Newsticker

USA: Fünf Millionen gemeldete Corona-Infektionen seit Beginn der Pandemie
  1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Wie Altlandrat Vogele in die Politik kam und was er von der Corona-Krise hält

Landkreis Augsburg

29.06.2020

Wie Altlandrat Vogele in die Politik kam und was er von der Corona-Krise hält

„Eigentlich bräuchten wir gar keinen Urlaub im Ausland, so gut geht es uns hier“: Altlandrat Karl Vogele aus Schwabmünchen feiert heute im kleinen Kreis seinen 80. Geburtstag.
Bild: Uli Wagner

Plus Altlandrat Karl Vogele feiert am Montag 80. Geburtstag. Im Interview gibt der Schwabmünchner Einblicke in seine Lebensgeschichte und erklärt, warum Politiker starke Nerven brauchen.

Ehrlich, ausgleichend, sparsam, vorausschauend, leidenschaftlich und menschlich: So beschreiben Weggefährten CSU-Altlandrat Karl Vogele. Der Schwabmünchner wird heute 80. Das Alter merkt ihm niemand an. Er diskutiert unermüdlich, er treibt Sport und er lässt seine Kontakte spielen, wenn jemand Hilfe benötigt.

Das „S“ im Namen seiner Partei, die Vogele im Augsburger Land über viele Jahrzehnte als Landtagsabgeordneter, Kreisrat und Landrat geprägt hat, nimmt er besonders wichtig. Er bringt beispielsweise Flüchtlingen Deutsch bei. Im Obergeschoss seines Hauses dürfen sie für ein Hilfsprojekt Taschen nähen. Und wenn es nötig ist, dann fährt er mit ihnen nach Augsburg in die Arbeitsagentur, um zu vermitteln.

Die große Feier fällt wegen der Corona-Beschränkungen flach. Wie feiern Sie Ihren 80. Geburtstag?

Karl Vogele: Die Feier fällt kleiner aus, damit alle Gebote eingehalten werden können.

„Stoiber hat die Schwaben nicht so fair bedient wie Seehofer“, findet Vogele.
Bild: Archiv AZ

Welche Schlussfolgerung ziehen Sie persönlich aus der Pandemie?

Vogele: So weit das abschließend überhaupt geht: Ich habe selbst die Entschleunigung gespürt und so viel gelesen wie schon lange nicht mehr. Das war wohltuend. Dazu kam die Gartenarbeit mit meiner Frau. Gelernt habe ich dabei eine viel stärkere Begegnung mit der Natur, die ich über Jahrzehnte verschlafen hatte. Zumindest hatte ich beruflich bedingt kaum Zeit dafür. Jetzt riecht, fühlt und sieht man wieder anders. Eigentlich bräuchten wir gar keinen Urlaub im Ausland, so gut geht es uns hier.

Vielen Menschen geht es ähnlich. Sie setzen auf Urlaub daheim und wollen jetzt wieder ihre Umgebung besser kennenlernen.

Vogele: Das haben wir auch gemacht. Wir sind oft aufs Rad gestiegen für kleine Touren.

Wie hat sich die Gesellschaft verändert?

Vogele: Ich hoffe, dass wenigstens der größere Teil aufgewacht ist für ein stärkeres Füreinander. In unseren Krankenhäusern wurde es schon vorbildhaft praktiziert. Hoffentlich bleibt das auf lange Zeit so und überträgt sich noch auf viele andere Menschen.

Immer wieder gibt es aktuell Kritik an den Beschränkungen. Hat die Politik richtig reagiert?

Vogele: Im Grundsatz war alles richtig. Über Details lässt sich diskutieren. Wir brauchen jetzt einen offenen Dialog, um bestmöglich und schnell weiter zu lockern.

Apropos Politik: Kribbelt es nicht, wieder im politischen Alltag mitzumischen?

Vogele: Ich denke oft zurück an das, was ich gestalten durfte. Sicherlich prickelt es zwischendurch. Man spürt aber auch: Man ist älter geworden und hat nicht mehr die Kraft, die man bräuchte, um das Tagwerk zu meistern. Ich bewundere, was aktive Kollegen tagtäglich noch physisch auf die Beine stellen, um gehört zu werden oder um sich Gehör zu verschaffen. Mit 80 stößt man doch an gewisse Grenzen.

Zum Abschied erhielt Vogele vom Königsbrunner Manfred Buhl ein eigenes Augsburger-Land-Kennzeichen.
Bild: Uli Wagner (Archiv)

Waren Sie als Landrat damals auch rund um die Uhr gefordert?

Vogele: Ja, weil der Landkreis mehr als doppelt so groß ist wie der Durchschnitt der bayerischen Landkreise. Als Stadt-Umland-Kreis hat er außerdem viele Töchter im Gepäck. Man muss immer die Entwicklung der gesamten Region im Blick haben. Ein öffentlicher Nahverkehr lässt sich nicht alleine stemmen. Nur im Zusammenspiel mit dem Partner Augsburg lässt sich ein Optimum erzielen. Das gilt auch für die Krankenhaus-Landschaft. Ich vergesse zum Beispiel nie, wie Horst Seehofer 2003 hier war und gefragt hatte, warum Augsburg keine Uniklinik hat. Wir hatten zu dieser Zeit schon ein entsprechendes Gutachten in der Tasche, das dann später in Teilen von Seehofer übernommen wurde. Wir waren enttäuscht, dass der damalige Ministerpräsident Stoiber nicht das nötige Gehör für Augsburg hatte.

Vielleicht hätten Sie zu Stoiber zum Frühstück gehen müssen.

Vogele: Ich kenne ihn ja von meiner Zeit als Landtagsabgeordneter. Aber Stoiber war immer zu sehr von der Münchner Krankenhauslobby beeindruckt. Die Schwaben hatte er nicht so fair bedient wie Seehofer. Das Augsburger Klinikum war aber schon immer ein akademisches Leuchtturmprojekt, das vor Jahrzehnten gegen die Uni eingetauscht wurde.

Jetzt ist die frühere kommunale Klinik umgewandelt.

Vogele: Gott sei Dank. Denn die Klinik hatte immer Defizite, weil sie nur mit Darlehen errichten werden konnte.

Die Größe sagt nicht alles über das Verhältnis von Stadt und Land aus: Augsburgs Ex-OB Kurt Gribl und Landrat Karl Vogele.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Geblieben sind die beiden Häuser in Bobingen und Schwabmünchen. Sind sie auf Dauer überlebensfähig?

Vogele: Ich hoffe es. Ich hatte damals die beiden städtischen Häuser neu formiert. Wichtig war die schwerpunktmäßige Ausrichtung. Heute ist die gute ärztliche Führung ein Erfolgsgarant. Dazu kommt das stetige Wachstum des Landkreises, das für Nachfrage sorgt.

Wie wird der Landkreis in zehn oder 20 Jahren aussehen?

Vogele: Vermutlich wird es eine Gebietsreform geben, wenn die Politik die Kräfte in dieser Richtung bündeln kann.

Heißt das, der Landkreis wird wieder aufgeteilt?

Vogele: Nein. In Bayern wird es noch weniger Landkreise geben müssen. Gerade in der Verwaltung wird sich vieles ändern. Die Frage ist, ob man etwa im Baurecht mehr vereinfachen kann, was zu meiner Zeit verkompliziert wurde. Die Regulierungswut könnte nach der Corona-Krise an einem Limit angelangt sein.

Also gehen Stadt und Landkreis zusammen?

Vogele: Das wäre ein übergroßer Landkreis. Man könnte noch stärker zusammenarbeiten. Die Augsburger sagen ja, dass der Speckgürtel von ihnen profitiere. Aber ich bin mir sicher, dass durch die neuen Entwicklungen vielleicht in zehn Jahren eine weitere Gebietsreform ansteht.

Ein eigener Radweg für den passionierten Radfahrer im südlichen Landkreis: Präsentiert wurde er bei der Verabschiedung im Landratsamt 2008.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Wie sind Sie eigentlich in die Politik gekommen?

Vogele: Da gab es zwei Momente: Ich war in der Katholischen Jugendarbeit und bin dann schnell Vorsitzender des Kreisjugendrings geworden. Das brachte mich verstärkt zur politischen Denkweise. Nach dem Bau der Mauer reisten wir 1963 nach Berlin, um den Osten zu besuchen. Sechs Stunden mussten wir an der Grenze warten, es gab Schikanen noch und noch. Ich wurde mit anderen aus der Reisegruppe genommen und dann in ein Zimmer gebracht, wo ich mich zur Kontrolle ausziehen musste – zwei Stunden musste ich dann so warten, bis es weiterging. Das hat mich so in meiner Menschenwürde getroffen, dass ich von da an für das Wunder Freiheit, sprich die Demokratie, gekämpft habe. Über Langerringer Freunde bin ich dann zur CSU gekommen. Bei der Stadtratswahl 1966 hatte die CSU eine bittere Niederlage eingesteckt. Danach hatte mich Lehrer Rudolf Hiller zum Ortsvorsitzenden vorgeschlagen, weil ich von außen kam. Ich habe die Arbeit wohl einigermaßen gut gemacht – so bin ich dann überraschend zum Kreisvorsitzenden gewählt worden.

Das war das Sprungbrett nach oben.

Vogele: Richtig. 1972 ging es in den Kreistag, 1974 in den Landtag. Als der hochverdiente Landrat Franz Xaver Frey überraschend starb, wurde ich gedrängt, für ihn nachzurücken. Strauß hatte es mir auch angeraten, obwohl ich eigentlich nicht aus dem Landtag wollte. Hernach war ich froh darum. Mitbewerber um den Posten waren damals Ivo Moll (SPD) und Raimund Kamm (Grüne).

Karl Vogele ist ein begeisterter E-Radler. Er hat im Landkreis das Radwegenetz aufgebaut.
Bild: Nannen

Was ist besser: Landrat oder Landtagsabgeordneter?

Vogele: Landrat. Man ist ein kleiner König, weil man viel mehr gestalten kann und viel Menschennähe hat. Menschen sind auch ein Resonanzboden für den eigenen Erfolg oder Misserfolg. Aber man muss die Menschen mögen und mit ihnen reden können. Mann muss sich auch korrigieren, wenn man merkt, man befindet sich auf dem Holzweg, oder wenn man feststellt, dass die Menschen noch nicht so weit sind, etwas mitzutragen. Als ich angefangen hatte, gab es ein großes Abfallproblem. Die Mannert-Deponie in Gallenbach musste geschlossen werden. Es musste eine neue gefunden werden. Eine Lösung im Landkreis Aichach-Friedberg war nicht durchsetzbar. Aber wo sollte sie hin? Mit der Oberforstdirektion wurde schließlich mit Hegnenbach ein geeigneter Standort gefunden. Trotz der Proteste wurde die Deponie gebaut, und die Gemeinde hat unter dem Strich durch andere Hilfestellungen profitiert.

Danach kam die Abfallverwertungsanlage in Lechhausen.

Vogele: Die Planungen liefen damals zeitgleich an. In dem ganzen Prozess erhielt ich auch Morddrohungen.

Schwäbisches Dreigestirn: Karl Vogele als Landrat, Landtagsabgeordneter Max Strehle und Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert.
Bild: Uli Wagner (Archiv)

Bei allen Höhen, Tiefen oder sogar Morddrohungen: Haben Sie es jemals bereut, Landrat zu sein?

Vogele: Nie. Aber es waren immer starke Nerven nötig. Wer in die Politik geht, braucht einen starken Willen und starke Freunde.

Woher haben Sie die Willenskraft?

Vogele: Das hängt vielleicht mit meiner Familiengeschichte zusammen. Mein Vater sah im Weltkrieg viele Menschen sterben, weil sie bei Hunger und Kälte ihren Lebenswillen aufgegeben hatten. Er sagte immer, dass man nie aufgeben dürfe, auch wenn es mal einen Tiefpunkt gibt. Mit 65 Jahren bekam er Krebs. Obwohl ihm die behandelnden Ärzte damals keine Überlebenschance gaben, wurde er 92 Jahre alt. Er hat vieles ertragen müssen, ohne jemals zu jammern.

Jammern wir zu viel?

Vogele: Viel zu viel. Vielleicht bringt die Corona-Zeit manchen von uns zum Nachdenken.

Lesen Sie dazu auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren