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Wehringen/Bobingen

30.06.2020

Wo die Nazis im Wald Sprengstoff herstellen ließen

Erst Sprengstofflager, dann Tanzcafé – heute erinnert nur noch eine Ruine des Bunkercafés an die Vergangenheit, die sich am Fuß des Leitenberges abspielte.
Bild: Ingeborg Anderson

Plus Mauerreste zeugen heute davon, wie im Zweiten Weltkrieg explosive Stoffe entstanden. Besucher können die Geschichte der Bunker im Wald zwischen Wehringen und Bobingen erkunden.

Eingewuchert von Pflanzen ragen die alten Mauern zwischen den Bäumen hervor. Wer im Wald am Fuß des Leitenberges bei Wehringen unterwegs ist, trifft auf so manch rätselhaftes Bauwerk. Über zwei Kilometer finden sich dort Überreste zweier ehemaliger Bunker und einer Werkhalle.

Was es mit dem alten Gemäuer auf sich hat, darüber informiert nun eine Tafel. Sie wurde im Rahmen des Projekts „Elemente der historischen Kulturlandschaft“ der Universität Augsburg aufgestellt. So können Besucher die Spuren der Vergangenheit entdecken.

Sprengstoff Hexogen wurde für die Wehrmacht hergestellt

Die Bauwerke im Wehringer Wald sind Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Chemie- und Rüstungsunternehmen Dynamit AG, das zum Werk Fasan gehörte, ließ dort einen Großteil des Sprengstoffs Hexogen für die Wehrmacht herstellen. Die einzelnen Werkshallen wurden als Bunker im Wald errichtet. Unter den Baumwipfeln blieben sie feindlichen Flugzeugen verborgen. Der Sicherheitsabstand sollte Kettenreaktionen im Falle einer Explosion verhindern.

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Eigene Eisenbahnlinie in den Wald zu den Bunkern

Eine eigene Eisenbahnlinie führte direkt zu der Halle im Wehringer Wald und verband das Werk mit dem Bahnhof. Davon zeugt noch heute die stillgelegte Eisenbahnbrücke über die Wertach südlich der Brücke Max-Fischer-Straße. Teile der Anlage wurden bei einem Fliegerangriff im März 1944 zerstört.

Die Sprengstoffproduktion im Werk Fasan wurde mit Kriegsende eingestellt. Im Herbst 1945 wurde im zivilen Teil des Werks die ursprüngliche Produktion in der Kunstseide-Spulen-Spinnerei wieder aufgenommen. Die Gebäude im Wehringer Wald wurden aufgelassen. Für den Bunker im Auwald gab es ein fröhliches Nachspiel: In den 1950er-Jahren diente er als Tanz-Café mit Bewirtung im Innenraum und einer Tanzfläche auf dem Flachdach.

Später wurde der Bunker im Auwald zum Tanz-Café

Kreisheimatpflegerin Gisela Mahnkopf begründet die Entscheidung, die Info-Tafel der Sprengstoff-Fabrik Fasan zu widmen, so: „Anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges wollten wir auch dieses neuere Kapitel der Geschichte im Rahmen der Kulturspuren berücksichtigen.“

Die Tafel ist die letzte von 15, die im Augsburger Land verteilt auf Kulturspuren vergangener Zeiten hinweisen. Gemeinsam mit dem Lehrstuhl Humangeografie der Universität Augsburg startete die Heimatpflege des Landkreises unter Federführung von Kreisheimatpflegerin Mahnkopf vor mehr als zwei Jahren das Projekt. Kulturspuren aus 7000 Jahren Geschichte wurden erfasst und in einem Katalog dokumentiert. An den darin aufgeführten 47 Orten im Landkreis wurden über 600 Elemente gefunden, die davon zeugen, wie die Menschen die Natur seit 7000 Jahre verändert haben.

Projekte sollen für Landschaft und Natur sensibilisieren

Professor Markus Hilpert vom Augsburger Lehrstuhl für Humangeografie wies bei der Übergabe darauf hin, dass es eigentlich keine natürliche Natur mehr gibt: „Was wir heute als Landschaft sehen, sind die vielfältigen Spuren menschlicher Eingriffe in die Natur. Aber man kann sie nur erkennen, wenn man weiß, was man da sieht. Dafür sollen Projekte wie dieses sensibilisieren.“ Das gilt vor allem für kaum bewusst wahrgenommene Landschaftsformen wie etwa Hohlwege, frühere gewerbliche Gruben, Wölbäcker oder Grabhügel. An der Entdeckung solcher historischen Spuren waren nicht nur Wissenschaftler beteiligt. „Viele Hinweise erhielten wir durch die Beteiligung ortskundiger Bürger, die ihr Wissen mit uns geteilt haben“, sagt Mahnkopf.

Begleitend zum Projekt ist ein Katalog erschienen, außerdem Flyer zu den 15 Tafeln sowie eine Karte mit der Beschreibung von Kulturspuren im Landkreis. Genauere Infos und einen Flyer gibt es hier.

Lesen Sie auch mehr über die Reste der Rüstungsindustrie, zum Beispiel das geheimnisvolle Waldwerk Kuno.
Auf dem Lerchenberg bei Welden mussten Zwangsarbeiter ebenfalls explosvie Stoffe herstellen.

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