1. Startseite
  2. Specials Redaktion
  3. Augsburger Geschichte
  4. 1000 Jahre Perlachturm - die ewige Baustelle

Baugeschichte

29.09.2016

1000 Jahre Perlachturm - die ewige Baustelle

Perlach-Sanierung 1a
3 Bilder
Im Februar 1944 waren das Rathaus und der Perlachturm ausgebrannt. Der Turm sollte sogar gesprengt werden, da er Risse aufwies. Fotos: Sammlung Häußler
Bild: Häußler

Feuerwächter beobachteten von dort aus jahrhundertelang die Stadt. Im Zweiten Weltkrieg zerstörte ein Brand vieles - der Turm wäre fast gesprengt worden.

Die obersten Geschosse des Perlachturms machen Probleme. Der Turm wird irgendwann zur Baustelle, wie schon oftmals in seiner mehr als 1000-jährigen Geschichte. Schon zu St. Ulrichs Lebzeiten im 10. Jahrhundert soll hier ein hölzerner Wachturm gestanden sein. Anno 1067 erfolgte nebenan die Neugründung eines Kollegiatsstifts. Ihnen diente der im Jahre 1063 in Steinbauweise erneuerte Wachtturm als Turm für ihre St.-Peter-Kirche.

Augsburger Feuerwächter nutzten Perlachturm als Ausguck

Die Turmfundamente aus Kalk- und Tuffsteinquadern reichen nicht tief. Es dürfte sich um Recyclingmaterial handeln: Im mittelalterlichen Augsburg war es üblich, von den Römern auf dem Wasserweg herangeschaffte Natursteine wiederzuverwenden. Die exponierte Höhenlage machte den Turm zum idealen Ausguck für Feuerwächter. Sie bedienten die Sturmglocke. Im Stadtrecht von 1276 ist der Zugang zu dieser Alarmglocke für städtische Bedienstete verbrieft. Anno 1364 wurde im Perlachturm die erste Schlaguhr eingebaut. Sie gab für Augsburg die Zeit vor. 1412 erfolgte die Aufstockung auf 36 Meter Höhe. Anfang des 16. Jahrhunderts gab es Pläne zu einer abermaligen Erhöhung. Darauf weisen Turmmodelle von 1503 und 1519 im Maximilianmuseum. Anno 1526/27 ließ man den Perlachturm zur Hälfte abtragen und um „zwei Gaden“ (Stockwerke) höher wiederaufbauen.

Elias Holl gab ihm die heutige Höhe von 70 Metern. Er setzte ein Achteck mit zehn Steinpfeilern drauf, auf dem der Dachstuhl und die Kuppel mit Laterne sitzen. Am 17. August 1615 setzte er seinen vierjährigen Sohn Elias in den vergoldeten Turmknauf, ehe er ihn endgültig schloss. Das Schlagwerk hatte er 80 Schuh (23,35 Meter) höher gesetzt, sodass es weiter hörbar war. Noch war der Turm nur über die Empore in St. Peter zugänglich. Das war vor allem für die Feuerwächter unpraktisch. Sie hatten hoch oben ihre Wachstube und mussten rund um die Uhr die Stadt im Auge behalten.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

1622 baute Elias Holl an der Nordseite einen Turmzugang von außen an, der seither benutzt wird. Fast 300 Jahre nach der Aufstockung war der Turmoberbau von 1615 mit äußerem Umgang und Kuppel erneuerungsbedürftig. 1910 wurde der Perlachturm zur Baustelle. Fotos überliefern ihn mit Baugerüst. Die Bilder zeigen, wie weit er abgetragen wurde. Die Erneuerung erfolgte in den alten Proportionen.

Ein Brand nach einem Bombenangriff zerstörte vieles

Allein bei der Rekonstruktion der Holl’schen Architektur beließ man es nicht: Der „neue“ Perlachturm bekam 1911 eine Bemalung. „Die vornehm gehaltenen, nicht aufdringlichen Farbentöne verleihen dem sehr schlank, aber doch ohne Gliederung aufsteigenden Turme noch mehr Eleganz und Leichtigkeit“, war im Oktober 1911 zu lesen. Doch nur kurze Zeit waren die historisierenden Motive und die riesigen aufgemalten Sonnenuhren zu bewundern. Die vom Augsburger Maler August Brandes verwendeten Farben hielten der Witterung nicht stand. Anfang Juli 1914 wusch ein Wolkenbruch die Bemalung regelrecht ab.

Die Bombenangriffe am 25./26. Februar 1944 hatte der Perlachturm mit Schäden, aber relativ glimpflich überstanden. Etliche Stunden später drang Rauch aus den Fensterhöhlen: Ein unentdeckter Schwelbrand hatte sich vom Dachstuhl des Nachbarhauses durch eine Türöffnung ins Turminnere gefressen. Durch den Luftzug angefacht, loderten die Flammen nach oben. Alles Brennbare wurde zerstört: das Turamichele von 1616, die hölzernen Treppen und Zwischendecken. Selbst die Kuppel brannte. Die 1527 gegossene „Armesünderglocke“ fiel im Turminneren in die Tiefe und zerschellte. Auch die „Cisa“ stürzte, blieb aber am Turmumgang hängen. Im Mauerwerk klafften Risse. Mit der Sprengung einsturzgefährdeter Fassaden beauftragte Pioniere rückten an. Nur mit Mühe konnten Baufachleute die Soldaten überzeugen, dass der Turm trotz der Schäden nach wie vor standsicher war.

Mechanisches Turamichale zog 1949 in den Turm ein

Heute vor 70 Jahren: Turamichele und Luzifer "aus Mensch". Im Hintergrund ist ein Riss am Perlachturm erkennbar. In der furchtbar wirkenden Luzifer-Maske steckte Annemarie Stahl. Die Autogrammkarte zeigt, wie sie wirklich aussah.
Bild: Häußler

Im März 1946 begann die Sicherung im Inneren durch Spannschrauben, den Einbau einer Treppe sowie vier Zwischenpodesten aus Stahlbeton. Heute vor 70 Jahren, am 29. September 1946, ersetzten vor dem kuppellosen Perlachurm auf einem Podest Walther Klaß als St. Michael und Annemarie Stahl als furchtbar aussehender und bei jedem Stich zappelnder Luzifer das verbrannte Turamichele. Am 22. Dezember 1947 bekrönte wieder die Cisa die Turmspitze. 1948 wurde die Balustrade erneuert und im Juni 1949 kam das Schlagwerk in Gang. Am 28. September 1949 hatte das neue mechanische Turamichele seinen ersten Auftritt. Ein Drittklässler schrieb danach: „Das Turamichele aus Mensch hat mir besser gefallen.“

Bereits 1954 wurde der Perlachturm wiederum eingerüstet: Der Außenputz war fällig. Zugleich wurde die 1947 erneuerte Turmkuppel ausgetauscht. Ihre Proportionen entsprachen nicht der alten Kuppel. 1954 lag ein nach photogrammetrischer Vermessung angefertigter Plan vor. 1984 stand um den Perlachturm erneut ein Baugerüst. Bei einer Außensanierung wurden schadhafte Natursteinteile und Bleche ausgewechselt, im Inneren die oberste Geschossdecke wegen Durchrostung der Tragekonstruktion erneuert. Eine dem Rathaus angepasste Farbgebung war die sichtbare Folge dieser Renovierung, hörbar war das zeitgleich eingebaute Glockenspiel.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Wassertechnik_1.tif
Augsburger Geschichte

Adam und Eva pumpten Trinkwasser

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden