Musikalischer Adventskalender

08.12.2019

Türchen 8: Legenden um Luther

Der Reformator schrieb die ersten familientauglichen Weihnachtslieder.

Am Weihnachtsbaum brennen die Lichter, in der warmen Stube sitzt die Familie und feiert fröhlich den Heiligen Abend. Vater Martin Luther, seine Frau Katharina, die Kinder sowie Freunde und Verwandte. Etwas stimmt nicht an dieser Idylle, die in verschiedenen Varianten in Bildern festgehalten worden ist. Mal spielt Luther auf der Laute ein Weihnachtslied, mal krabbeln die Kleinsten auf seinem Schoß herum. Der Fehler ist immer der gleiche: der Baum. Zu Luthers Zeiten, im 16. Jahrhundert, war er noch nicht so weit verbreitet, wie romantische Lutherverehrer es sich im 19. Jahrhundert vorstellten. Manche von ihnen behaupteten gar, Martin Luther höchst selbst habe den Weihnachtsbaum erfunden. Schließlich, so meinen seine Bewunderer, war er nicht nur der große Erneuerer des Glaubens, er war auch der Schöpfer des Weihnachtsfestes wie wir es kennen. Da ist durchaus etwas dran, wenn auch manche Details der Phantasie späterer Jahrhunderte entsprungen sind.

Vor der Reformation gab es die Geschenke am Nikolausabend

Vor der Reformation bekamen die Kinder ihre Geschenke am Nikolausabend, und diesen mit der katholischen Heiligenverehrung verknüpften Brauch wollte Luther abschaffen. Er verlegte den Tag der Bescherung daher auf den Heiligen Abend und machte Weihnachten damit zum Familienfest. An dem Tag, an dem Gott den Menschen seinen Sohn geschenkt hatte, sollten nun auch die Kinder ihre Gaben bekommen. Das Weihnachtsfest, das sich bis dahin ausschließlich im Gottesdienst abgespielt hatte, öffnete er damit für häusliches Brauchtum und familiäres Musizieren.

Etwas Anderes, sehr Wichtiges, hat Luther zwar nicht erfunden, aber er hat als reformatorische Hebamme zumindest Geburtshilfe geleistet. Etwas, ohne das Weihnachten nicht wäre, was es heute ist: die Weihnachtslieder. Es gab zwar auch schon vor Martin Luther etliche, aber die meisten davon waren in lateinischer Sprache verfasst und eigneten sich eher für die Liturgie als für das Singen in der Familie. Bis zur Reformation wurden Kirchenlieder zudem von Chören gesungen, die Gemeinde hatte nur andächtig zu lauschen. Die Reformation hat ein neues Genre eingeführt, das gemeinsam gesungene Gemeindelied. Gemeinsames Singen stärkt die Gemeinschaft und den Glauben.

Türchen 8: Legenden um Luther

Luther war musikalisch

Schon als Schüler sang er im Chor und hatte als Student seine Laute immer zur Hand. Da er an die spirituelle Macht der Musik glaubte und sich selbst auch als „Weihnachtschrist“ bezeichnete, hat er auch Lieder für seinen liebsten Feiertag geschaffen. Das bekannteste ist „Vom Himmel hoch da komm ich her“. Ursprünglich verwendete Luther ein damals populäres Volkslied für seinen Text, später entstand eine neue Melodie, es ist diejenige, die heute allgemein bekannt ist. Wahrscheinlich stammt sie von Luther selbst. Er soll das Lied 1535 für den Heiligen Abend im Kreise der eigenen Familie geschrieben haben. Mit 15 Strophen ist es zudem eines der längsten Weihnachtslieder. Zu Luthers Zeiten waren die Menschen eben noch nicht so ungeduldig.

Das Lied wird häufig als Nacherzählung der Weihnachtsgeschichte bezeichnet – was mit 15 Strophen ja auch leicht möglich wäre, mindestens bis zur Flucht nach Ägypten – aber diese Interpretation als gesungenes Krippenspiel ist nicht ganz einleuchtend. Es handelt sich nicht um eine Beschreibung sondern um eine Deutung des Geschehens. In der erste Strophe „vom Himmel hoch, da komm ich her“ stellt sich der Himmelsbote vor, der die frohe Botschaft verkündet: „Der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will“. Der Engel tut die Geburt eines Kindes kund und erklärt, dass es sich um den Retter der Welt handelt. Ab Strophe sechs kommen dann die Hirten, die irdischen Adressanten zu Wort, die sich aufmachen, zu sehen, was der Engel ihnen verheißen hat. Sie erblicken das Kind und vergleichen die ärmliche Krippe mit der göttlichen Natur dessen, der darin liegt.

„Ach, Herr, du Schöpfer aller Ding / wie bist du worden so gering
dass du da liegst auf dürrem Gras / davon ein Rind und Esel aß!“

Die Hirten, als Stellvertreter für die Menschheit insgesamt, sind jedoch nicht enttäuscht, im Gegenteil. „Davon ich allzeit fröhlich sei / zu springen, singen immer frei“ rufen sie aus. Der Retter ist da, auch wenn er nicht in Samt und Seide gebettet ist.

Einfach und einprägsam: einfach ein Hit

Die Melodie des Liedes ist einfach und einprägsam. Eine wichtige Voraussetzung, um zum Hit zu werden. So wie heute die ersten Takte von „Jingle Bells“ das akustische Kennzeichen für Christmas Feeling sind, war lange Zeit der Auftakt des Lutherliedes das Signal für die Freude über die Geburt des Erlösers. Johann Sebastian Bach hat die Melodie immer wieder verwendet, unter anderem für drei Choräle in seinem Weihnachtsoratorium. Felix Mendelssohn Bartholdy komponierte 1831 eine Kantate auf der Basis des Stücks.

Von Luther stammen noch weitere weihnachtliche Lieder, die aber nicht so populär sind wie „Vom Himmel hoch“. Mit „Nun komm, der Heiden Heiland“ und „Christum wir sollen loben schon“, hatte er lateinische Hymnen aus der Spätantike ins Deutsche übertragen. Er ging als guter Weihnachtspsychologe davon aus, dass die Gemeinde nicht nur neue Werke, sondern auch die altvertrauten Lieder singen wollte.

Nur wenige, außer vielleicht Jesus selbst, haben zum Entstehen des Weihnachtsfestes so viel beigetragen wie Martin Luther. Ihm verdanken wir den Weihnachtsohrwurm, auch wenn dieser seit „Vom Himmel hoch“ erheblich zusammengeschrumpft ist. Es wäre jedoch übertrieben, dem Reformator deswegen auch noch die Verantwortung für „Last Christmas“ in die Schuhe zu schieben.

So geht es weiter:

  • Morgen entführt uns die geflügelte Jahresendfigur ins Paradies der Bauern und Arbeiter. Auch dort wurde Weihnachten gefeiert, auch dort wurden Weihnachtslieder geschrieben.


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