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Musikalischer Adventskalender

29.11.2019

Türchen 3: Schlittenglocken-Allergie

Genervt von "Jingle Bells"? Selber singen anstatt zu meckern.

Tsching-tsching-tsching! Wenn die Schlittenglocken wieder im Radio bimmeln, dann handelt es sich meistens um einen weihnachtlichen Werbespot oder um amerikanischen Christmas-Pop. „Tsching-tsching-tsching – hol Dir die Weihnachts-Specials von…“ oder „tsching-tsching-tsching, love me under the christmas tree…“ Leider erklingen sie ziemlich häufig, die Schlittenglocken, und sorgen eher für Überdruss als für wohlige Weihnachtsstimmung.

Die Mutter aller Schlittenglockenlieder: Jingle Bells

Die Mutter aller Schlittenglockenlieder, das ist „Jingle Bells“, zu Deutsch etwa „klingelt, ihr Glöckchen“. Für viele ist das Stück das akustische Signal – neudeutsch „Jingle“ – für die kommerzialisierte und amerikanisierte Weihnacht der Gegenwart. Mit den Schlittenglocken klingelt immer auch die Ladenkasse. Erschwerend kommt hinzu, dass „Jingle Bells“ überhaupt kein Weihnachtslied ist, sondern von einem Schlittenrennen im Winter handelt. Junge Burschen nutzen dabei die Gelegenheit, ihren Mädchen auf der rasanten Fahrt näher zu kommen. Tsching-tsching-tsching!

FILES-US-JOHN YOUNG-ASTRONAUT FILES This file photo taken on March 23, 1965 shows US astronaut John Young aboard Gemini III waiting for the launching of the first orbital maneuver by manned spacecraft on March 23, 1965. Astronaut John Young passes away at 87. / AFP PHOTO / NASA / -
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„Jingle Bells“ ist das erste Lied überhaupt, das im Weltraum gespielt wurde, nämlich im Jahr 1965 an Bord der US-Raumkapsel Gemini VI-A. Die Glöckchen und eine Mundharmonika hatten die Astronauten dafür extra an Bord geschmuggelt. Kaum jemand ahnt, dass das Lied viel älter ist als so mache deutsche Winter-Klassiker, beispielsweise als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ (geschrieben 1869) oder „Leise rieselt der Schnee“ (1895).

Die erste Tonaufnahme stammt von 1889

Um 1857 hat der amerikanische Komponist James Lord Pierpont seinen Hit zu Papier gebracht, die erste Tonaufnahme stammt von 1889. „Jingle Bells“ ist damit älter als viele Lieder und Bräuche, die zum heutigen amerikanischen Weihnachtsfest gehören. Santa Claus allerdings und seine Rentiere lassen sich sogar bis in die 1820er Jahre zurückverfolgen. Es versteht sich von selbst, dass auch beim Erscheinen des amerikanischen Weihnachtsmannes die berühmt-berüchtigten Glöckchen erklingen, ja sie begleiten auch die roten Weihnachts-LKWs von Coca Cola. Das immerhin auch schon über hundert Jahre alte Unternahmen hat den Mann im roten Mantel allerdings nicht erfunden. Das ist eine Legende, auch wenn das Unternehmen ihn seit den 1930er Jahren regelmäßig als Werbeträger nutzt. Tsching-tsching-tsching!

Stehen nebeneinander im Regal: Weihnachtsmann mit roter Mütze und der Nikolaus mit Mitra. Foto: glori
Foto: glori

Werben und Verkaufen – darin sind die Amerikaner Weltmeister, und Weihnachten macht da keine Ausnahme. Weil der Markt für amerikanische Waren der Weltmarkt ist, machen sich Santa & Co inzwischen überall breit, wo Weihnachten gefeiert wird. Die nervige Dauerpräsenz amerikanischer Weihnachts-Symbole, vom coolen X-mas-Logo bis hin zum Jingle Bells-Jingle in jedem zweiten Werbespot rufen bei manchen allergische Reaktionen hervor.

Auch in Bayern klagen Politiker und Kirchenvertreter über die Amerikanisierung der Weihnachtsbräuche. „Nikolaus statt Santa Claus“ heißt ein Slogan, unter dem jedes Jahr wieder dazu aufgerufen wird, dem „Original“ mit Mitra und Krummstab den Vorzug vor der „Fälschung“ mit dem roten Mantel zu geben. Ein bisschen einfach ist diese Sicht schon, denn der Weihnachtsmann ist nicht einfach die deutsche Version von Santa Claus, sondern durchaus ein einheimisches Gewächs. Den Gabenbringer mit rotem Mantel gibt es bei uns ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert. In evangelischen Regionen fremdelt man nun einmal mit einem katholischen Heiligen. Weihnachtsmann und Santa Claus sind sozusagen Zwillinge.

Eigentlich könnten Amerikaner sich auch über die vielen deutschen Weihnachtstraditionen in ihrem Land aufregen, zum Beispiel den Christbaum, den deutsche Einwanderer eingeschleppt haben, oder die Kugeln aus Glas, die daran hängen. Tun sie aber nicht. Sie haben auch kein Problem damit „Silent Night“ zu singen, viele halten es für ein amerikanisches Weihnachtslied. Liebend gerne kaufen sie im Urlaub in Germany typisch deutschen Weihnachtsschmuck. Die sogenannte Weihnachtsgurke, ein Baumschmuck aus Glas in Gurkenform, gilt in den USA als deutsche Tradition. Hierzulande wird sie als witziger neuer Weihnachtstrend aus den USA beworben – und zwar nicht von der US-Handelskammer, sondern von deutschen Lifestyle-Magazinen. Und genau hier liegt der Schwachpunkt aller Klagen über die Amerikanisierung unserer lieben Weihnachtszeit. Abgesehen davon, dass Bräuche sich schon immer über Grenzen hinweg verbreitet haben: es ist ja nicht so, dass wir gezwungen wären – von der NSA oder einer anderen supergeheimen und allmächtigen US-Behörde – alles nachzuahmen, was sich jemand in den USA ausdenkt. Das gilt für Weihnachten genauso wie für Halloween und den Valentinstag. Es ist unser einheimischer Einzelhandel, der dafür sorgt, dass auch ja alle mitmachen. Man will ja schließlich auch etwas verdienen an der großen Vermarktung. Tsching-tsching-tsching!

Text lernen statt Glöckenfolter

Klar, es ist schwierig, sich der Dauerberieselung zu entziehen. Aber es ist nicht unmöglich. Wer einen St. Nikolaus für die Kinder nach Hause bestellt, bekommt normalerweise auch einen, und keinen Santa. Wer keine Karten mit „Merry X-mas“ verschicken möchte, findet eine reiche Auswahl an anderen Motiven. Es ist auch allein unsere Sache, ob wir zu Hause traditionelle heimische Weihnachtslieder singen oder uns mit „Jingle Bells“ in Stimmung bringen. Ja, man kann sogar das eine tun und das andere nicht lassen. Wenn viele Deutsche nur noch die erste Strophe oder gar nur noch die erste Zeile der alten Lieder kennen, dann ist das nicht das Resultat amerikanischer Gehirnwäsche durch jahrelange Glöckchenfolter, sondern liegt an der eigenen Faulheit. Also: lernen, lernen, lernen!

Im Übrigen liegt der Erfolg vieler amerikanischer Weihnachts-Schlager auch daran, dass sie einfach gut gemacht sind. Allein durch die Macht der Werbeindustrie wären „Jingle Bells“ und andere US-Klassiker nie zum Hit geworden. Tsching-tsching-tsching!

So geht es weiter

  • Morgen lernen wir vom Schutzpatron der Tschechen, was ein wirklich gutes Werk in der Weihnachtszeit bedeutet. Einfach nur spenden reicht nicht, selbst anpacken ist gefragt.



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