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Bobingen

17.10.2019

Wie behindertengerecht ist Bobingen?

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3 Bilder
Der Rollstuhl steckt fest. Quer eingebaute Gullydeckel können für Rollifahrer zu einer Falle werden, aus der sie nur schwer wieder entkommen können.
Bild: Elmar Knöchel

Plus Aus dem Rollstuhl heraus sieht die Welt anders aus. Unser Autor begleitet den Behindertenbeauftragten der Stadt und beschreibt, was er so alles erlebt.

Es gibt in Sachen behindertengerechte Stadt viel Licht in Bobingen, aber auch Schatten. So könnte man die Worte von Eva-Maria Pettinger, der Vorsitzenden des Seniorenbeirates, zusammenfassen. „Wir pflegen einen sehr offenen Kontakt mit Bürgermeister Bernd Müller, dem Stadtrat, sowie Bauamt und Bauhof“, so Pettinger. Alle hätten stets ein offenes Ohr, wenn Seniorenbeirat und Behindertenbeauftragter Josef Sedran auf Probleme hinweisen. „Es sind immer allebemüht, schnell Abhilfe zu schaffen, wenn ein Problem erkannt wird.“ Tatsächlich lägen die Schwierigkeiten oft darin, ein Problem zu erkennen. Denn für Nichtbehinderte ist es nicht einfach, die Welt aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers zu sehen. Oft sind Lösungen nicht schwierig und müssten auch nicht teuer sein. Die Probleme zu erkennen dabei helfen Seniorenbeirat und Behindertenbeauftragter. In Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen aus Verwaltung und Stadtrat konnte einiges erreicht werden.

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Trotzdem gibt es immer noch hohe Gehwegkanten, schmale Gehwege, ungenügend Abflachungen oder im „Nichts“ endende Fußwege. Hier mischt sich Josef Sedran ein. „So etwas demonstriert man am besten auf einem Rundgang mit Rollstuhl.“ Und so zogen der Autor und der Gehbehinderte Sedran los. Das erste Problem tauchte bereits an unerwarteter Stelle auf. Denn der im Rollstuhl schieben relativ unerfahrene Schreiber war froh, eine Abflachung des Gehweges nutzen zu können, um bequem den Rollstuhl auf die andere Straßenseite befördern zu können. Der Gullydeckel stört ja niemanden. Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellte. Denn die Spalten sind quer zur Fahrtrichtung der Straße eingebaut. Wenn man mit dem Rollstuhl darüberfährt, klinken sich die Räder in die Zwischenräume ein. Für einen Rollifahrer alleine ist es dann fast nicht mehr möglich, herauszukommen. Auch zu zweit war es nicht einfach. „Ja, aus dem Rollstuhl heraus, sieht die Welt manchmal anders aus“, kommentiertet Josef „Beppo“ Sedran das Malheur.

An der Behindertentoilette im Freibad passt der Euro-Schlüssel nicht

Nächste Station war die Behindertentoilette am Freibad. Siegesgewiss zückte Sedran seinen „Euro-Schlüssel“, um die Toilette zu öffnen. Dazu erklärte er, dass dieser Schlüssel nur für Schwerbehinderte zu bekommen sei und europaweit die genormten Schlösser von Behindertentoiletten öffne. Allerdings sei das relativ wenigen Behinderten bekannt. Er habe auch erst vor kurzem davon erfahren. Die Ernüchterung folgte. Der Schlüssel passte nicht. Ein Hinweis, wo ein Türöffner zu finden sei, fehlte ebenfalls. So blieb dem ungleichen Duo nichts weiter übrig, als „unverrichteter“ Dinge wieder abzuziehen. Nächste Möglichkeit: die Behindertentoilette am Rathaus. Ein Fußmarsch von circa zehn Minuten. Wobei der ungeübte Rollstuhlschieber am Berg hinauf zur Hochstraße ordentlich ins Schwitzen kam. Kurz vor Ende der Steigung in der Bäckerstraße ein weiteres „Aha-Erlebnis“. Der Gehweg endet 30 Meter vor der Hochstraße an einer Mauer. Rollstuhlfahrer und Schieber mussten ihren Weg auf der Straße fortsetzen. Nicht ungefährlich. Dann ging es vorbei an der alten Mädchenschule. Dort prangt am Eingang das Schild „soziale Stadt“, denn dort befindet sich auch das Büro des Quartiersmanagements. Ironischerweise gibt es genau dort keine Rampe. Zugang nicht möglich. Schade.

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Im Rathaus ist der Schlüssel zunächst unauffindbar

An der Behindertentoilette am Rathaus angekommen, ließ sich die Toilette mit dem Euro-Schlüssel öffnen und gab den Weg in eine absolut saubere Behindertentoilette frei. Besser geht es kaum. Doch dann stellte Sedran eine Frage. „Bis vor drei Tagen hatte ich den Schlüssel noch gar nicht, weil ich nicht wusste, dass es so etwas überhaupt gibt. Wie wäre ich da reingekommen?“ Die Antwort schien naheliegend. Der Schlüssel ist mit Sicherheit im Rathaus nebenan zu bekommen. Leider wieder eine Enttäuschung. Die freundliche Dame am Empfang wusste nichts von einem Schlüssel zur Behindertentoilette. Wahrscheinlich hätte der Hausmeister einen, aber der sei gerade nicht im Haus. Allerdings wollte sie das so nicht auf sich beruhen lassen und rief Hauptamtsleiter Thomas Ludwig zu Hilfe. Aber auch dieser musste zugeben, dass er nichts über diesen Schlüssel wüsste. Auch vom „Euro“-Schlüssel, mit dem der Toilettenbesuch im Bad gescheitert war, sei ihm nichts bekannt. Allerdings versprach er, sich um das Problem zu kümmern.

Auf dem Rückweg nach Hause fiel dann Beppo Sedran ein altbekanntes Problem auf, das er eigentlich gelöst glaubte: die Fahrpläne des AVV. Vom Rollstuhl aus ist der oberste Plan nicht mehr zu lesen. „Da haben wir schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen. Löblicherweise wurde es auch sofort geändert, die Seiten wurden anders verteilt.“ Doch mittlerweile wurden anscheinend die Pläne ausgetauscht und wieder in der alten Weise aufgehängt. „Da ist wohl wieder ein Anruf fällig“, meinte Sedran. Nach einem Besuch am Friedhof, der sich als absolut gut zugänglich mit beispielhafter Behindertentoilette präsentierte, war der Rundgang dann zu Ende. Behindertenbeauftragter Sedran zog das Fazit. „Wir jammern hier in Bobingen auf hohem Niveau, aber es gibt immer noch Luft nach oben“.

An den Ampeln fehlen Akustikwarner

Damit meinte er vor allem die fehlenden Akustikwarner an den Ampeln. Dort gibt es nur Lichtzeichen bei Grün. „Ein Sehbehinderter hat davon natürlich nichts“, so Sedran. Ebenso wenig gebe es an den Fußgängerüberwegen sogenannte Bodenindikatoren. Das seien rillenartige Vertiefungen, die einem Sehbehinderten anzeigen, wann er die gegenüberliegende Straßenseite erreicht hat. Aber er und der Seniorenbeirat würden weiter daran arbeiten.

Eine Überraschung hatte der Vormittag allerdings noch parat. Denn am selben Tag erreichte unsere Zeitung eine E-Mail von Hauptamtsleiter Ludwig. Darin informierte er, dass bereits in die Wege geleitet sei, das Schloss an der Freibadtoilette gegen ein „euroschlüsseltaugliches“ auszutauschen. Weiterhin würde ab sofort im Amt jeder, der einen Behindertenausweis beantragt, auf die Existenz dieses besonderen Euro-Schlüssels hingewiesen. Und der Schlüssel für die Toilette am Rathaus sei ab sofort am Empfang hinterlegt. Eva-Maria Pettinger hatte mit ihrer Feststellung, die Verantwortlichen in Bobingen seien sehr bemüht und entgegenkommend, nicht zu viel versprochen.

Der Schlüssel für Behindertentoiletten in ganz Europa ist erhältlich bei Gerda Fleig, Mitarbeiterin beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter, Telefon 08234/65 64. Der Schlüssel kostet einmalig 26 Euro und wird nur gegen Vorlage des Behindertenausweises vergeben.

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