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Untermeitingen

22.04.2015

Zurück in die Vergangenheit

Unwirklich, skurril, ja fast gruselig sehen die Skelette auf dem Gräberfeld in Untermeitingen aus.
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Unwirklich, skurril, ja fast gruselig sehen die Skelette auf dem Gräberfeld in Untermeitingen aus.

Fast ungläubig blickt man im neuen Untermeitinger Baugebiet in Gruben mit menschlichen Skeletten. Seit Monaten wird dort gegraben – im Auftrag der Wissenschaft

Ein wahres Eldorado für Archäologen bietet das Lechfeld. Diesmal auf dem neuen Baugebiet „An der Leite“ in Untermeitingen. Die Ausgrabungen enden diese Woche. Zeit für eine Bilanz mit Ausgrabungsleiter Lennart Linde, Ingenieur Christian Dobrindt und Bürgermeister Simon Schropp vor Ort: Bislang wurden mehr als 70 Gräber entdeckt, etwa 700 Hauspfosten, zwölf Schwerter, fünf Perlenketten und vieles mehr. Die Gräber stammen etwa aus dem Jahr um 550 nach Christus (wir berichteten). Spektakulär zu sehen.

Ein skurriler Anblick mitten auf dem Lechfeld: Im neuen Baugebiet "An der Leite" gruben Archäologen mehr als 60 Skelette aus.
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Forscher entdecken 70 Gräber auf dem Lechfeld
Bild: Carmen Janzen

Fast ungläubig blickt man in die Gruben hinab, in denen menschliche Knochen und Schädel liegen, daneben ein Schwert oder bei Frauen auch Gewandspangen. Und als ob es nicht schon skurril genug ist, auf die Skelette zu schauen, fragt ein Spaziergänger mit Hund beim Abschlusstreffen ernsthaft, ob er einen Schädel mit nach Hause nehmen könne. Natürlich nicht.

Weniger aufregend zum Anschauen sind für den Laien wohl die Pfostengruben. Dunkelbraune Flecken in hellbrauner Erde. „Das sind Reste von Häusern, die sich am Boden abzeichnen und Reste eines Brunnens haben wir auch entdeckt“, sagt der Ausgrabungsleiter.

Linde schätzt das Alter dieser Funde auf das Jahr um 2000 vor Christus. Es handelt sich also um eine Siedlung aus der Bronzezeit. „Das ist die älteste bislang bekannte Ansiedlung in Untermeitingen“, sagt er. Diese Siedlung hat aber nichts mit dem Gräberfeld daneben zu tun. Das strammt aus einer ganz anderen Zeit. Die Skelette sind viel jünger. Sie stammen aus dem frühen Mittelalter.

Linde und sein Team hatten im Oktober vergangenen Jahres mit den Ausgrabungen im neuen Baugebiet begonnen, nachdem ein Baggerfahrer auf menschliche Knochen gestoßen war. Schnell war klar, dass die Ausgrabungen dort eine größere Hausnummer darstellen. „Ich mache den Job jetzt seit zehn Jahren, aber so etwas hatte ich noch nie. Ein unberaubtes Gräberfeld, das findet man nicht alle Tage“, sagt Linde, der auch nach Monaten vor Ort noch schwer begeistert von Arbeit auf dem Lechfeld ist. Stolz zeigt er einige Grabbeigaben her. Anhand derer kann man sogar erkennen, woher die Menschen einst stammten. Ein Teil kommt wohl aus dem Rhein-Main-Gebiet. Andere Funde weisen dagegen in den böhmisch-mährischen Raum. „Untermeitingen war eben schon immer ein beliebter Zuzugsort“, witzelt Bürgermeister Schropp, dem das Lachen schnell vergeht, als er nach den Kosten für die Ausgrabungen gefragt wird. Mehr als 200000 Euro investiert die Gemeinde. Aber das muss sein. Zum einen gibt es Gesetze, die klar regeln, was mit solchen Funden zu tun ist, zum anderen wollte die Gemeinde nicht den einzelnen Bauherren die Last aufbürden, selbst für die Ausgrabungen Spezialisten zu beauftragen. Das würde Käufer nur abschrecken.

Sowohl Ausgrabungsleiter, Bauingenieur als auch der Bürgermeister sind voll des Lobes für den jeweils anderen. Die Zusammenarbeit läuft. Die Ausgrabungsfirma arbeitet schnell, damit die Arbeiten für das Baugebiet ohne Verzögerung ab Donnerstag weitergehen können. Hausanschlüsse, Kanal- und Wasserleitungen liegen bereits. Nun beginnen die Straßenbauarbeiten und voraussichtlich ab Mitte Juni oder Anfang Juli können die Grundstückseigentümer durchstarten und ihre Häuser bauen. Ingenieur Christian Dobrindt ist häufig vor Ort und koordiniert alles, damit während der Ausgrabungen bereits parallel einige Bauarbeiten stattfinden können. Mittlerweile ist auch er ein wahrer Hobbyarchäologe: Als die Pressevertreterin unwissend fragt, was denn die eben von Linde erwähnte ganz besondere Almandin-Fibel aus Gold sei, die in einem Frauengrab gefunden wurde, antwortet Dobrindt prompt „eine Gewandspange, so eine Art Brosche oder Klammer“.

Überhaupt, die Grabbeilagen sind hochinteressant. Männer bekamen oft Schwerter mit ins Grab oder Ledertaschen, von denen nur noch die Schnallen übrig sind. Darin befanden sich Hygieneartikel, wie Pinzetten, Knochenkämme, oder Ohrlöffel, so eine Art Wattestäbchen des Mittelalters aus Metall. Anhand der Beilagen kann Linde auch ziemlich genau sagen, wie alt die Gräber sind. Das Früheste stammt etwa von 520 nach Christus, das Späteste von 620. Woran er das erkennt? Diese Frage beantwortet er sehr anschaulich: „Das ist ein bisschen wie bei Ikea, da wechseln die Kollektionen auch regelmäßig.“ Er zückt ein Blatt, auf dem zu sehen ist, wie sich die Schnallen, Kleidungsverschlüsse, Vorratsgefäße und Schwerter im Laufe der Zeit verändert haben. Faszinierend. Das fanden auch die Bürger. Regelmäßig bekamen Linde und sein Team in den vergangenen Wochen Besuch von interessierten Spaziergängern. „Die Leute waren überrascht, wie gut erhalten die Skelette und vor allem die Zähne sind“, sagt Linde und liefert auch gleich die Erklärung. Damals habe es wenig Zucker gegeben: kein Zuckerrohr, kaum Zuckerrüben, kein Karies. Auch die Nachbarn haben das Archäologie-Team gut unterstützt: mit Kuchen und einem Kasten Bier. Eine ältere Dame von nebenan hielt sogar gelegentlich Nachtwache, damit nichts aus den Gräbern gestohlen wird.

Morgen sind die Ausgrabungen beendet. Die Gräber werden geräumt und die Gruben verfüllt. Das Alte weicht dem Neuen: 50 Häuser entstehen auf dem Gebiet an der Lechleite.

Ein Infoabend über die Funde in Untermeitingen für interessierte Bürger findet voraussichtlich im Juli statt.

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