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Bobingen

19.01.2021

Wie ein Angehöriger den Corona-Ausbruch im Bobinger Heim Kursana erlebt

Das Kursana Seniorenheim in Bobingen hat mit einem massiven Corona-Ausbruch zu kämpfen. Mehr als 60 Bewohner haben sich mit dem Virus infiziert.
Foto: Elmar Knöchel

Plus Mehr als 40 Bewohner im Kursana Seniorenheim in Bobingen haben Corona. Wie ein Angehöriger die Situation erlebt und was er an der Heimleitung kritisiert.

Seit dem Frühjahr lebt seine Mutter im Kursana Seniorenheim in Bobingen. Wie 60 andere Bewohner hat auch sie sich mit dem Virus infiziert. Seit vergangener Woche hat die Einrichtung mit einem massiven Corona-Ausbruch zu kämpfen. Derzeit sind 43 Menschen infiziert, sechs von ihnen befinden sich im Krankenhaus. Zwölf Bewohner mit teils schweren Vorerkrankungen sind verstorben.

Das Zimmer, in dem seine Mutter untergebracht ist, hat er noch nie gesehen - die strengen Hygieneregeln machen es unmöglich. Um sie zu schützen, möchte er seinen Namen nicht öffentlichen nennen. Trotzdem will er sprechen. Darüber, wie schwierig die Situation ist, wie seine Mutter unter der Einsamkeit leidet. Und darüber, wie die Mitarbeiter ihr Bestes geben und doch nicht allen Anforderungen gerecht werden.

Angehöriger sagt: "Kursana Seniorenheim hatte die Lage im Frühjahr im Griff"

Nur wenige Male hat er seine Mutter gesehen, seit sie in der Einrichtung in Bobingen lebt. Jahrelang wohnte sie im eigenen Haus, doch das ist nicht mehr möglich. Denn sie vergisst. Manchmal weiß sie nicht mehr, wie sie das Telefon in der Hand halten muss. Schleichend raubt ihr die Demenz die Selbstständigkeit. Auch körperlich ist sie eingeschränkt und ihr Sohn weiß: So kann es nicht weitergehen. Doch einen Platz in einer Pflegeeinrichtung finden, während die erste Corona-Welle das Land in einen Lockdown zwingt?


Die meisten Heime sind voll oder nehmen aus Angst vor dem Virus keine neuen Bewohner auf. "Wir hatten nicht viel Auswahl“, sagt er. Umso größer ist die Erleichterung, als das Kursana Seniorenheim in Bobingen einen freien Platz anbietet.

Beim Einzug kann er jedoch nicht helfen. Die Hygienemaßnahmen erlauben Besuche nur mit Anmeldung. Vor dem Betreten wird die Temperatur gemessen. Mit Einmalkittel, Maske und Gesichtsvisier darf er eine halbe Stunde bei seiner Mutter im Besucherraum sitzen. An Umzugskisten schleppen und Zimmer einrichten ist nicht zu denken. "Vielen Angehörigen waren die Einschränkungen vermutlich schwer zu vermitteln, aber Kursana hatte die Lage im Frühjahr im Griff“, sagt er.

Die gelockerten Besuchsregeln im Sommer sind eine Erleichterung

Das Zimmer seiner Mutter hat er bis heute nicht gesehen. Das Meiste, was er weiß, habe er im Gespräch mit den Pflegern erfahren. Sie haben auch die Kisten mit den Habseligkeiten seiner Mutter entgegengenommen. "Der Schrank, an dem sie so hängt, steht immer noch bei mir in der Garage“, sagt er. Wann er ihn ins neue Zuhause stellen kann – niemand weiß es.

Die Isolation macht seiner Mutter zu schaffen. Manchmal weint sie am Telefon. Die Besuche machen es nicht einfacher. "Mit Maske und Abstand im sterilen Besucherraum zu sitzen, ist für sie emotional sehr belastend“, sagt er. "Die Pflegekräfte versuchen, den Bewohnern menschliche Nähe zu vermitteln, aber auch für sie ist die Situation schwierig.“

Im Sommer dann die ersehnte Lockerung. Sie gehen im Park spazieren, trinken Kaffee, nehmen sich in den Arm. "Ich habe gespürt, dass ihr die Berührung nahe geht“, sagt er. Nachmittags gibt die Blaskapelle ein Terrassenkonzert. Seine Mutter ist begeistert. "Die Pfleger in der Einrichtung bemühen sich, den Bewohnern ein Stück Lebensqualität zu bieten“, sagt er.

60 Bewohner infizieren sich bei Corona-Ausbruch im Bobinger Heim

Doch die Lockerung ist nur von kurzer Dauer. Mit der zweiten Corona-Welle im Herbst werden die Besucherregeln im Seniorenheim in Bobingen wieder verschärft. Die Türen bleiben geschlossen, wer ins Haus will, muss klingeln. FFP2-Masken sind Pflicht. Zusätzlich zu den Hygienemaßnahmen werden alle Besucher per Schnelltest vor Ort auf das Virus getestet.

Im September hat er seine Mutter zum letzten Mal gesehen. Ein Besuch an Weihnachten schien ihm zu riskant. Außerdem sagt er: "Sich an Heiligabend zu sehen und nicht in den Arm nehmen zu können, hätte meine Mutter wohl mehr belastet als sich nicht zu sehen.“

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen gelangt das Virus in das Bobinger Seniorenheim. Am 28. Dezember wird der erste Bewohner positiv getestet. Innerhalb von zwei Wochen infizieren sich 61 Menschen. Auch seine Mutter steckt sich an. Die Hoffnung auf die für Ende Dezember geplante Impfung ist dahin. Nur die gesunden Bewohner werden später gespritzt. Doch er macht der Einrichtung keinen Vorwurf. "Die Verantwortlichen haben versucht, das Virus fernzuhalten. Im Gegensatz zum Frühjahr ist es leider nicht gelungen“, sagt er.

Angehöriger wünscht sich eine schnellere Kommunikation

Was ihn allerdings ärgert: Erst eineinhalb Wochen, nachdem der erste Bewohner positiv getestet wird, erreicht ihn das Schreiben der Einrichtungsleitung über den massiven Corona-Ausbruch. "Als Sohn und gesetzlicher Vormund sind Informationen essentiell“, sagt er.

Ihm sei klar, dass die Verantwortlichen nicht alle Angehörigen der 86 Bewohner anrufen können. "Trotzdem hätte ich mir eine schnellere Kommunikation gewünscht“, sagt er. "Die Einrichtung versuche, Transparenz herzustellen. Aber das gelingt nicht immer so, wie man es sich als Angehöriger wünscht.“

Wie das Virus in die Einrichtung gelangt ist und wo sich seine Mutter angesteckt hat, weiß er nicht. Es sind nicht die einzigen unbeantworteten Fragen, die ihm derzeit im Kopf herumschwirren. Doch im Moment zählt für ihn vor allem eins: Warten und hoffen, dass seine Mutter die Corona-Infektion gut übersteht.

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