Diese Katastrophe hat die Welt verändert: Am 26. April 1986 explodierte im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor. Nach und nach verteilten sich radioaktive Wolken über weite Teile Europas, später über die gesamte nördliche Halbkugel. Die Folgen des schwersten Unfalls in der zivilen Nutzung der Atomenergie sind noch heute messbar: In den schwäbischen Wäldern lässt sich die Strahlenbelastung in Nahrungsmitteln nachweisen. Geblieben sind auch die Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Autoren der Redaktion haben zusammengefasst, wie sie von der Katastrophe erfuhren und was danach passiert ist.
„An die Katastrophe in Tschernobyl kann ich mich noch sehr gut erinnern“, schreibt Elmar Knöchel aus Bobingen. „Ich arbeitete damals als Fernmeldesoldat in der Fernmeldezentrale Lechfeld-Mitte beim damaligen Jagdbombergeschwader 32. Zuerst erhielten wir beunruhigende Meldungen über unsere Nato-Fernschreib-Verbindungen. Da seitens der damaligen Sowjetunion eine Nachrichtensperre erlassen worden war, kamen diese Meldungen erst spärlich, wurden dann aber immer präziser.“ Erst einige Zeit später sei die Bestätigung über die offiziellen Nachrichten gekommen.
Nach der Reaktorkatastrophe steigt die Strahlung auch im Landkreis Augsburg
„Natürlich gab es auf der Dienststelle dann rege Diskussionen, was das für Europa bedeuten könnte. Besonders in Erinnerung ist mir ein schöner, heißer Tag, kurze Zeit nach dem Gau in Tschernobyl. Es war einer der Tage, an dem die radioaktive Wolke über Bayern hing. Ein Gewitter sorgte für ordentlich Regen. Unsere Dienststelle lag direkt gegenüber des Standort-Sportplatzes, wo kurz nach dem Gewitter der Platzwart den Rasen mähte. Wir kramten in unserer ABC-Ausrüstung nach einem Geigerzähler und hielten ihn an den Grasschnitt. Ich kann leider nicht mehr sagen, was für Werte wir gemessen haben, aber der Ausschlag lag weit über dem, was als normal anzusehen war.“ In den folgenden Tagen habe es dann viel Unsicherheit gegeben. Welches Gemüse kann man bedenkenlos essen, welche Milch ist frei von Strahlung, wird seitens der Regierung wirklich die Wahrheit gesagt, über mögliche Strahlenbelastungen? „Auch Jahre später ließ mich das Thema nicht los. Mein Vater, der ein eigenes Jagdrevier gepachtet hatte, war dann immer wieder damit beschäftigt, erlegte Wildschweine zu entsorgen, weil noch Jahrzehnte später die Strahlenbelastung der Tiere zu hoch war.“ Gerade bei Wildschweinen ist die Strahlungsbelastung sogar heute, 40 Jahre später, immer noch ein Thema.
Es klingt komisch, aber Tschernobyl verbindet Maximilian Czysz mit Essen. Denn an dem Tag, als er als Zehnjähriger zum ersten Mal von Tschernobyl hörte, war die Familie im altehrwürdigen Café Drexl in der Augsburger Maximilianstraße zum Mittagessen. „Mein Favorit waren Ragout fin mit Spätzle. Danach ging es nach Hause. Es war ein grauer, nasser Tag. Die Stimmung war irgendwie betrübt.“ Der Garten blieb am Nachmittag tabu und der Sandkasten – der kleine Ort für große Baustellen dank vieler Matchbox-Fahrzeuge – wurde abgedeckt.
Wie sollte ein Zehnjähriger wissen, was eine Atomkatastrophe ist?
Das elterliche Verbot war nicht wirklich zu verstehen. Denn wie sollte ein Zehnjähriger wissen, was eine Atomkatastrophe ist? Gebannt verfolgt wurden am Abend die Nachrichten am kleinen Schwarzweiß-Fernseher, auf dem eine kleine Zimmerantenne stand, die je nach Wetterlage bewegt werden musste, um ein scharfes Bild zu erhalten. „In den Tagen und Wochen nach dem Unglück gab es daheim keine Milch mehr“, erinnert sich Czysz. Das bedeutete: Keine Cornflakes und kein Glas kalte Milch zum Frühstück oder nach dem Bolzplatz-Kick heimlich aus der Glasflasche, die im Kühlschrank stand. „Aber das waren nur die kleinen Auswirkungen des Super-Gau.“ Das wahre Ausmaß zeigte sich erst Jahrzehnte später – in dieser Zeit haben sich auch die Medien verändert, die heute zum Beispiel mit Animationen besser begreifbar machen, was wirklich passiert ist.
Carmen Janzen war damals gerade fünf Jahre alt. „Ich durfte nicht mehr auf dem Spielplatz im Sand spielen und ich musste Jod-Tabletten schlucken“, erinnert sie sich. An viel mehr allerdings nicht. Doch die Mutter, Manuela Begg, erinnert sich noch genau: „Damals gab es kein Internet, wir haben vom Unglück erst Tage später im Fernsehen erfahren. Niemand sollte mehr auf Wiesen oder in Wälder gehen.“ Jeder habe plötzlich gewusst, was Cäsium und Becquerel sind, davon hatten die meisten davor noch nie gehört. Keiner wollte mehr frisches Obst oder Gemüse essen. „Das hatte zur Folge, dass im Supermarkt wochenlang alle Konserven, Dosen und Babymilchpulver ausverkauft waren. Die Kunden haben auf den Lieferlastwagen vor dem Supermarkt gewartet“, erzählt sie. Welch schwerwiegende Folgen das Reaktorunglück wirklich hatte, das erfuhren die Menschen erst viel später. „Das war uns nicht bewusst am Anfang. Die Details kamen erst mit der Zeit ans Tageslicht.“
Ruth Seyboth-Kurth erinnert sich: „Die Nachricht vom Supergau war für uns junge Leute damals krass. Wir hatten im Grunde immer auf so ein Ereignis gewartet. Ich stand kurz vor dem Abitur und war einfach nur froh, dass ich nicht mehr regelmäßig in die Schule gehen musste. Beim Lernen zu Hause konnte ich der fiesen Wolke entgehen. Mir tat mein jüngerer Bruder leid. Er war erst acht Jahre alt und durfte nicht mehr draußen spielen. Bis heute verfolgen mich die Lebensmittelempfehlungen von einst. Wenn ich nicht weiß, wo die Pfifferlinge im Laden herkommen, verzichte ich auf den Kauf. Im Restaurant bestelle ich seitdem kein Gericht, das diese Pilzart enthält.“
So wurde Tschernobyl in der Schule in Augsburg besprochen
Nicht im Landkreis Augsburg, sondern in einem östlichen Stadtteil der Stadt Augsburg aufgewachsen, ist Jana Tallevi. „Ich war 15 und in der neunten Klasse des Rudolf-Diesel-Gymnasiums. Ich erinnere mich genau, wie unsere Gruppe Mädchen an unserem Lieblingsplatz auf dem Pausenhof stand und über den Super-Gau gesprochen hat. Auch in praktisch jedem Unterrichtsfach war der Atom-Unfall ein Thema, vor allem aber im Fach Ethik. Die Lehrer und Lehrerinnen haben versucht, auf unsere Ängste einzugehen und ganz viel erklärt.“ Und so war das auch zu Hause. „Weil auch mein Vater Journalist war, liefen bei uns zum Abendessen immer die Abendnachrichten im Fernsehen, meistens sogar um 19 und dann um 20 Uhr. Ich hatte das Gefühl, mein Vater konnte immer alles erklären. Wirklich verängstigt war ich nicht. Im Sand spielen wollte ich ohnehin nicht mehr, dieser Ratschlag von damals ist mir am meisten im Gedächtnis geblieben.“
Das Reaktorunglück von Tschernobyl erlebte Regine Kahl im Alter von 16 Jahren: „Mit dem Super-Gau verbinde ich das erste Mal das Ende meiner heilen Welt, ein großer Schreck im Wolkenkuckucksheim während des behüteten und beschaulichen Aufwachsens in einer Kleinstadt wie Nördlingen. Tschernobyl hat mich und meinen Freundeskreis aber auch sehr politisiert. An der Schule haben wir daraufhin eine Umwelt-AG gegründet und so versucht, uns durch Engagement für die Natur wieder etwas von der Angst und den Sorgen zu nehmen. Meinen Eltern bin ich durchs Pochen auf Mülltrennung, Einkaufen beim Bio-Bauern und Wassersparen einige Zeit bestimmt gehörig auf den Wecker gegangen. Der viel später beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie ist für mich nach diesem einschneidenden Erlebnis in der unbedarften Jugendzeit eine Erleichterung gewesen.“
„Ich war damals 18 und auf Abifahrt in Rom“, erinnert sich Sabine Posselt. „Zuerst habe ich nur quasi im Vorbeigehen die Bilder und Schlagzeilen auf den italienischen Zeitungen gesehen und versucht, mit meinen schlechten Lateinkenntnissen italienische Texte zu verstehen. Wir hatten in dieser Woche so viel Programm mit Besichtigungen (und Dolce Vita), dass wir alle eigentlich wenig mitbekommen haben. In der Unterkunft (ein Kloster) gab es weder Fernsehen noch Telefon. Als ich wieder daheim war, hatte mein Vater aus seiner Arbeit (er war Lehrer an einer Polizeischule) einen Geigerzähler mitgebracht und mit meiner Mutter im Garten gestritten. Die weigerte sich, „den schönen Salat“ wegzuwerfen, stattdessen wollte sie ihn einfach gründlich waschen.“
In der Nacht vom Freitag, 25. April, bis zum Samstagmorgen hatte Hieronymus Schneider Nachtdienst bei der Polizei in Schwabmünchen. In den Morgenstunden kamen erste Nachrichten im Radio, dass in der Sowjetunion ein Reaktor explodiert ist. „Den Ortsnamen Tschernobyl hörte ich da zum ersten Mal.“ In der Nacht auf Sonntag hatte es stark geregnet, aber am Sonntag schien die Sonne. „Wir verbrachten den Tag im Wald bei Spielen mit den Kindern und ahnten nicht, dass der nächtliche Regen schon mit radioaktiven Strahlen aus Tschernobyl verseucht war. Das haben wir erst Tage später in den Nachrichten gehört.“
„Erinnern können wir uns noch daran, dass frisches Gemüse aus unserem Garten nicht verzehrt werden durfte. Zum Beispiel Schnittlauch durfte nicht geerntet werden“, erinnert sich Josef Thiergärtner. Verzichtet werden musste später auch auf die Pilze aus dem Wald.
Michaela Krämer war 25 Jahre alt und gerade frisch verliebt. „Katastrophen existierten in meinem Kopf einfach nicht. Ich fühlte mich überhaupt nicht bedroht, denn es war nur ein Unfall irgendwo in der Sowjetunion, weit, weit weg. Es wurde auch kaum was darüber berichtet. Einmal hieß es, eine Gefahr bestünde nur im Umkreis von etwa 50 Kilometern. Deshalb war es für mich nie eine ernsthafte Bedrohung. Wir hatten uns dann am Stammtisch einmal gefragt, wie sicher unsere Kernkraftwerke sind. Wir waren überzeugt davon, dass so etwas bei uns nie passieren wird. Das war auch schon alles. Irgendwann gab es eine Warnung vor Waldpilzen und Wildfleisch.“ Aber das habe ohnehin nicht auf unserem Speiseplan gestanden.
Aufruf: Wie haben Sie die Tage und Wochen nach der Katastrophe erlebt? Schreiben Sie der Redaktion, am besten E-Mail an redaktion.landbote@augsburger-allgemeine.de oder redaktion@schwabmuenchner-allgemeine.de. Wer will, kann seine Erinnerungen in Wort und Bild auch per Post teilen: Augsburger Landbote, Bahnhofstraße 8, 86368 Gersthofen oder Schwabmünchner Allgemeine, Kaufbeurer Straße 3, 86830 Schwabmünchen.
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