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Königsbrunn

02.11.2020

Wie eine Königsbrunner Autistin sich in der Malerei ausdrückt

Die junge Königsbrunner Filmemacherin und Autorin Veronika Raila ist Autistin und hat nun die Malerei für sich entdeckt.
Foto: Petra Manz (Archiv)

Plus Die Autistin Veronika Raila aus Königsbrunn hat kürzlich mit einem eigenen Film beeindruckt. Jetzt hat die 28-Jährige auch die Malerei für sich entdeckt.

"Kunst ist Begegnung – Begegnung ist Kunst", dieser Gedanke stimmt für Veronika Raila. Mehr noch, er bildet eine Überleitung zu ihren Bildern. Sie schöpft ihre Abstraktionen aus ihrem Geist, wie sie in einem erklärenden Text an unsere Zeitung per E-Mail schreibt: "Wenn ich bestimmte Begriffe denke, so zeigt mir mein inneres Auge oft ein Bild, ein farbiges Bild". Sie betrachte es dann als ihre Aufgabe, ihr inneres Bild möglichst getreu nach außen auf Papier zu bringen und erklärt: "Nun ist mein Innerstes in die Welt gebracht und wartet sehnlichst auf das Auge eines Betrachters, einen Menschen, der sich angesprochen fühlt. Das Bild spricht von und über mich zu dem Betrachter".

Über die Bilder erfahren die anderen etwas über die Königsbrunnerin

Das ist sehr wichtig für Veronika, die von allen, die sie kennen, liebevoll Vroni genannt wird. Über die Bilder erfahren andere etwas über sie, so kann sie anderen Menschen begegnen, und mit der Begegnung beginne auch für sie die Kunst.

"Wut" heiß dieses Bild von Veronika Raila.
Foto: Veronika Raila

Die 28-Jährige ist Autistin und die Begegnung mit anderen Menschen fällt ihr schwer, wie sie sagt und den Umweg über Bilder erklärt: "Je klarer ich mein Innerstes abbilde, je wahrhaftiger meine Einlassung, desto klarer erscheine ich den Menschen". Und genau das möchte sie, denn wie sie weiterschreibt: "Ich möchte verstanden und dadurch erkannt werden".

Das Malen als Verständigung hat schon in ihrer Kindheit funktioniert

Das Malen als Verständigung hat auch schon in ihrer Kindheit funktioniert. Ihre ersten Schritte, sich den Eltern und der Oma verständlich zu machen, unternahm Vroni mit Farben und Papier. Für die Angehörigen ein wichtiger Moment, denn sie erkannten, dass ihr Kind durchaus in der Lage ist, zu verstehen, was gesagt wird und vielleicht noch wichtiger, das Gesagte umzusetzen und sich selbst mitzuteilen. Ein von ihr gezeichnetes Bild, das einen Stoffhasen mit Möhre zeigt, hat sie auch heute noch.

"Unsicherheit" will die Künstlerin mit Behinderung in diesem Bild ausdrücken.
Foto: Veronika Raila

Veronika hat im preisgekrönten Film "Sandmädchen" sehr anschaulich erklärt, wie genau sie sich fühlt. Ihre Konturen lösen sich auf, weil Impulse im Gehirn nicht richtig weitergeleitet werden. Um am Tablet zu schreiben, braucht sie daher immer eine helfende Hand. Diese stützt sie, damit Vroni ihre Hand fühlt, führt diese aber nicht.

Genauso malt sie jetzt auch ihre Bilder. Mit Pinsel (den ihre Mama hält), Aquarellfarben und dem dazugehörigen Papier, bringt sie einzelne Begriffe zum Ausdruck. Sie stellt sich beispielsweise "Wut" oder "Liebe" im Kopf vor und bringt ihr inneres Bild nach außen.

Manche Bilder können zu ihr sprechen

Gleichzeitig möchte sie auch Gedanken der anderen Menschen aufnehmen, auch am liebsten durch Wort und Bild. Deshalb fühlt sie sich in Bibliotheken und Museen am wohlsten. Manche Bilder könnten zu ihr sprechen, nicht alle haben ihr etwas zu sagen. Manche Gemälde reden sehr viel, andere singen vielleicht nur leise ein paar Noten.

Für Veronika Raila ist Kunst auch die Begegnung über die Zeiten hinweg, wie sie ausführt: "Ich kann zuhören und verstehen. So kann ich Menschen begegnen, deren irdisches Dasein schon länger abgeschlossen ist."

Ein Künstler schöpft aus seinem Inneren

Die junge Frau hat sich viele Gedanken zum Thema Kunst gemacht und baut ihre Überlegungen von ihrer eigenen Person ausgehend auf. Sie zieht ihren eigenen Erlebnis- und Erfahrungsschatz heran, versucht, darauf aufzubauen und ihre Gedanken zu verallgemeinern, wie sie erklärt: "Ich weiß, dass mir das niemals zur Gänze gelingen kann". Ein Künstler schöpfe aus seinem Innersten, er schöpfe aus seiner Wahrnehmung und diese vereine sich mit seinen Gefühlen. Aus der Tiefe dieser Wahrhaftigkeit entstehe ein Abbild, dass der Künstler unter anderem mit Farben nach außen gibt". "Er entleert sich, die Abstraktion ist nun im Raum", so die Künstlerin.

"Liebe" ist in diesem Bild zu sehen.
Foto: Veronika Raila

Bei ihr dauert dieses Entleeren ganz unterschiedlich lang. Manchmal habe sie die Bilder länger im Kopf, ein anderes Mal nur ein paar Stunden. Aber jedes Bild entstehe in einem Arbeitsgang und dieser selbst dauere nicht allzu lange.

Dass die 28-Jährige jetzt wieder viel malt, hängt auch mit der Corona-Pandemie zusammen. Sie habe momentan viel mehr Muße und Ruhe. Einen Vorteil des Lockdowns sehe sie darin, dass alles, was mit der Uni Augsburg zusammenhängt, online angeboten wird. Damit ihr fragiles Immunsystem geschützt bleibt, erhält sie derzeit keine Besuche, was Vroni sehr bedauert: "Was ich wirklich vermisse, sind die Besuche meiner Freundinnen". Und auch die Besuche in Museen und Bibliotheken fehlen ihr und sie sagt: "Aber sonst ist alles gut."

Veronika hat ein reiches Innenleben, wie ihr alle, die sie kennen, bestätigen, so auch ihr Professor Klaus Wolf. Das nach außen zu bringen, ist ein Ziel der jungen Frau.

Das andere Ziel ist, an der Kunst zu wachsen, die eigene Persönlichkeit besser zu erkennen und sich weiterzuentwickeln. Auch im Sinne der Kunst, wie sie sagt: "Nun, hier sind wir beim höchsten Wert der Kunst, es ist die Entwicklung zu einem ,Selbst'."

Wer von Veronika Raila einen Essay über ihr Farbsehen lesen möchte, kann den Podcast hier starten.

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