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Landkreis Augsburg

23.03.2020

Weisen Hausärzte im Kreis Augsburg Corona-Patienten ab?

Wer Corona-Patienten behandeln will, braucht Schutzkleidung. Die ist aber immer schwerer zu bekommen und wird immer teurer. Ärzte bekommen häufig keinen Nachschub mehr.
Bild: Salvatore Di Nolfi, dpa (Symbolfoto)

Landrat Martin Sailer beschwert sich, dass Mediziner angeblich kranke Patienten abweisen. Die streiten das ab und klagen über hohe Belastungen.

Landrat Martin Sailer (CSU) ist besorgt. Der Grund: Angeblich hatten Anrufer bei der Corona-Hotline des Landkreises geklagt, dass sie von ihrem Hausarzt abgewiesen worden seien – obwohl ihre Krankheitssymptome auf Corona hindeuteten. Sailer kritisiert: „Es ist inakzeptabel, dass niedergelassene Ärzte sich ihrer Behandlungspflicht entziehen. Wir befinden uns alle in einer Ausnahmesituation und jeder muss seinen Teil beitragen.“ Laut Angaben des Landratsamts handelte es sich am Wochenende um etwa 35 Patienten pro Tag, die abgewiesen worden seien. „Teilweise weinende Mütter, die niemanden finden, der sich um ihr krankes Kind kümmert“, sagt Pressesprecherin Kerstin Zoch.

Werden Corona-Patienten abgewiesen? Ärzte weisen Sailers Vorwürfe zurück

Die „Hausärzte und Diabetologen“ in der Region Augsburg wehren sich gegen die Vorwürfe: „Wir haben weiterhin täglich geöffnet und bieten medizinische Versorgung an, obwohl uns die persönliche Schutzausrüstung ausgeht“, heißt es in einer Stellungnahme des neu gegründeten Zusammenschlusses. Jakob Berger, der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes in Schwaben, weist die Vorwürfe ebenfalls zurück. Er sagt: „Das sind Einzelfälle.“ Sein Verband habe die Devise herausgegeben, dass potenziell Infizierte möglichst zu Hause bleiben sollen. Wenn die Anwesenheit eines Infizierten in einer Praxis nachgewiesen wird, müsse diese für zwei Wochen schließen. Der Arzt könne dann nicht mehr behandeln. „Das Einkommen für den Arzt ist verloren“, sagt er.

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Berger erklärt: „Bei jungen und gesunden Menschen gleicht der Krankheitsverlauf von Covid-19 einer Grippe.“ Ein Test lasse sich dann häufig sparen. „Diese Gruppe zu testen, wäre also eine Ressourcenvergeudung“, sagt Berger. Eine Quarantäne, um Ansteckungen zu verhindern, sei dann ausreichend. Und: Die eigentliche Aufgabe der Tests, nämlich Infektionsketten nachzuvollziehen, sei ohnehin nicht mehr möglich. Der Grad der „Durchseuchung“ sei bereits zu hoch.


Menschen, die Hilfe bräuchten oder zur Risikogruppe gehörten, würden aber selbstverständlich behandelt oder getestet. „Solche Leute werden nur abgewiesen, wenn kein Material da ist“, sagt Berger. Dieses Problem sei mittlerweile sehr weit verbreitet. „Masken und Kittel werden bis zu einer Woche verwendet, ohne zu wissen, ob wir damit auch noch geschützt sind“, beklagen dies auch die Hausärzte und Diabetologen im Raum Augsburg.

Coronavirus: Ärzte müssen sich für Materialien auf den Baumarkt verlassen

Diese Entwicklung hat Hausarzt Wolfgang Müßler aus Königsbrunn schon vorhergesehen. Er hatte sich deshalb bereits am 1. März an das Bundesgesundheitsministerium gewandt. Über die fehlende Ausstattung kann Anja Metzger aus der Gemeinschaftspraxis Buhlig in Welden ein Lied singen: „Wir können vielleicht noch zehn Tage so weitermachen“, sagt die Allgemeinmedizinerin. Nachschub sei nicht in Sicht. Die Praxis hätte einen kleinen Vorrat aus 19 Sets mit Schutzmasken und -kleidung. „Eine Mitarbeiterin hat sie im Baumarkt organisiert“, sagt Metzger. Trotzdem würde jeder behandelt. Ihre Praxis habe eine Infektionssprechstunde eingerichtet, die genutzt würde. „Jetz gerade warten zehn Leute darauf, dass sie drankommen“, sagt sie. Die meisten davon müssten sich keine Sorgen machen, dass sie Corona haben. Getestet würde nur bei einem konkreten Verdacht. Also bei Husten und Fieber.


Testbedarf sieht Axel Heise von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns übrigens nur bei Menschen, die Symptome und Kontakt mit einem Infizierten hatten oder sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben. „Wenn die Fälle gegeben sind, schicken wir den Corona-Fahrdienst“, sagt er. Das seien Ärzte, die dann bei einem Hausbesuch testen.

Heise widerspricht den Vorwürfen von Landrat Sailer, dass Patienten an die Hotline des Landkreises verwiesen wurden: „Den Schuh können wir uns nicht anziehen“, sagt er. Auch die KVB-Hotline sei überlastet: „Wir sind kein Infotelefon. Wir hatten schon Anrufer, die fragten, ob ihr Hund Corona hat“, sagt Heise. Wer Fragen hat, soll auf der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nachsehen und sich vorab schlaumachen.

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