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Entsorgung

30.06.2017

Wenn der Joghurt zu früh weggeworfen wird

Bei der Landsberger Tafel werden regelmäßig überschüssige Lebensmittel angeliefert, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Darunter auch diese Trinkjoghurts.
Bild: Thorsten Jordan

Läuft das Mindesthaltbarkeitsdatum ab, verschwinden eigentlich noch genießbare Lebensmittel aus den Regalen. Doch es ist Besserung in Sicht. Eine Spurensuche.

Wem der Magen knurrt, der findet sich heute nicht selten beim Durchstöbern des Kühlschranks wieder. „Den Joghurt kann man nicht mehr essen, der ist abgelaufen“, hören viele dann in Gedanken die eigene Mutter sagen. Das aufgedruckte Datum kündigt schließlich den Verfall an, oder nicht? Der verantwortungsbewusste Verbraucher entsorgt das ungenießbare Produkt also umgehend. Daraufhin kommt er ins Grübeln. „Wie überzeugt man eigentlich die gierigen Pilze und Bakterien, das Mindesthaltbarkeitsdatum als Startschuss abzuwarten?“ Die Antwort überrascht: gar nicht.

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Bereits die Annahme, Lebensmittel würden ab diesem Zeitpunkt damit beginnen schlecht zu werden, entspricht nicht ganz der Wahrheit. „Das Datum der Mindesthaltbarkeit ist in vielen Fällen ungerechtfertigt“, sagt Florian Schneider, Marktleiter des CAP-Marktes in Landsberg. „Diese Information besagt lediglich, wie lange bei richtiger Lagerung Eigenschaften wie Farbe, Konsistenz und Geschmack erhalten bleiben. Ein Joghurt, der dann etwas fester ist als am ersten Tag, ist deswegen nicht weniger genießbar.“

Viele Waren sind noch zehn Tage länger genießbar

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Andrea Danitschek ist Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayerns. Sie sagt, der Einzelhändler ist dazu verpflichtet, einen Großteil der Waren nach Ablauf der Mindesthaltbarkeit aus den Regalen zu nehmen, obwohl sie bis zu zehn Tage danach noch genießbar seien. „Wir reduzieren die Produkte noch am selben Tag“, sagt Schneider. „Damit verringern wir Verluste und der Kunde spart Geld.“

Das Gesetz besagt, Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum dürfen weiter verkauft werden, sofern der Verkäufer sich davon überzeugt hat, dass die Ware einwandfrei ist. Bei Joghurt ist das knifflig. „Die Ware kommt also raus, wird aber nicht weggeschmissen. Die Verpackung wird geöffnet und dann wird sie kontrolliert“, erklärt Schneider. Verkauft werden kann sie dann allerdings nicht mehr.

Die Landsberger Tafel sammelt überschüssige Lebensmittel für Bedürftige. Sie erhält regelmäßige Spenden verschiedenster Händler aus dem Landkreis. „Viel bekommen wir auch vom Edeka-Zentrallager“, sagt Vorsitzende Marlies Klocker. Die Fahrer der Tafel sortieren dann vor Ort aus und kontrollieren die Lebensmittel gründlich. „Wir erhalten viel Obst und Gemüse mit überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum sowie einige Kühlprodukte. Die Spenden summieren sich jährlich auf beachtliche 26 Tonnen im Durchschnitt, und das allein im Landkreis. Laut Klocker ist das genug, um der Nachfrage gerecht zu werden, selten bleibe sogar etwas übrig. „Wir bemerken ein großes Umdenken in letzter Zeit. Vor zehn Jahren haben sich die Unternehmen lange nicht so viel Mühe gegeben, weniger zu entsorgen. Es wird auf jeden Fall etwas getan.“

Es wird nur bestellt, was benötigt wird

Im Restaurant „Nonnenbräu“ in der Epfenhausener Straße in Landsberg wird der Deckel der Biomülltonne nur noch in seltenen Fällen aufgehoben. „Inzwischen haben wir ein gutes Auge dafür“, sagt Küchenmeister Daniel Bachmann. „Wir bestellen nur, was wir brauchen und bekommen für jeden neuen Tag Lieferungen.“ Das Restaurant biete auch etwas kleinere Portionen an, um zu vermeiden, dass satte Gäste Reste übrig lassen müssen. Wem nach dem Essen allerdings noch immer der Magen knurrt, dem sei natürlich ein kleiner Nachschlag gewährt. „Die Portionsgrößen kommen super an“, sagt Bachmann.

Trotzdem haben manche Unternehmen noch immer ihre Schwierigkeiten. „Bürokratische Hürden“ und „Rechtsunsicherheit unter Lebensmittelspendern“, wie es die Europaabgeordnete Renate Sommer formuliert, seien wichtige Faktoren in Sachen Nahrungsverschwendung. Oder kurz: Es blickt einfach keiner mehr durch. Schweren Herzens werfen viele Einzelhändler also täglich große Mengen an Lebensmitteln in die Mülltonne, die in einer Welt mit rund 800 Millionen Hunger leidenden Menschen sicher auch bessere Verwendung finden könnten. Viele würden demnach gerne mehr aussortierte Lebensmittel spenden, sind aber rein rechtlich nicht befugt dazu, beziehungsweise nicht ausreichend mit der unübersichtlichen Rechtslage vertraut. In der Konsequenz landen weltweit ein Drittel aller brauchbaren Lebensmittel in der Mülltonne.

3,5 Millionen Tonnen Lebensmittel werden verschwendet

Mitte Mai forderte das EU-Parlament die Europäische Kommission auf, Spenden zu erleichtern. Gleichzeitig solle sie der Verschwendung durch Aufklärungskampagnen für den Verbraucher entgegengetreten. Oftmals weiß dieser erschreckend wenig über die Haltbarkeit von Lebensmitteln Bescheid, wie eine Umfrage der EU zeigte. Allein die Privathaushalte in Deutschland verschwenden nach Angaben der Bundesregierung jährlich 3,5 Millionen Tonnen Lebensmittel. Damit falle dort der größte Anteil an vermeidbaren Abfällen von Nahrungsmitteln an. Daher plant die Bundesregierung, die Menge an weggeworfenen Lebensmitteln bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren. Initiativen wie Foodsharing wollen dabei helfen, dieses Ziel zu realisieren. Im Gegensatz zu den Tafeln verfolgen die Mitglieder von Foodsharing nicht nur das Ziel, Bedürftigen zu helfen. Die auf der gleichnamigen Internetseite registrierten Foodsaver retten Lebensmittel, wo sie können und stellen diese der Öffentlichkeit zur Verfügung. Auf der Website lässt sich der Standort der „Essenskörbe“ samt Inhalt einsehen. Momentan bemühen sich Ehrenamtliche aus dem Landkreis um eine Untergruppe von Foodsharing in Landsberg.

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