Augsburger Geschichte

14.11.2018

Adam und Eva pumpten Trinkwasser

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3 Bilder
Der Brunnenmeisterhof bei den Wassertürmen am Roten Tor ist heute eine gepflegte Idylle. Die Brunnentürme beherbergen ein Wassermuseum.
Bild: Sammlung Häußler

Das Wasserwerk beim Roten Tor wurde 1848 aufgerüstet. Bis 1879 arbeiteten dort Reichenbach’sche Brunnenmaschinen.

Augsburgs Trinkwassergeschichte ist Technikgeschichte: Das 1879 in Betrieb genommene Wasserwerk am Hochablass ist jetzt ein Technikmuseum von europäischem Rang. Das Besondere: Hier wurden vor 140 Jahren Pumpanlagen eingebaut, die ohne die üblichen Wassertürme für Druck im Leitungsnetz sorgten. Die gewaltigen Doppelpumpen sind ebenso erhalten wie die zehn Meter hohen Druckwindkessel, die auf damals neuartige Weise für den Wasserdruck sorgten. Jahrzehntelang kamen ab 1879 Fachbesucher aus aller Welt, um die „Augsburger Technik“ im Wasserwerk zu studieren. Bis Anfang Oktober 1879 war Trinkwasser innerhalb des Stadtgebiets in die Reservoirs in Brunnentürmen gepumpt worden. Von dort floss es aus dem obersten Stockwerk lediglich mit Eigendruck in ein verzweigtes Rohrnetz. Jeweils zehn Meter Fallhöhe im Turm ergaben ein Bar Druck in der Leitung. Als im Jahr 1846 im wichtigsten Wasserwerk beim Roten Tor einige der sieben Pumpanlagen ausfielen, drohten die Augsburger Prachtbrunnen trocken zu fallen.

Für einen solchen Notfall war jedoch längst vorgesorgt: Bereits 1820 ließ die Stadt vom königlich-bayerischen Salinenrat Georg Ritter von Reichenbach Pumpanlagen konstruieren und anfertigen. 60000 Gulden kostete diese anno 1820 allerneueste Wasserfördertechnik. Doch sie kam 28 Jahre lang nicht zur Anwendung. Solange die alten Pumpen einigermaßen funktionierten, wurden sie nicht ausgewechselt. Die Reichenbach’schen „Brunnenmaschinen“ lagerten 28 Jahre in einem Schuppen im Brunnenmeisterhof. Erst 1848 wurden sie eingebaut.

Turbinen als Motoren

Die Antriebstechniken waren seit der Lieferung der Pumpen anno 1820 weiterentwickelt worden. Die Reichenbach’sche Konstruktion war bei der Installation technisch veraltet. 1848 dienten nicht mehr Wasserräder, sondern Turbinen als Motoren. Eine Turbine erbrachte mit derselben Wassermenge die vierfache PS-Leistung eines Wasserrades. Die Pumpanlage trieben jedoch zwei Wasserräder an: „Adam“ und „Eva“ hießen sie. Ihr Durchmesser betrug 3,5 Meter, ihre Grundkonstruktion bestand aus Gusseisen. Daran waren hölzerne Schaufeln angeschraubt.

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Wie die Reichenbach’sche Pumpanlage funktionierte, demonstriert seit 2015 ein Modell im Maßstab 1:20 im Großen Wasserturm am Roten Tor. Der Augsburger Modellbauer Anton Gilg hat sie nachgebaut. Das Modell dokumentiert eine wassertechnische Besonderheit für Augsburg: Das Wasser wurde von oben auf die Antriebsräder geleitet! „Adam“ und „Eva“ waren die einzigen in Augsburg installierten oberschlächtigen Wasserräder. Ansonsten gab es hier nur unterschlächtige Räder. Das heißt: Die Schaufeln tauchten in das unter dem Rad hindurch schießende Wasser.

Für den Antrieb von „Adam“ und „Eva“ sorgte Lochbachwasser. Es floss in dem Aquädukt an der Freilichtbühne zum Roten Torwall und wurde unterirdisch in den Brunnenmeisterhof geleitet. Für die neue Pumpanlage wurde 1848 in diesem Hof ein Werkhaus gebaut. Darin saugten vier bronzene Pumpenzylinder Wasser an und drückten es hoch in die Reservoirs in den obersten Geschossen der drei Wassertürme. Von dort ergoss es sich in ein fast 29 Kilometer langes Verteilernetz. Der Druck reichte dank der Turmhöhe aus, um am Herkulesbrunnen, am Merkurbrunnen und am Augustusbrunnen Fontänen zu erzeugen.

Ein weiterer Pluspunkt

31 Jahre lang taten die 1848 installierten Pumpen ihren Dienst. Im Jahr 1879 wurden alle Wassertürme in den Ruhestand versetzt. Längst wird bedauert, dass bei sämtlichen innerstädtischen Wassertürmen die technischen Einrichtungen ausgebaut sind. Bei der UNESCO-Welterbe-Bewerbung wären originale historische Trinkwasser-Fördertechniken aus der Zeit vor 1879 in historischen Wassertürmen ein weiterer Pluspunkt für Augsburg. Nur noch Abbildungen und Modelle dokumentieren solche Einrichtungen.

Modernisierungen in den Altanlagen konnten Augsburgs Trinkwasserprobleme nicht lösen. Bis 1879 kamen lediglich 25 Prozent der Augsburger in den Genuss von Leitungswasser. Drei Viertel der Bevölkerung musste oftmals mit Bakterien verseuchtes Wasser aus Hausbrunnen oder öffentlichen Brunnen schöpfen. 1832, 1854 und 1874 suchte die Cholera Augsburg heim. Die Zusammenhänge zwischen der Seuche und hygienisch nicht einwandfreiem Trinkwasser wurden erkannt. Die meisten Menschen erkrankten und starben bei den Cholera-Epidemien in Stadtbereichen, die von „schädlich infiltrierten“ Pumpwerken versorgt wurden und wo sich die meisten privaten Pumpbrunnen befanden. Am 28. Dezember 1876 fiel die Entscheidung für ein neues Wasserwerk beim Hochablass. Ab Oktober 1879 floss aus dem ausschließlich von Augsburger Unternehmen konzipierten und gebauten Wasserwerk reines Wasser aus Brunnen im Siebentischwald in das nun aus Eisenrohren bestehende Netz. Augsburgs Trinkwasser ist nach wie vor dank kostspieliger Schutzmaßnahmen von höchster Qualität und fließt unbehandelt aus den Wasserhähnen.

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