Newsticker

Zahl der Corona-Todesfälle binnen 24 Stunden fast auf Rekordhoch
  1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Wunderbare Aussicht und beschauliches Leben

Bobingen-Burgwalden

10.11.2017

Wunderbare Aussicht und beschauliches Leben

Die Häuser schmiegen sich eng an den Hang, um den spärlichen Platz bis zum Wasser auszunutzen.
2 Bilder
Die Häuser schmiegen sich eng an den Hang, um den spärlichen Platz bis zum Wasser auszunutzen.
Bild: Elmar Knöchel

In Burgwalden gab es in den 50er-Jahren das erste Auto. Bewohner erzählen von ihrer „Milch-Heizung“, wer der örtliche Glöckner ist und warum nur wenige junge Menschen dort wohnen.

Am Ende einer steilen Abfahrt, eingerahmt von Fischweihern und Wald, liegt der Bobinger Ortsteil Burgwalden. Die rund 80 Einwohner leben direkt am Waldrand, mit Blick auf die Fischweiher und die gegenüberliegende Kirche. Wer sich selbst ein Bild von der Aussicht machen will, dem sei die Webcam von Lorenz Schreiber empfohlen. Damit genießt der Nutzer den Blick von der Terrasse des gebürtigen Burgwaldeners, über den Schlossweiher zur Kirche. Zur Schule gegangen ist Schreiber, wie fast alle im Dorf, in Reinhartshausen.

Im Sommer habe das mit dem Fahrrad etwa eine halbe Stunde gedauert, erinnert er sich. Im Winter wäre mit dem Fahrrad, quer durch den verschneiten Wald, nichts mehr zu machen gewesen. Deshalb hätten sich die Burgwaldener Schüler dann vom Milchabholer aus Reinhartshausen mitnehmen lassen. „Wenn es besonders kalt war, haben wir die Milchkannen auf dem Anhänger im Kreis aufgestellt und uns in die Mitte gesetzt. Die noch warme Milch hat wie eine Heizung funktioniert“, erzählt Schreiber.

Der Rückweg musste zu Fuß bewältigt werden. Allerdings habe der oft bis zum Einsetzen der Dunkelheit gedauert, weil es im winterlichen Wald so viel zu entdecken gab. Da sei es schon mal vorgekommen, dass die Eltern mit Taschenlampe am Gartenzaun gewartet und die „verdiente Abreibung“ das Abendessen ersetzt habe.

Wenig Freizeit, aber immer Geld in der Tasche

Ein Taschengeld zu verdienen sei für ihn nie schwer gewesen, sagt Schreiber. So war er der erste Caddy des im Jahr 1959 gegründeten Golfclubs. Und er war Kegelaufsteller in der Kegelbahn.

So hat er zwar wenig Freizeit, aber immer Geld in der Tasche gehabt, sagt er und schmunzelt. Heute wohnt Schreiber in einem Haus direkt am Ufer des Schlossweihers. Der heißt so, weil im 16. Jahrhundert darin ein Wasserschloss gestanden hat, berichtet Schreiber. Er kann vieles erzählen über die Burgwaldener Geschichte. Betreibt doch der umtriebige Pensionär zusammen mit Gottfried Dörner das Museum im ehemaligen Backhäusle. Das hat ihnen Graf Alexander Fugger, dem auch die Kirche gehört, zur Nutzung überlassen. Dort gibt es Wissenswertes rund um die Burgwaldener Geschichte zu erleben.

Eine umtriebige Familie

Interessante Geschichten kann auch Karl Schuster Senior erzählen. Er hat Vieles, was sich im vergangenen Jahrhundert zugetragen hat, selbst erlebt – ist er doch im Jahr 1926 geboren. Er lebte immer in Burgwalden, zusammen mit seiner 1933 geborenen Frau Therese aus Straßberg. 1943 wurde er mit 17 Jahren zur Marine nach Wilhelmshaven eingezogen. „Als Burgwaldener kannte ich mich ja mit Wasser aus“, sagt er und lacht. Ein Schiff habe er allerdings nie zu sehen bekommen. Dafür ging es 1944 zum Kampfeinsatz mit der Infanterie. In der Ardennenschlacht habe er sich einige Zehen erfroren. Er ist froh, dass er am Ende wieder einigermaßen wohlbehalten in die Heimat zurückkehrte.

Nach dem Krieg arbeitete Schuster in der Schneiderwerkstatt seines Vaters. Daher auch der Hausname „beim Schneider“. Richtig gefallen habe ihm das aber nicht; deshalb ging er nach Bobingen in die Fabrik. Das gute Gehalt reichte aus, um in den 50er-Jahren das erste Auto in Burgwalden zu fahren. „Das hat dann der Vater gleich ausgenutzt und ich musste am Wochenende für die Schneiderei ausliefern.“

Überhaupt war die Familie Schuster recht umtriebig. So betrieb sie bis 1963 den Burgwaldener Dorfladen und bis 1993 die Poststelle. „Das war manchmal schon etwas anstrengend,“ sagt Karl Schuster, „habe ich doch auch im Winter die Post mit dem alten Sachs-Motorrad in Straßberg abholen müssen und dann noch bis zum Engelshof hinauf fahren müssen, um die Briefe dort abzugeben“. Nebenbei hat er im Dorf noch Strom abgelesen und Zeitung ausgetragen.

Die Festorganisation ist eine große Herausforderung

Auch sein Sohn, Karl Schuster Junior, ist für die Dorfgemeinschaft unterwegs. Er ist der „Glöckner von Burgwalden“. Denn die alte Kirchturmuhr muss noch täglich von Hand aufgezogen werden. „Sonst bleibt sie nach 26 Stunden unweigerlich stehen“, erklärt er.

Auch heute noch findet das Dorffest auf dem Anwesen der Schusters statt. Organisiert wird es von der Vorsitzenden der Dorfgemeinschaft Burgwalden, Gaby Böhm. Sie sagt, dass es jedes Jahr eine große Herausforderung sei, das Fest zu organisieren. Im vergangenen Jahr kamen zum 30. Bestehen des Festes 500 Besucher. Sie erzählt, dass in Burgwalden immerhin noch einmal in der Woche ein Gottesdienst in den Abendstunden abgehalten werde. Der sei auch immer gut besucht. Lorenz Schreiber findet das nicht verwunderlich, da sich danach fast alle Besucher in der gegenüberliegenden Pizzeria treffen würden. „Denn man geht zum Gottesdienst am liebsten dahin, wo die Gebetsbücher Henkel haben“, scherzt er. Es würde dann noch oft bis spät in die Nacht der Gottesdienst „nachbereitet“. Einen weiten Heimweg habe schließlich keiner. Vor allem die Christmette hat es Gaby Böhm angetan. „Die ist seit Jahren sehr feierlich, der Meringer Merian-Chor singt immer. Wenn dann noch Schnee liegt, ist das einfach Heimat pur.“

An schönen Tagen gibt es mehr Besucher als Einheimische

Natürlich seien an schönen Tagen im Sommer mehr Besucher als Einheimische im Dorf. Aber daran haben sie sich gewöhnt, das störe niemanden mehr. Nur als Kinder haben sie sich manchmal geärgert. „Da sind im Winter immer die aus der Stadt gekommen und haben unseren Schlittenberg und unsere mühsam gebauten Schanzen kaputt gemacht.“ Sonst gäbe es wenig Negatives über die Besucherscharen zu sagen. Und manchmal, wenn man Glück hat, könne man auch Golfer Bernhard Langer mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Golfplatz vorbeifahren sehen.

Allerdings gibt es auch Negatives in Burgwalden. Da es keine Baugrundstücke gibt und erst mit der 2008 erfolgten Kanalisierung der Baustopp aufgehoben worden ist, sind die meisten der jüngeren Leute weggezogen. So liegt der Altersschnitt in Burgwalden sehr hoch. Das ist schade, sagt Gaby Böhm. „Denn es ist ein wirklich schönes Fleckchen hier. Hoffentlich bleibt das noch lange so.“

Die Webcam von Lorenz Schreiber ist zu finden unter

www.burgwalden.de

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren