Sport-Reportage

07.12.2016

Auf der „schiefen“ Aschenbahn

Läufer auf der Aschenbahn in Wertingen – Spitzenathleten würden sich hier nicht einmal warmlaufen.
Bild: G. Stauch

Leichtathleten haben in Landkreis keinen guten Stand. Die LG Zusam muss sich im Bus bewegen, die LG Donau-Brenz liegt darnieder. Und warum das Beispiel Wertingen selbst für den Schulsport nicht als Vorbild taugt

„Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“ – auf diese ebenso simple wie kluge Formel kamen weder Sokrates noch Aristoteles, sondern der tschechische Leichtathletik-Olympiasieger Emil Zátopek. Er wollte damit die Selbstverständlichkeit menschlichen sportlichen Handelns herausstellen. Über die Langstreckendistanzen zwischen 3000, 5000 und 10 000 Meter sowie Marathon rannte der kluge Sportler zu seiner Zeit alle Kollegen in Grund und Boden. Das war in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. An solche Zeiten fühlt sich erinnert, wer auf der rutschigen Laufbahn am Wertinger Judenberg seine Runden drehen möchte: Schwerer, roter Sand, vermischt mit kleinem Kiesel, Grasbüschel an den Randsteinen der Bahnbegrenzung, ein Löchermuster wie Schweizer Käse, dazwischen eindeutige Pfotenabdrücke von Wild. Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, müssen Zusamtaler Leistungssportler seit Jahrzehnten ihre Grundlagen für die Duelle mit der deutschen Elite schaffen.

Der 2000 in Prag verstorbene Zátopek hätte an solchen Zuständen vielleicht seine Freude gehabt. Als „Lokomotive“ bekannt, war er für seinen schwerfälligen, stampfenden Laufstil bekannt und war durch fast nichts aufzuhalten. Nur: Heute würde ein Profi die Wertinger Stadionstrecke nicht einmal zum Warmlaufen akzeptieren. Moderne Kunststoffbahnsysteme für Training wie Wettkampf sind inzwischen Standard. Dabei werden auf vorbereitete Asphaltflächen Gummigranulate geschüttet und verdichtet, dann mit einer meist roten Elastikschicht versiegelt.

Aschenbahnen der Marke Judenberg bestehen dagegen aus einem Schotter- oder Schlackenbett mit einer festgewalzten Deckschicht aus einem Asche-, Buntsandstein- oder Sand-Gemisch. Bleibt es bei feuchter Witterung oder gar Regen noch bei einer ekligen roten Masse mit verschmutzten Schuhen und Füßen, ist wegen der zahlreichen Krater in Laufrichtung Schluss mit lustig: Denn neben den erwachsenen Läufern tummeln sich dort auch Schüler, etwa für den Sportunterricht oder bei Bundesjugendspielen. Dann können sich die kleinen Füße in den Lücken schon mal verhaken. „Dieser Zustand ist nicht mehr verantwortbar“, urteilt Annemarie Schmidt.

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Die athletisch wirkende Joggerin im Alter von Anfang 60 weiß, wovon sie spricht. Sie ist Sportlehrerin und Ausbilderin an der Anton-Rauch-Realschule und musste sich schon selbst als Schülerin auf dem ascheroten Untergrund abquälen. Sie will Stadt und Landkreis demnächst bitten, doch wenigstens ihren Nachfolgerinnen diesen „bodenlosen Zustand“ zu ersparen. Pläne für den Neubau einer Sportanlage nebst Tribüne und Laufbahn gab es laut ehemaligen Museumsreferent Alfred Sigg vor rund 30 Jahren, verschwanden jedoch anderen Quellen zufolge aus finanziellen Gründen wieder in den Schubladen.

Dafür lohnt sich heute ein Blick auf das oberhalb des veralteten Stadions gelegene Reich für König Fußball: Seit rund einem Jahr können sich die Kicker auf einer 6000 Quadratmeter großen Fläche mit einem neuen Kunstrasenbelag austoben. Kostenpunkt: Eine dreiviertel Million Euro. Am Eingang des TSV Wertingen-Platzes weist ein Plan auf den Spielbetrieb der F-Jugend hin. Von solchen Bedingungen können Leichtathletik und Schulsport nur träumen. Beide weichen seit Jahren immer wieder in die Nachbarstädte mit hochwertigen Stadien aus, etwa Rain am Lech oder Donauwörth. Ganze Busse mit Schülern steuern das Dillinger Donaustadion an, da die Wertinger „Acker“-Bahn nicht einmal für Sport-Abi ausreicht. Und für Spitzensport sowieso nicht.

Der vor knapp 40 Jahren gebildete Zusammenschluss der beiden Leichtathletikabteilungen von TSV Lauterbach und TSV Wertingen – die LG Zusam – hat es trotz widriger Startverhältnisse zu Hause in die deutsche Lauf-Elite geschafft. Die Namen der Schwaben finden auf den Rundkursen zwischen Kiel und Garmisch-Partenkirchen seit langem Beachtung. Auch Spitzenläufer Tobias Gröbl (33), seines Zeichens deutscher Cross-Meister, ist wie eine Art Phönix aus der Asche des Judenberg aufgestiegen. Werner Friedel (55), Erfolgscoach und die „gute Seele“ der Lauftruppe, verkneift sich eine zu harte Kritik, erklärt aber: „Man kann auf dieser Bahn joggen, mehr aber nicht. Keineswegs wettkampforientiert trainieren – für das Kräftemessen mit den Schnellsten der Branche brauchen wir die gleichen Ausgangsbedingungen.“

Für eine Stunde qualitativ gutes Training muss der umtriebige Mann und Sportlehrer mehr als drei Stunden aufwenden, um Aktive der rund 130 Mann und Frau starken Gruppe aus Zusam-, Laugna - oder Schmuttertal-Gemeinden zu einer geeigneten Sportstätte zu befördern. Deshalb fühlt sich der eine oder andere LG-Sportler aufgrund seiner Topleistungen von Kommune wie Landkreis stiefmütterlich behandelt.

Das kann Abteilungsleiter Bernhard Leo (62) aus Gundelfingen gut nachvollziehen, ging der ehemalige Topläufer doch in Wertingen zur Schule kennt die dortigen Verhältnisse. Gerade arbeitet er sich an einer Wiederbelebung der siechen LG Donau-Brenz ab und wirbt dabei „vor allem um junge Leute, bevor diese zum Fußball abwandern.“ Ein Problem, das auch vielen anderen Vereinen im Landkreis Dillingen zu schaffen macht. Manche warnen vor der „Krake Fußball“, die alle sportlichen Talente am liebsten für sich allein behalten würde. Leo, der frühere Experte über die Distanzen zwischen 1500 und 5000 Meter, will schon 2017 die LA-Kräfte von FC Gundelfingen, TV Lauingen und TV Dillingen bündeln. Mit dem Ziel, wieder bei wichtigen Rennen mitzumischen. Auf zeitgemäßen Kunststoffbahnen, versteht sich.

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