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Augsburger Geschichte

23.01.2019

Warum Augsburg eine grüne Stadt ist

Seit 1880 plätschert in die weite Betonschale am Königsplatz Wasser. Die Bäume waren bereits um 1870 gepflanzt worden.
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Seit 1880 plätschert in die weite Betonschale am Königsplatz Wasser. Die Bäume waren bereits um 1870 gepflanzt worden.

Schon vor 230 Jahren gab es riesige Privatparks. Um 1900 trieb ein Gartenbauinspektor die Entwicklung der öffentlichen Grünanlagen voran. Um welche Auszeichnung sich die Stadt derzeit bewirbt.

Augsburg bewirbt sich aktuell um die Auszeichnung mit dem Label „Stadt-Grün naturnah“. Schon um 1900 galt Augsburg als „grüne Stadt“. Sie sei deshalb „eine der gesündesten Städte in Deutschland“, so schrieb damals der städtische Gartenbauinspektor Karl Jung. Der gute Ruf vom „grünen“ Augsburg reicht aber viel weiter zurück. Schon vor 230 Jahren informierte Paul von Stetten in seiner „Beschreibung der Reichs-Stadt Augsburg“ über das „Stadtgrün“. Er listete zuvörderst 17 „wohlangelegte Gärten“ auf. Die riesigen privaten Parks, in denen reiche Augsburger Familien wohnten, bildeten vor der Befestigung einen grünen Kranz um Augsburg.

Die Bevölkerung konnte die vielen Biergärten und das „öffentliche Grün“ genießen: „Italiänische Pappeln, Linden, Roßkastanien, Vogelbeerbäume, auch weiße Maulbeerbäume sind rings um die Stadt in zwey und drey Reihen gesetzt und machen angenehme Spatziergänge“, erläutert Paul von Stetten 1788.

Als 1902 Karl Jung das „Stadtgrün“ beschrieb, hatte er gewaltige Verluste zu beklagen: „Die prachtvollen, altberühmten Gärten, welche reiche Patrizier sich im Mittelalter anlegten, sind nur mehr eine Sage. Nichts von ihnen hat sich bis zur Neuzeit erhalten.“ Der Grund war der ab den 1860er-Jahren herrschende Bauboom. „Ganze Bauquartiere entstanden an der Stelle der Gartengüter“, stellte der Stadtgärtner fest. Eine Ausnahme machte um 1900 die grüne Jakobervorstadt: Dort gab es nämlich 13 Gärtnereien! Ihre Pflanzflächen wandelten sich teilweise erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Baugrund.

Riesige Gärten wurden im Beethovenviertel überbaut

Um 1900 waren die Privatparks verschwunden. Im 45000 Quadratmeter großen „Wohnlich’schen Gartengut“ war ab 1891 die Diakonissenanstalt errichtet worden. Die riesigen Gärten der „Schießgrabengesellschaft“ und des „Gesellschaftsvereins Frohsinn“ wurden mit dem Beethovenviertel zwischen Königsplatz und Stettenstraße überbaut.

Gartenbauinspektor Jung war viele Jahre für die Pflege des kommunalen „Stadtgrüns“ zuständig. Dieses umfasste anno 1900 rund 37 Hektar. Ihm oblagen die öffentlichen Parks und Grünanlagen sowie das „Straßen- und Kanal-Begleitgrün“. An 33 Kilometer Stadtstraßen standen vor 120 Jahren über 10000 Bäume. Es waren in der Mehrzahl rot und weiß blühende Kastanien, daneben Eschen, Ulmen und Schwarzpappeln. „Platanen gedeihen in unserem Klima nicht“, stellte der Grünexperte fest. Kanäle wurden auf langen Abschnitten von Baumreihen begleitet. Der oberste „Stadtgärtner“ bedauerte den Verlust der großen Gartengüter und lobte gleichzeitig die Stadtpolitiker: „Die Stadt hat es nicht versäumt, den Verlust dieser Privatanlagen dadurch auszugleichen, dass sie seit Jahrzehnten bemüht war, herrliche Anlagen und Baumpflanzungen überall, wo es möglich war, zu schaffen.“ Karl Jung führt auf, was großteils unter seiner Leitung neu begrünt worden war: Der nach 1806 als Paradeplatz missbrauchte Fronhof hatte sich ab 1878 zum Park gewandelt. Die Anlage des 40000 Quadratmeter großen Stadtgartens ab 1885 und dessen Vergrößerung ab 1895 um den „Wittelsbacherpark“ plante Jung.

Voll von Rauch und Ruß

Der Grünexperte betonte die Gesundheitsvorsorge der Industriestadt für die Bewohner. Er richtete den Blick ins Textilviertel: „Selbst hier, wo Hunderttausende von Spindeln sich drehen, merkt der Spaziergänger kaum, dass über ihm die Atmosphäre mit Rauch und Ruß geschwängert ist. Das dichte Grün, das selbst Fabrikgebäude umgibt, hält diese gefährlichen Feinde von dem menschlichen Organismus fern.“ Zusammen mit anderen „gesundheitstechnischen Anlagen“ trage dies zum Ruf bei, Augsburg sei „eine der gesündesten Städte Deutschlands“.

Im Blickfeld stand zwischen 1902 und 1905 die Verbreiterung des Siebentischparks. Er verbindet die Stadt mit dem Siebentischwald. 1903 wurde der Prinzregentenbrunnen in einer großzügigen Grünanlage eingeweiht. Der Neubau der Allgemeinen Ortskrankenkasse halbierte 1929 die Grünzone. Die Verdichtung der Bebauung und der Autoverkehr forderten enormen Tribut am „Stadtgrün“.

Der Königsplatz, die Fuggerstraße und die Bahnhofstraße stehen auch aktuell im Blickfeld. 1869 erhielt der ab 1867 entstandene „Göggingerthorplatz“ den Namen „Königsplatz“. Er war eine großzügige Grünanlage. Seit 25. August 1880 plätschert unter den Bäumen Wasser in eine weite Betonschale. Ein Stadtführer rühmte damals den Königsplatz, „dessen angenehme Kühlung bietende Baumanlagen von einer üppig springenden Fontaine belebt sind“. Den Brunnen gibt es noch, doch das Grün rundum ist geschmolzen.

Hunderte alte Bäume am herrlichen Königsplatz

1902 schildert Gartenbauinspektor Karl Jung die Überraschung des Augsburg-Besuchers, „wenn ihn schon am Bahnhof frisches Grün empfängt, und wenn er durch die schattige Bahnhofstraße den herrlichen Königsplatz mit seinen Hunderten alten Bäumen und grünen Wiesenflächen betritt, von dem aus nach rechts und links breite Alleen sich hinziehen“. Er meinte die heutige Adenauerallee und die Schießgrabenstraße gegen Süden sowie die Fuggerstraße in Richtung Theater.

1939 folgte an der Fuggerstraße ein radikaler Kahlschlag: Die vier Baumreihen wurden abgeholzt, um eine 48 Meter breite Aufmarschstraße zu schaffen. Der Königsplatz stand in den 1970er-Jahren im Blickfeld: Einer Neugestaltung des Nahverkehrs-Dreiecks fielen Blumenrabatten zum Opfer. Die Proteste waren heftig. Oberbürgermeister Hans Breuer versprach damals, der Königsplatz werde nach der Fertigstellung „grüner, schöner und menschlicher“ als zuvor sein. 1981 erhielt der „neue“ Königsplatz tatsächlich den Preis des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten. Es stellt sich aktuell die Frage: Welche Rolle spielt der Königsplatz bei der Bewerbung um das Label „Stadt-Grün naturnah“?

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