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Hausgeschichte

07.10.2016

Als das „Capitol“ noch ein Kino war

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Die „Palastlichtspiele“ (links) wurden am 1. Oktober 1919 eröffnet. Das Gebäude am Moritzplatz hatte zuvor eine neue Fassade bekommen. Sie sieht nach einer Restaurierung wieder so aus wie damals.

Von 1919 bis 1999 liefen am Moritzplatz ungezählte Filme über die Leinwand. Die restauriere Fassade wurde prämiert. Welche Rolle Jakob Fugger der Ältere bei dem Gebäude spielt.

Aus riesigen roten Großbuchstaben ist das Wort „CAPITOL“ gebildet. Sie stehen auf dem Vordach eines im Blickfeld stehenden, stilistisch ungewöhnlichen Gebäudes am Moritzplatz. „Capitol“ hieß ursprünglich das Kino in diesem Haus. Vor über 17 Jahren endete die Kino-Epoche: Im Januar 1999 lief der letzte Film. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die auffällige Aufschrift ein Stockwerk höher. Die Kino-Ära endete: Das einstige „Filmtheater“ wurde von Gastronomie abgelöst. Die sieben Buchstaben „sanken“ bei einer Fassadenrestaurierung tiefer.

Aus stadtbekanntem Lokal am Judenberg wurde 1919 ein Kino

Ein historischer Treppengiebel aus einer sehr frühen Bauepoche ist an der Hangseite zum Judenberg erhalten. Der Judenberg ist eine fußläufige Verbindung zwischen der Maximilianstraße auf der Hochterrasse und dem tiefer liegenden Lechviertel. Das abseitige Gemäuer des „Capitols“ ist dem geschwungenen Verlauf des Judenbergs angepasst. Diese Hausseite steht nicht im Blickfeld. Sie wurde deshalb 1919 kaum umgestaltet, als die ursprünglich schlichte Fassade zum Moritzplatz ihr heutiges Aussehen bekam. Der Grund für diese „Aufhübschung“: 1919 zog das Kino ein.

Eine Notiz in der München-Augsburger Abendzeitung vom 24. Juni 1919 dokumentiert den Wandel: „Der Gambrinuskeller, die bekannte Kaschemme am Judenberg, hat zu bestehen aufgehört. Da wo einstens lichtscheues Gesindel einen von der Polizei vielfach erfolglos bekämpften Unterschlupf fand, wird das Treppenhaus des neuen Kinos eingebaut werden, das am 1. Oktober zur Eröffnung gelangen soll. Die bauliche Neuordnung hat für den ganzen Baublock, der sich von der Maximilianstraße bis in die Tiefe des Judenberges erstreckt, sehr vorteilhafte Änderungen zur Folge. Die Bauarbeiten werden von der Architektenfirma Krauß und Dürr ausgeführt.“

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Im Oktober 1919 begann also die Kino-Geschichte. Der Name lautete ursprünglich nicht „Capitol“, sondern „Palast-Lichtspiele“. Dreimal war an der Schaufassade die Kurzbezeichnung „PALI“ zu lesen, zweimal der volle Name. Der Kinobetreiber Max Kullmann aus Nürnberg hatte das markante Gebäude gekauft und einen Kinosaal einbauen lassen. Das Adressbuch für 1926 führt in Augsburg sechs „Lichtspieltheater“ auf, darunter „Pa-Li, Palast-Lichtspiele, Am Moritzplatz A 1“. Kurz danach wandelte sich der Name in „Capitol“. Diese Änderung ist auf alten Fotos dokumentiert.

Ab 1926 hieß das Kino „Capitol“. Den einprägsamen Namen behielt die Gastronomie bei, die das Kino am Moritzplatz ablöste.

Das Haus hatte die attraktivste Adresse Augsburg

Der Kern des Gebäudes könnte über 400 Jahre alt sein. Grundstücksakten ist zu entnehmen, dass das Anwesen 1596 von Jakob Fugger dem Älteren an einen Brauer verkauft wurde. Von 1646 bis 1851 beherbergte es die „Brauerei zum goldenen Löwen“. Das Anwesen bekam bei der Vergabe der Litera-Anschriften im Jahre 1781 Augsburgs attraktivste Adresse: „A 1“.

Warum die Brauerei im Volksmund „Lutz am Block“ hieß, ist nicht überliefert. Im Hausbesitzerverzeichnis von 1801 ist Litera „A 1“ so beschrieben: „Hr. Preu, Bierbrauer, sonst Lutz am Block, zum goldenen Löwen“. Im Sudjahr 1817/18 versteuerte der „Goldene Löwe“ 404 Schaff Gerste. Das ergab fast 195000 Liter Braunbier. Das Haus verfügte über Gästezimmer und eine Stallung mit Zufahrt an der tiefsten Stelle der Rückseite. Anno 1851 endete das Biersieden.

Aus der Brauerei wurde eine Wirtschaft, die geliefertes Bier ausschenkte. 1902 ist nicht der Wirt, sondern ein Kaufmann Eigentümer. Die Immobilie war im Besitz eines Investors.

Im Adressbuch von 1902 ist der Brauereiname „Zum goldenen Löwen“ durch „Wirtschaft zum Gambrinus-Keller, gen. Lutz am Block“ ersetzt. Der vermutliche Grund für die Umbenennung: Es gab damals drei weitere „Goldene Löwen“ in Augsburg! 1914 hatten sich die oberen Stockwerke in Geschäfte gewandelt. Das Parterre nahmen Verkaufslokale ein, der offenbar berüchtigte „Gambrinus-Keller“ war wirklich ein Kellerlokal. Wie geschildert, begann 1919 die Kino-Geschichte. Seither stehen über dem Eingang vier weiße Steinfiguren und weitere vier weiße Statuen über der obersten Fensterreihe der Fassade.

Zeitungswerbung von 1956 für einen damaligen Kassenschlager.

Das „Capitol“ hatte den Zweiten Weltkrieg mit reparablen Schäden überstanden. 1945 requirierten die Amerikaner das zentral gelegene intakte Kino. Bis 1949 bekamen darin ausschließlich GI’s aus Amerika gelieferte Filme zu sehen. Nach der Freigabe und Modernisierung öffnete das „Capitol“ wieder für jedermann. Erst 50 Jahre später endete die Kino-Epoche in dem hohen Haus beim Merkurbrunnen.

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