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Rathausplatz

08.12.2016

Von der Trinkstube zur Augsburger Börse

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3 Bilder
Der Rathausplatz im Jahre 1952. Neben einem Rest der Börsenruine war der Augustusbrunnen aufgebaut, Flachbauten sollten die Zeit bis zu einer Neubebauung überbrücken.

Auf dem Rathausplatz stand früher ein Gebäude - Frauen waren vom Besuch des Handelsplatzes ausgeschlossen. Seit 1963 findet an der Stelle der Christkindlesmarkt statt.

Der Christkindlesmarkt findet seit 1963 auf dem gepflasterten Rathausplatz statt. Dass an dieser Stelle gegenüber dem Rathaus das Börsengebäude stand, ist kaum noch vorstellbar. Doch die Geschichte des Rathausplatzes ist dank Bildern seit über 500 Jahren nachvollziehbar. Ein besonderes Kapitel bildet die Börse. Sie ist auf Stichen, Gemälden, Medaillen und Fotos abgebildet und hinterließ viel Papier wie eine 1911 gedruckte „Augsburger Börsen-Ordnung“. Sie umfasst umfasst 16 Seiten und regelte die Abläufe des Geschäftsverkehrs. Im Börsengebäude fanden damals täglich, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, von 11.45 Uhr bis 12.15 Uhr, die Börsenversammlungen statt. Das schrieb Paragraf 39 der Börsen-Ordnung vor.

Frauen waren mit Betrügern gleichgesetzt

Im Paragraf 14 heißt es: „Vom Börsenbesuche sind ausgeschlossen Personen weiblichen Geschlechts.“ Frauen waren vor 105 Jahren gleichgesetzt mit an der Börse unerwünschten Bankrotteuren, Betrügern und Zahlungsunfähigen. Das Börsenwesen sollte ausschließlich in Händen „ehrenvoller“ Männer sein. Offenbar kam auch unehrenhaftes Verhalten beim Handel mit Wertpapieren, Wechseln, Coupons und Geldsorten vor, ansonsten wäre das Kapitel „Ehrengericht“ in der Börsen-Ordnung unnötig gewesen.

Geschriebene oder gedruckte Statuten gab es 1368 noch nicht, als Augsburger Kaufleute ein Haus erwarben „zum Zwecke der Förderung des Handels und Wandels und des geselligen Verkehrs“. Dieses „Klubhaus“ war der früheste Vorläufer einer Börse. Im Jahr 1549 richtete die Kaufmannschaft gegenüber dem Rathaus eine „Trinkstube“ ein. Es war ein exklusiver Treffpunkt, in dem man auch Geschäfte abwickelte. Die „Trinkstube“ entwickelte sich zur Börse für den Wertpapier- und Devisenhandel.

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Davon zeugen Archivalien wie Kurszettel „In Augusta Anno 1795“. Darauf sind 19 Positionen vorgedruckt. Die täglich neu festgestellten Währungs- und Feingoldkurse sind handschriftlich eingetragen. Aus dem Jahr 1823 stammen auf 43 Zeilen angewachsene Kurszettel mit „Wechsel- und Geld-Coursen“. Ein „Wechsel-Sensal“ (Börsenmakler) erfasste sie und besorgte den Druck.

Kurszettel aus dem Jahr 1853 besitzen ein größeres Format und sind doppelseitig bedruckt. Sie sind in „Wechsel-Course“ (35), „Geld-Course“ (20) und „Course der Staatspapiere“ (29) unterteilt. Die Anzahl der gehandelten Papiere und Währungen hat enorm zugenommen. Wechselkurse sind weltweit erfasst, Geldkurse europaweit. Bayerische, österreichische, preußische, württembergische Staatspapiere, Bank- und Eisenbahnaktien werden gehandelt.

Augsburg hatte vor München eine Börse

Die höchsten Börsenumsätze wurden 1824 erzielt. 1830 war Augsburg noch Bayerns Bankenplatz Nummer eins mit 24 Bankiers und Wechselhandlungen. In diesem Jahr bekam Augsburg Konkurrenz in München: Die dortige Kaufmannsstube gründete 1830 eine Börse. 1835 wurde Augsburg dennoch als „Wechselplatz von europäischer Bedeutung“ bezeichnet. Um 1860 reduzierten sich die Geschäfte zwar auf lokale Papiere, doch Augsburg erlebte mehrere Aufschwünge mit Textilaktien.

Die Börsengebäude bilden ein eigenes Kapitel im baulichen Wandel im Herzen der Stadt. 1811/12 hatte der „Augsburger Handelsstand“ zwei Gebäude gegenüber dem Rathaus abbrechen und eine Börse erbauen lassen. Der Neubau erwies sich als Murks der Baumeister: Der Dachstuhl senkte sich, und der Einsturz war zu befürchten. 1826 erfolgte der Abbruch. Der Wertpapierhandel fand bis 1830 im Goldenen Saal des Rathauses statt. Als Architekt für eine neue Börse musste der Handelsstand auf „Empfehlung“ von König Ludwig I. den königlichen Oberbaurat J. N. von Pertsch beauftragen. Er stellte dem Holl’schen Rathaus einen von den Augsburgern als überdimensioniert und unzweckmäßig angesehenen „kostspieligen Bau mit starken, der Ewigkeit trotzenden Mauern“ (so eine Beschreibung) gegenüber.

Die Börse um 1900. Wo sie stand, findet derzeit der Christkindlesmarkt statt. Auch der restliche Bautenkomplex ist verschwunden.

104 Jahre lang fand darin der Börsenhandel statt. Ende 1934 stellte die Regierung den Wertpapierhandel in Augsburg ein. Umbauten im Inneren des Börsengebäudes bereiteten den Einzug des „Schwabensenders“ der Reichsrundfunk GmbH im Januar 1935 vor. Er übertrug später Konzerte aus dem Saal in den Obergeschossen live. Während des Umbaus des Stadttheaters 1938/39 diente der Börsensaal als Ausweichquartier der Kammerspiele. Am Abend des 25. Februar 1944 fand das letzte Konzert statt. Es wurde mit Sirenengeheul beendet: In England gestartete alliierte Bomber hatten Kurs auf Augsburg genommen. Ihre „Fracht“ traf auch die Börse.

Die oberen Stockwerke brannten aus. Die Fassade blieb erhalten, Parterre und Keller waren sogar weiterhin nutzbar. Im Juli 1949 brach man die Fassade bis aufs Erdgeschoss ab, der Rest der Börse wurde im Oktober 1960 beseitigt. Ein Teil des Areals sollte bebaut werden. Doch die riesige Baugrube musste nach Protesten der Bürgerschaft verfüllt werden: Sie bestand auf einem weiten, von jeglicher Bebauung freien Rathausplatz.

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