Newsticker

Biontech und Pfizer beantragen EU-Zulassung für Corona-Impfstoff
  1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Wie Kinder zu Mobbing-Opfern werden

Landkreis Augsburg

14.11.2017

Wie Kinder zu Mobbing-Opfern werden

Der Stinkefinger im Chat gehört noch zu den harmloseren Botschaften. Oft werden Mobbingopfer so traktiert, dass sogar Suizidgedanken aufkommen.
2 Bilder
Der Stinkefinger im Chat gehört noch zu den harmloseren Botschaften. Oft werden Mobbingopfer so traktiert, dass sogar Suizidgedanken aufkommen.
Bild: Marcus Merk

Diplomsozialpädagoge Andreas Knapp von der Fachstelle Jugendsozialarbeit im Landratsamt Augsburg kennt Gründe für Mobbing und nennt Lösungen.

Die Schulkomödie „Fack Ju Göhte 3“ begeistert derzeit viele Kinogänger. Obwohl der Film vor allem unterhalten soll, beschäftigt er sich über weite Stücke mit einem ernsten Thema: Mobbing an Schulen. Andreas Knapp ist als Diplomsozialpädagoge Experte auf diesem Gebiet und kommt mit dem Thema täglich in Kontakt. In der Fachstelle Jugendsozialarbeit des Landratsamts Augsburg berät der 40-Jährige Betroffene und weiß, wann überhaupt von Mobbing gesprochen wird, und welche Ursachen und Lösungsansätze es gibt.

Wo fängt Mobbing an?

Wenn Schüler durch einen oder mehrere Mitschüler über einen längeren Zeitraum negativen Handlungen ausgesetzt ist, dann werde von Mobbing gesprochen, erklärt Andreas Knapp. Zwischen den Personen gibt es immer ein Machtgefälle, und dieses Ungleichgewicht der Kräfte kann sich auf körperliche oder psychische Stärke beziehen.

Welche Formen von Mobbing gibt es?

Mobbing kann direkt stattfinden: hänseln, beschimpfen, lächerlich machen, Geld oder Eigentum wegnehmen, bedrohen oder schlagen. Die Liste lässt sich weiterführen. Wenn sich das Ganze im Internet abspielt, nennt man es Cybermobbing.

Wie wirkt sich die Schikane auf die betroffenen Schüler aus?

Bei jedem anders und generell sehr vielfältig, erklärt der Sozialpädagoge. Seien es Schlafstörungen, Albträume, Panikanfälle, Depressionen, Kopf- oder Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Essstörungen oder Aggressivität gegen sich selbst und andere. Auch wenn die schulische Leistung plötzlich oder allmählich nachlässt, kann das ein Anzeichen sein. Die Opfer scheinen oft hilflos, niedergeschlagen und den Tränen nahe. Sie suchen in den Pausen gerne die Nähe zu Erwachsenen. Es kann sogar so weit führen, dass die Betroffenen mit Suizidgedanken zu kämpfen haben.

Wie häufig ist das Phänomen in Schulen anzutreffen?

Das Kultusministerium spricht davon, dass etwa 15 Prozent der Schüler an weiterführenden Schulen als Mobbing-Opfer bezeichnet werden können. Im Grundschulbereich liegt diese Zahl niedriger. Dem Jugendamt sind aus dem Jahr 2016 insgesamt 16 Fälle offiziell bekannt geworden. Bei schätzungsweise 24000 Schüler liegt die offizielle Zahl erheblich unterhalb des Durchschnittes. „Aber jeder einzelne Fall ist einer zu viel“, sagt Andreas Knapp deutlich. Man müsse bedenken: Es gibt Fälle, in denen sich das Opfer noch keine Unterstützung geholt hat.

Welche Ursachen gibt es?

Die Ursachen sind vielschichtig. Macht ist ein wichtiger Faktor: Als Mobber erlebt man ein Gefühl der Stärke, und es kann Spaß machen, in der dominanten Position zu sein. Zum anderen kann es ein Ventil sein, angestaute Aggressionen auszuleben. Von den Opfern ist meist keine Gegenwehr zu erwarten, und sie erscheinen aus Sicht des Mobbers als eine geeignete Zielscheibe. Fehlende Kommunikation ist häufig ein Auslöser. Es kommt immer wieder vor, dass ehemals Gemobbte auch Täter werden, da sie selber nicht mehr in diese Situation kommen wollen.

Was können Schüler, Lehrer und Eltern dagegen unternehmen?

Im Landkreis Augsburg gibt es flächendeckend an allen Grund-, Mittel- und Realschulen Mitarbeiter der Jugendhilfe. Die Gymnasien können sich Unterstützung über das Amt für Jugend und Familie Landkreis Augsburg holen. Jugendsozialarbeiter sind bei Schülern, Eltern und Lehrern bekannt. Sie stellen sich den Eltern in der Regel bei den ersten Elternabenden vor. Sie setzen möglichst früh an, um als Vertrauensperson wahrgenommen zu werden. Alle haben ein eigenes Büro, der als geschützter Raum für die Schüler dient. Sie stehen unter Schweigepflicht und gehen sorgsam mit den Informationen um. „Sie sprechen alle weiteren Schritte mit dem Betroffenen ab“, so Knapp. Die Mobbingopfer sollen eine Selbstwirksamkeit erleben. Falls Eltern den Verdacht haben, können sie sich an die Jugendsozialarbeiter vor Ort wenden. Sie erhalten zudem zusammen mit den Kindern Beratung in den elf Familienbüros im Landkreis. Zudem gibt es noch die Erziehungsberatungsstellen und auch die Mitarbeiter vom Amt für Jugend und Familie beraten gerne.

Was machen Schulen dagegen?

In den Schulen gibt es diverse Projekt gegen Mobbing. Zum Beispiel „f.i.t.“ (Fair im Tun) in den fünften Klassen an den Realschulen. Ziel ist guter Zusammenhalt in den Klassen. An einigen Grundschulen wird schon sehr früh die „Giraffensprache“, also gewaltfreie Kommunikation, eingeführt. Auch die Demokratieerziehung ist wichtig. An immer mehr Schulen wird daher der Klassenrat eingeführt. Die Schüler lernen soziale und demokratische Kompetenzen. Ein erfolgreiches Projekt, welches an den meisten Schulen umgesetzt werden kann, ist der „No blame approach“: eine lösungsorientierte Vorgehensweise, bei der auf Schuldzuweisungen und Strafen verzichtet wird.

Wie sieht das Angebot außerhalb der Schule aus?

Die Kinder und Jugendlichen können schnell und unkompliziert an 16 Standorten im Landkreis Hilfe erhalten. Dort gibt es die offene Jugendarbeit sowie Jugendzentren. Fünf Streetworker sind im Landkreis für Jugendlichen wichtige Ansprechpartner.

Andreas Knapp hält fest: „Wichtig ist, dass in jedem Fall Grenzen gesetzt werden, Mobbing nicht akzeptiert wird und die Opfer wissen, dass sie nicht alleine sind und sie Unterstützung bekommen.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren