prag oder dem Gebiet um Halle und Leipzig stammen. Welche Rolle sie spielten, darüber können die Forscher nur spekulieren. Allerdings war das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt und Sachsen eine der Hochburgen der Bronzeherstellung. Es ist daher möglich, dass die Frauen diese Kulturtechniken mit aufs Lechfeld brachten.

Königsbrunner Museumsteam ist stolz auf die Erkenntnisse aus ihren Funden

Das Team des Königsbrunner Archäologischen Museums ist stolz, dass seine Fundstücke zu solch einem wissenschaftlichen Erfolg geführt haben. Zumal sich Professor Stockhammer auch ausdrücklich dafür bedankte, dass dieser Durchbruch ohne die Unterstützung von Rainer Linke und Siglinde Matysik nicht möglich gewesen wäre.

Zustande gekommen war der Kontakt über eine weitere Koryphäe der Archäologie. Professor Ernst Pernicka von der Universität Heidelberg, Experte für altertümliche Metalle, untersuchte Artefakte im Lager des Königsbrunner Museums auf ihre Herkunft. Dass der Wissenschaftler, der sechs Jahre lang an der Erforschung des antiken Troja mitgewirkt hatte, in ihrem Keller arbeitete, war für die Königsbrunner schon eine große Freude. „Wir waren in Sorge, ob er mit den Arbeitsbedingungen zufrieden ist. Aber er war total bescheiden und meinte, er und seine Kollegen seien deutlich Schlimmeres gewohnt“, sagt Matysik und lacht. Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit wurde der Kontakt zu Philipp Stockhammer hergestellt.

Königsbrunner Fundstücke haben einen Stein ins Rollen gebracht

Seine Untersuchung und damit die Königsbrunner Fundstücke könnten wissenschaftlich einen Stein ins Rollen gebracht haben, sagt Rainer Linke: „Solche Untersuchungen wurden bis dahin noch nie gemacht.“ Die Ergebnisse verbreiten sich derzeit weltweit in der Wissenschaftsgemeinschaft.

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