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Nazi-Zeit

17.11.2016

Das tragische Schicksal erfolgreicher jüdischer Geschäftsleute

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2 Bilder
Die Lithografie überliefert das Aussehen des großen Geschäftshauses Friedmann und Dannenberg in der Zeit um 1900. Es bildete die Ecke Annastraße/Martin-Luther-Platz (links).

Am Martin-Luther-Platz erinnert eine Gedenkplatte an die Familie Friedmann. Ihr Kaufhaus wurde in der NS-Zeit zwangsverkauft - ein dunkles Kapitel in der Augsburger Geschichte.

Die Kreissparkasse Augsburg ließ 2010 an ihrer Zentrale am Martin-Luther-Platz eine Gedenkplatte anbringen. Die ausführliche Inschrift auf der Metalltafel erläutert die Geschichte des Vorgängerbaus und ihrer Besitzer. Bis 1939 waren dies Ludwig Friedmann und seine Schwester Jenny. Es waren der Großvater und die Großtante von Miriam Friedmann, die 1942 in den USA geboren wurde. Sie übersiedelte in die Heimat ihrer Vorfahren. Sie lebt in Augsburg und bemühte sich erfolgreich um die Tafel an der aufs Engste mit ihrer Familiengeschichte verbundenen Stelle.

Auf dem Platz der Kreissparkasse stand das große Geschäftshaus von „Friedmann & Dannenbaum, Weiß-, Strumpf- und Wollwarenhandlung en gros“. So steht es im Adressbuch für 1902. Die Anschrift lautete damals „Litera B 258 Annaplatz“. Der Annaplatz heißt seit 1933 Martin-Luther-Platz und das Haus „B 258“ bekam 1938 die Anschrift Martin-Luther-Platz 5.

Wie das große Eckhaus um 1900 aussah, vermittelt eine Zeichnung auf einer Besuchsanzeige. Simon Friedmann kündigte sich damit bei einem Kunden in Nördlingen an. „Fabrikation von Wäsche und Schürzen - Weiss- u. Wollwaren En gros Lager“ steht auf der Postkarte, die erst kürzlich von einem Auktionshaus angeboten wurde.

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Eine Werbeanzeige von 1927 enthält die Unternehmensgeschichte in Kurzform: „Die Firma wurde im Jahre 1872 gegründet. Sie hat ihre Tätigkeit in gemieteten Räumen des Hauses Bahnhofstraße 26 begonnen. Das rasche Aufblühen der Firma hat es notwendig gemacht, dass sie nach verhältnismäßig kurzer Zeit sich um Räume bemühen musste, die der Ausbreitung ihres Betriebes entsprachen. Die Firma kaufte daher das am Annaplatz gelegene Anwesen, welches in der Mitte des 18. Jahrhunderts von dem Großkaufmann Georg Jakob Köpf als eines der führenden Handelshäuser erbaut worden war.“

Am Martin-Luther-Platz gab es einen erfolgreichen jüdischen Mode-Großhandel

Friedmann & Dannenbaum waren 1875 am Annaplatz als Mieter eingezogen. 1885 konnten sie das Gebäude kaufen, ab 1898 war es im Besitz von Simon und Marie Friedmann. Der Großhandel mit Weiß- und Wollwaren florierte, Damen- und Herrenwäsche wurde selbst hergestellt.

Damit wurde der Einzelhandel beliefert, ein eigenes Ladengeschäft gab es offenbar nicht. Deshalb war das weitläufige Parterre des Firmengebäudes in bester Innenstadtlage vermietet. Friedmann & Dannenbaum nutzte nur die oberen Stockwerke.

Die Firma stehe in Süddeutschland an führender Stelle und werde auch im Reiche zu den ersten Firmen gezählt, heißt es 1927. Sie beschäftige in ihrer Damen- und Herrenwäschefabrik „hunderte von Arbeiterinnen.“ Bilder zeigen riesige Zuschneide- und Nähsäle. „Es wird heute nach den modernsten Methoden der Arbeitsteilung und Serienproduktion gearbeitet, wodurch es ermöglicht wird, Qualitätsware besonders günstig herzustellen“, verrät die Anzeige von 1927 das Erfolgsrezept.

Die Lithografie überliefert das Aussehen des großen Geschäftshauses Friedmann und Dannenberg in der Zeit um 1900. Es bildete die Ecke Annastraße/Martin-Luther-Platz (links).

NS-Regime entrechtete Familie Friedmann und Kaufhaus Spanier

Das Ende des Jahres 1932 gedruckte Adressbuch für 1933 dokumentiert letztmals die Wohn- und Besitzverhältnisse vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. 1932 befand sich im Erdgeschoss das Kaufhaus A. Spanier. Die Witwe Marie Friedmann war Hausbesitzerin. Sie wohnte im zweiten Stockwerk. Die Familien Friedmann und Spanier waren Juden. Deshalb standen sie im Visier der neuen NS-Machthaber. Diese verbreiteten am 31. März 1933 eine Boykottliste für „nicht-arische“ Geschäfte. Das Kaufhaus Spanier stand darauf.

Im Verlauf der 1930er-Jahre wurden Juden vom NS-Regime zum Verkauf ihrer Unternehmen und Immobilien an „Arier“ gezwungen. 1938 musste Ludwig Friedmann die Firma verkaufen, 1939 ging das Geschäftsgebäude an der Ecke Annastraße/Martin-Luther-Platz als Zwangsverkauf in den Besitz des Gutsbesitzers Hans von Schnurbein in Hemerten über.

Die „Sport-Ecke“ wurde Nachmieterin eines Teils der Parterre-Ladenflächen, die zuvor das Kaufhaus Spanier belegt hatte. Im Februar 1944 wurde das Gebäude durch Bomben zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Areal unter Treuhandverwaltung. Nach Abwicklung eines Rückerstattungsverfahrens erwarb 1954 die Kreissparkasse den Grund für den Neubau ihrer Zentrale in Augsburgs Stadtmitte. – So viel zur Hausgeschichte. Das Schicksal der vom NS-Machtapparat drangsalierten, entrechteten jüdischen Familie Friedmann zählt zu den dramatischen Kapiteln in einer unheilvollen Epoche in der Augsburg-Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Am Abend vor der angekündigten Deportation in ein Konzentrationslager nahmen sich Ludwig Friedmann und seine Frau Selma am 7. März 1943 zusammen mit vier anderen jüdischen Paaren in Augsburg das Leben.

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