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Premiere

02.01.2019

Die Freude an der Qual

Sportlicher Sportredakteur: Reinhold Radloff bewältigte Strecke und Hindernisse beim 6. Schwabmünchner Silvesterlauf.
Bild: Hieronymus Schneider

Unser ehemaliger Sportredakteur Reinhold Radloff hat zum ersten Mal am Silvesterlauf teilgenommen. So hat er ihn erlebt

Das habe ich auch noch nie gemacht: mich derart an Silvester gequält. Aber ich wollte es einfach mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, nach zwölf Kilometern strapaziöser Rennerei und Überklettern von zwölf Hindernissen ins Ziel im Luitpoldpark in Schwabmünchen zu kommen. Und die Erlebnisse auf dem Weg dorthin waren nicht zu verachten, teilweise sogar schmerzhaft.

Bedeckter Himmel, Nieselregen, Temperaturen gegen null Grad, ein Sch…wetter. Na ja, auch schon egal, hilft ja nichts, ich muss jetzt rennen. Nach der professionellen Aufwärmgymnastik geht’s an den Start. Nur, in welche Richtung? Das war die große Frage. Konfusion, Gedränge, Orientierungslosigkeit bei den Massen. Und plötzlich war alles klar: letzte Worte vor dem Start aus Süden. Plötzlich stand ich, als einer der ältesten Teilnehmer, an vorderster Front. Heißt: Ich werde gleich mal reihenweise überholt, ein ungutes Gefühl, nicht gerade motivationsfördernd. Einfach weiter im Getümmel, raus aus dem Luitpoldpark, rauf auf den Damm am Feldgrieß Richtung Westen.

Plötzlich fühlt sich alles besser an. Ob das daran liegt, dass ich vor mir Klaus Köbler, den Langerringer Fußballtrainer, entdeckte? Wir fachsimpeln kurz, dann rennt er wieder mit seinem leicht lädierten Knie hinter seiner schnellen Frau her. Ich hänge mich dran, lasse mich quasi ziehen. Klappt prima, auch noch an der Wertach, wo uns ein Erlebnis ereilt, das wir lange haben werden: Gegenverkehr. Die Spitzengruppe hat den Wendepunkt am Wasserwachthaus schon lange hinter sich. Wir wollen da erst noch hin. Ranhalten und immer wieder Bekannte grüßen, die uns jetzt entgegenlaufen. Motivationsrufe an sie mit gutem Gefühl: Ich bin schneller. Das tut gut.

Fischtreppen, Betonbrücke, links weg auf die Straße westlich der Wertach. Oje, ich seh sie schon, die bedrohlichen Hindernisse. Getümmel davor. Jeder will schnell über die Baustämme, über die Kisten, über die Palettenberge. „Vorsicht, nass“, ruft einer, der im Schlamm sich aufrappelt. Zu spät für ihn, und ich weiß es ohnehin. Denke ich. Doch das Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr so richtig: rauf auf die meterhohe Ulrichswerkstätten-Palettenwand, drübergewuchtet, Tritt gefasst, ein fremder Hey-Schrei, mein langgezogener Aaahhh-Laut, patsch, ich zapple im Dreck mit schmerzverzerrtem Gesicht. Nur nichts anmerken lassen. Ich humple los: mein linker Oberschenkel, Mist! Renn richtig, schimpft mich meine innere Stimme. Ich tu, was ich kann. Wo ist Klaus? Ich will meinen Motivator wieder einholen, unbedingt, beiße auf die Zähne. Ganz langsam komme ich ihm näher. Wieder glitschige Baumstämme, wieder quatschender Untergrund, dass es einem beinahe die Schuhe auszieht und der einen in der Kurve schleudern lässt.

Dann, o Gott, das Schlammloch. Manche quälen sich hüfthoch durch, andere trampeln im Matsch irgendwie dran vorbei. Ich entscheide mich für die zweite Variante, geht aber auch nicht schneller. Raus aus dem Waldgewusel, rauf auf die Wertachau-Brücke, Gott sei Dank Richtung Heimat.

Die November-Streckenmarkierung taucht auf, will uns sagen: noch zwei Kilometer bis ins Ziel. Heißt für mich: letzte Reserven mobilisieren, hinter Klaus und seiner Frau herhecheln. Motivation durch Zuschauer? Quasi Fehlanzeige. Mein Oberschenkel schmerzt, die Hüfte zwickt, die Wade grummelt. Egal. Weiter. Rein in den Luitpoldpark. Das Runners-High ereilt mich. Die Köblers sind nur zwei Meter vor mir, ich hinterher. Mit ihnen durchs Ziel, das wär’s. Der Sprecher dröhnt, die Zuschauer applaudieren. Schneller, keuchend auf gleicher Höhe rein. Geschafft. Geplättet. Durchgeschwitzt. Glücklich japsend. Ein paar Hände schütteln, kurzer Small Talk, schnell heim, duschen. Nächstes Jahr wieder? Mal sehen. (rr-)

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