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Bobingen

11.10.2018

Wie eine Druckerei versteigert wird

Die Original Heidelberg Zylinder-Presse leistete seit den 1960er-Jahren ihren Dienst, doch nun sucht das historische Modell nach einem neuen Besitzer.
Bild: Veronika Lintner

Seit Juli stehen die Maschinen bei „Kessler Druck+Medien“ in Bobingen still. Jetzt wird das Inventar des insolventen Betriebs im Internet versteigert.

Die Maschinen stehen bereit. Es scheint, als würde der Betrieb in den Hallen von Kessler Druck im nächsten Moment wei-tergehen. Doch tatsächlich warten die Maschinen nur auf Käufer. Im Juli kam das Aus für die traditionsreiche Bobinger Firma „Kessler Druck+Medien“: Insolvenz beantragt, Betrieb eingestellt. 150 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz – nun wird das Inventar versteigert.

Rote Zettel kleben an fast allen Dingen. Selbst ein kleiner Schemel trägt eine Auktionsnummer. Eine Kolonne an Industriestaubsaugern parkt, selbst von Staub bedeckt, in wohlsortierten Reihen. Papierpakete, die auf Paletten ruhen, sind mit ihrem Gewicht beschriftet: „6000 Kilogramm“ – und viele weitere Tonnen liegen noch in den Hallen. Der Auktionskatalog listet mehr als 1000 Posten auf – von der Mikrowelle aus der Teeküche bis hin zur Achtfarben-Bogen-Offset-Druckmaschine. Startpreis: 180000 Euro. Sie ist das teuerste Gut der Auktion.

Schreibmaschine im Angebot

Sogar eine elektrische Schreibmaschine wird feilgeboten. Und neben den Hightechgeräten steht eine Zylinder-Presse aus den 1960er-Jahren, schwarz und elegant inmitten grauer Elektronik. „Die wurde bis zuletzt noch genutzt“, erklärt Peter Sattler. Der Regionalmanager von „NetBid Angermann Machinery and Equipment“, leitet die Versteigerung. Jedes Teil ist ein Zeitzeugnis der Firmengeschichte, die 1960 begann und in diesem Sommer endete. 2017 übernahm die Astov-Gruppe aus Dresden den Betrieb und sollte eine drohende Pleite abwenden – doch die Hoffnung war vergebens. Auch Caspar Kessler geht an diesem Mittwochmorgen durch die Hallen und sieht sich um. Der Firmengründer und ehemalige Geschäftsführer möchte sich nicht zur Insolvenz äußern. Die Gläubigerversammlung hatte zuletzt den vorläufigen Insolvenzverwalter Albert Wolff abberufen. Seit Mitte September ist nun Nico Kämpfert, ein Jurist aus Magdeburg, mit dem Fall betraut. Für eine Stellungnahme stand er nicht zur Verfügung und auch Albert Wolff schweigt.

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Peter Sattler hat schon Versteigerungen für große Schiffswerften und Industriebetriebe geleitet. Doch er sagt, der Fall Kessler sei derzeit sein größtes Projekt. Im Juli erhielt er den Auftrag, dann musste alles katalogisiert, geputzt und vorbereitet werden. Jetzt kann jedermann online bieten – mit ein paar Klicks. Vor allem Gewerbetreibende und Händler ziehe die Auktion an, sagt Sattler. „Die Angebote sind international, Techniker aus Fernost haben sich angekündigt.“ Für diese Interessenten wird der Auktionator ausnahmsweise die Druckmaschinen anwerfen und demonstrieren. „Die wollen ja nicht die Katze im Sack kaufen.“ 1,4 Millionen Euro, das ist die Summe aller Artikel, gemessen an ihrem Mindestverkaufspreis. „Aber das geht hoffentlich nach oben“, sagt Sattler. „1,6 bis 1,7 Millionen Euro würden mich nicht wundern.“ Wohin die Stücke wandern? „Das wird sich oft in den letzten Sekunden entscheiden.“ Das Geschäft laufe etwas anders ab als bei E-Bay: Mit jedem Gebot in letzter Minute verlängert sich die Auktionsdauer nochmal um zwei Minuten.

Alles kommt unter den Hammer – auch Staubsauger und Rollhocker.
Bild: Veronika Lintner

Die ersten Interessenten wandern durch die Hallen. Ein Druckermeister aus Kassel sucht nach einer Klebemaschine, eine Vertreterin eines Gabelstapler-Händlers ist aus Mohnheim angereist. Romeo Stoica, ehemaliger Vertriebsleiter im Bereich Druck bei Kessler, führt die Interessenten durch die Räume und zeigt, dass die Stapler noch stapeln. „Es ist nicht einfach“, sagt Stoica. „150 Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz verloren.“ Die Hälfte habe einen neuen Job gefunden, im Bereich des Drucks fast alle. Doch vor allem die Buchbinder seien noch auf der Suche. Stoica hat Pläne gefasst. „Ich möchte mich selbstständig machen, am besten weit weg von der Druckbranche“, sagt er. „In dieser Branche hat man keine Zukunft. Das weiß doch jeder.“

Tonnen von Papier liegen noch in den Lagerhallen der Firma Kessler.
Bild: Veronika Lintner

Die Geschichte hinter der Kessler-Insolvenz

Kessler Druck+Medien: Die Firma wurde 1960 von Caspar Kessler gegründet, jahrelang wirkte seine Frau Ingrid Kessler in der Firmenleitung mit. Das Unternehmen war spezialisiert auf den Druck von Büchern, Broschüren und Zeitschriften. 2017 übernahm die Astov-Gruppe das Unternehmen, das damals in eine finanzielle Schieflage geraten war. Dieser Wechsel verhinderte nicht die Insolvenz.

Insolvenzverfahren: Der Insolvenzantrag ging im Mai 2018 am Amtsgericht Dresden ein. Verhandlungsort ist der Firmensitz der Astov-Gruppe.

Auktion: Es gab zwei Besichtigungstermine auf dem Firmengelände. Die Auktion läuft bis zum 17. Oktober unter: www.netbid.com/Auktionen/Online-Projekte/18622701-Online-Insolvenzauktionen-Druckmaschinen.

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