Auf der Alp oder im Gefängnis: Wo liegt die Freiheit?

Auf der Alp oder im Gefängnis: Wo liegt die Freiheit?

Bild: Leonie Küthmann

Obwohl Markus Bertele jeden Sommer auf einer Alp im Allgäu verbringt, fühlt er sich kaum frei. Josef Müller dagegen glaubt, die Freiheit gefunden zu haben - im Gefängnis.

Willersalpe, auf 1456 Metern. Die Hütte liegt auf einer kleinen Ebene, auf der im Sommer die Kühe grasen, inmitten von Blumen, Fichten und dem Willersbach. Im Osten erheben sich Ponten, Zirleseck und direkt dahinter, schon in Österreich, das Gaishorn. Keine Autos, keine Strommasten, kein Lärm. Postkarten-Idylle. Wo, wenn nicht hier, sollte man sich frei fühlen?

Aber Markus Bertele fühlt sich nicht frei. Er überlegt kurz, schaut aus dem Fenster und sagt noch einmal: "Nein!" Ein freier Mensch ist wohl der, der tut, worauf er gerade Lust hat. Einer, der ungebunden ist. "Der ist wahrscheinlich frei, oder?" Bertele, 46, mit dunklem Bart und wachen Augen, trägt Funktionskleidung, darunter ein kariertes Hemd, auf dem Kopf einen Filzhut mit Kordel. Das linke Ohr ziert ein goldener Stecker, eine Kuh.

Markus Bertele verbringt jeden Sommer auf der Willersalp.
Bild: Leonie Küthmann

Eine Miniaturversion der Tiere, die man bei einem kurzen Blick aus dem Fenster sehen würde – wäre es nicht wenige Wochen nach dem Viehscheid. Markus Bertele ist Wirt der Willersalpe, einer kleinen, idyllisch gelegenen Sennalpe über dem Oberallgäuer Ostrachtal, die seiner Familie seit 20 Jahren gehört. Hier verbringt er die Sommer mit seiner Frau, seinem Sohn und einem Helfer. Und Bertele ist keiner, der jammert, sondern einer, der es schätzt, am Berg zu leben. Wieso also sagt dieser Mann, der sich auch optisch so nahtlos in das Bild der Idylle einfügt, dass er nicht frei ist?

Die Willersalpe im Allgäu: Grenzenlose Freiheit vor Bergpanorama?

Wer zur Willersalpe möchte, muss laufen. Knapp zwei Stunden geht es einen schmalen Bergweg hinauf. Eine Materialseilbahn oder eine Zufahrt gibt es nicht. Die Willersalpe ist eine der wenigen Sennalpen im Allgäu, die nur zu Fuß erreichbar sind. Lebensmittel und Material wurden bis vor zwei Jahren von Pferden nach oben transportiert. Angeführt von Markus Bertele oder einem seiner Helfer trotteten die drei Tiere den steilen Weg hinauf. Die "Rösser", wie der Hüttenwirt sie nennt, waren trittsichere Haflinger – aber eben nur bedingt belastbar. "Ein kleines Aggregat konnten die nicht heraufbringen."

Der Weg zur Willersalpe im Zeitraffer.

Das "eiserne Pferd", das Bertele mittlerweile hat, ist flexibler: Die kleine wendige Maschine mit Kettenantrieb – ähnlich einer Pistenraupe – kommt in fast jedem Gelände zurecht, auch auf den schmalen Waldwegen, die über Wurzeln und Geröll zur Willersalpe führen. "Wie eine Ameise auf einer Raupe ist die, sag’ ich immer. Man muss selber vorne herlaufen und kann dann mit einer Deichsel lenken." Die erste Fuhre Lebensmittel im Jahr kommt mit dem Hubschrauber, "alles, was nicht verderblich ist." Einmal in der Woche geht Markus Bertele ins Tal und holt frische Waren mit seinem Eisernen Pferd – ein Stück Flexibilität, das ihn ein wenig freier sein lässt.

Freiheit. Ein Wort, aufgeladen mit so viel Bedeutung. Das Lieder und Filme betitelte, amerikanische Statuen benannte und französische Statuten prägte. Aber was bezeichnet dieses Wort genau? Und was meint Kanzlerin Angela Merkel, wenn sie am Tag des Gedenkens an den Mauerfall dazu aufruft, sich für ebendiese Freiheit einzusetzen?

Wie wird Freiheit definiert?

In der modernen Geschichte jedenfalls beginnt eine Antwort darauf mit Thomas Hobbes. Er verstand Freiheit im 17. Jahrhundert als Willkürfreiheit. Danach ist ganz einfach derjenige frei, der tun kann, was er will – und von anderen nicht daran gehindert wird. Immanuel Kant aber hielt diese Freiheit für unzureichend. Er ging davon aus, dass man nicht nur durch andere, sondern auch durch sich selbst eingeschränkt sein kann. Auch derjenige handle unfrei, so der Philosoph, der spontanen Eingebungen oder Antrieben folgt.

Spontan sein kann Markus Bertele nur selten. Obwohl er keinen Chef hat und kein Smartphone, das ihn entweder rund um die Uhr erinnert, was er eigentlich noch erledigen sollte, oder ihn mit seichter Unterhaltung an den Bildschirm bindet. Denn sein Tag ist getaktet, ab sechs Uhr früh. Die 20 Milchkühe, die als Pensionsvieh auf der Willersalp den Sommer verbringen, müssen gemolken werden. Jeden Tag, auch bei Regen, auch wenn man lieber im Bett bleiben will.

Eine Stunde brauchen der Hüttenwirt und seine Helfer fürs Melken. Danach geht es "ans Käsen", parallel muss der Stall ausgemistet werden und die Gäste wollen bewirtet werden. 30 Menschen können auf der Willersalpe übernachten – im Matratzenlager. Es gibt keine Duschen, nur einen Waschraum. "Und das Wasser ist nicht nur kalt. Das ist richtig kalt", sagt Markus Bertele. Strikte Tagesabläufe, kaum Freiraum. "Die Regelmäßigkeit ist ziemlich extrem: Die Kühe sind ja da, die müssen gemolken werden, die Milch muss ja verschafft werden." Der Chef – das Vieh.

Wanderer nutzen die Willersalpe als Ausgangspunkt für lange Fußmärsche, die sie immer weiter nach oben führen, dorthin, wo die Freiheit grenzenlos sein soll. Und Markus Bertele? Bleibt unten, nimmt die Wanderer auf, verabschiedet sie – ohne einen der Gipfel zu erklimmen, wie sie es tun. Bis auf eine Ausnahme. "Einmal im Sommer gehe ich aufs Gaishorn, das kann ich mir zeitlich so wegzwicken."

Öfter wandern oder runter ins Tal? Das geht nicht. Bertele ist gebunden an diesen Ort, diesen kleinen Bergkessel. "Es könnten ja Gäste kommen und außerdem muss die Arbeit erledigt werden." Das muss der Wirt auch oft Menschen erklären, die sich für einen Sommer als Helfer auf der Willersalp bewerben – und von aufregenden Touren auf die umliegenden Gipfel träumen.

Also: Ist das noch Freiheit?

Ja, gibt Thomas Petersen zu bedenken. "Wenn er freiwillig dort oben lebt." Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Petersen seit knapp 20 Jahren mit diesem Thema. Er erklärt: "Für die Mehrheit in Deutschland steht die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit im Mittelpunkt." Eine Freiheit, die dem Einzelnen Selbstbestimmung zuspricht. Die gleichzeitig aber auch das Wohl des anderen beachtet. Heißt: Jeder soll so leben, wie er will, solange er niemandem damit schadet. Denn dann drohen Konsequenzen.

Auf der Alp oder im Gefängnis: Wo liegt die Freiheit?
Bild: Ralf Lienert (Symbolbild)

Wer verstehen will, was das heißt, muss nur Josef Müllers Geschichte nachvollziehen. Als ein Unfall sein Rückenmark zerfetzte, war er gerade 17 Jahre alt. Seither sitzt der heute 64-Jährige im Rollstuhl. Behindert habe er sich dadurch aber nie gefühlt, sagt er. Im Gegenteil, der Rollstuhl trieb Josef Müller an und brachte ihn weit. Er schaffte es zum erfolgreichen Steuerberater. Unterhielt vier Kanzleien, hatte ein Haus in Italien, dazu ein Penthouse in den USA. Er brachte es zum Honorarkonsul, Botschafter – und zum Insassen bayerischer Gefängnisse. Zum Glück, sagt er. Denn dort – am wohl unfreisten Ort auf dieser Welt – habe er sie gefunden, die eigentliche Freiheit.

Josef Müller saß mehrere Jahre im Gefängnis.
Bild: Elisa Glöckner

Fürstenfeldbruck, eine knorrige Hecke rahmt den Garten. Seit einigen Jahren wohnt Josef Müller wieder hier, in seinem Elternhaus. Das ist alles, was aus seiner Zeit als Lebemann noch übrig ist. Josef Müller sitzt im Büro. Er trägt Sakko und Bundfaltenhose, keine Krawatte. Der Mann im Rollstuhl sieht nicht aus wie jemand, der fünfeinhalb Jahre im Knast verbracht hat. Eher wie ein Politiker, der eine Wahl gewinnen muss. Lediglich die Goldkette, die durch den Hemdkragen blitzt, scheint nicht ins Bild zu passen. Damals, sagt der Sohn eines Kriminalbeamten, sei sein Problem die Gier gewesen. Die Gier nach Geld. Für ihn bedeutete das, sich die vermeintliche Freiheit kaufen zu können.

Freiheit. Ein Begriff, der zumindest Souveränität bedeutet. Festgehalten ist dieser Gedanke als "Allgemeines Persönlichkeitsrecht", wie das Bundesverfassungsgericht über den Artikel 2 des Grundgesetzes sagt. Meinungsfreiheit, Willensfreiheit, Entscheidungsfreiheit, Handlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Bildungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Vertragsfreiheit – all das sind Grundfreiheiten, die uns in Deutschland zustehen, jedenfalls auf dem Papier. Natürlich bedeutet das noch lange nicht, dass alle gleich frei sind. Und dass Freiheit von allen gleich empfunden wird.

Für Josef Müller bedeutete Freiheit damals Koks und Champagner. Er fährt einen Ferrari, in den sein Rollstuhl nicht passt. Besitzt einen schwarzen Rolls-Royce mit weißem Fahrer und einen weißen Rolls-Royce mit schwarzem Fahrer. Er verkehrt mit Rockstars und dem Adel. Mit Politikern und Unternehmern. Josef Müller, ein Auswurf der Schickeria, bilderbuchecht.

Josef Müller, Ex-Häftling
Video: Elisa Glöckner

Dann rutscht er in die Illegalität. Ein Amerikaner, den er kennenlernt, entpuppt sich als Mafia-Boss. Für ihn hat Josef Müller Millionen nach Deutschland geschleppt und sie an der Börse verzockt. 1994 wird der Mann aus Fürstenfeldbruck wegen Bankrotts, Konkursverschleppung, Kreditbetrugs, Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt. Weil er im Rollstuhl sitzt, findet sich für ihn aber kein Platz in einer Haftanstalt. Josef Müller bleibt frei und dem Geld treu. Von seinen Mandanten lässt er sich Darlehen geben, die er nicht zurückzahlen kann. 2007 kommt die Rechnung: Für millionenschweren Anlagebetrug kassiert der Mann im Rollstuhl fünfeinhalb Jahre. Diesmal wirklich, denn das Gefängnis in Stadelheim hat aufgerüstet – behindertengerecht.

Ist Freiheitsentzug das Gegenteil von Freiheit?

Wenn Freiheit bedeutet, über sich selbst bestimmen zu können, bedeutet Freiheitsentzug dann das Gegenteil? Ja und nein. Sollte der Staat seinen Bürgern etwas verbieten oder sie zu etwas zwingen wollen, dann geht das nur, wenn konkrete Rechte anderer Bürger verletzt werden. Kriminelle dürfen dann verhaftet, psychisch Kranke eingewiesen, Menschen wie Josef Müller bestraft werden. Wie aber fühlt sich das an? "Am ersten Tag geht die Tür zu. Aber diese Tür hat von innen keine Klinke", schildert Josef Müller. Eingesperrt fühlt er sich, macht- und würdelos. "Was, wenn ein Feuer ausbricht? Vergessen sie dich? Ich war komplett meiner Selbstbestimmung beraubt."

Die ersten Tage seien schlimm gewesen, räumt er ein. Das aber änderte sich bald. "Es war irgendwann wie Urlaub." Der Mann, der Finanzjongleur, der an seiner Gier so gnadenlos gescheitert war, hatte Zeit nachzudenken. Zeit zu reflektieren und zu beten. Josef Müller fand die Freiheit im Glauben. Hinter Gittern.

Markus Bertele tritt vor die Hütte, eine Brotzeitplatte in der Hand. An den Holztischen sitzen Wanderer in der Herbstsonne, die sich auf den Bergkäse von der Willersalp freuen. Manche knipsen Fotos von dieser Postkarten-Idylle. Vom Ponten, Zirleseck und Gaishorn. Der Hüttenwirt mustert die Gäste, schaut auf die Bergkette vor ihm. Ein leichtes Lächeln huscht ihm übers Gesicht. Er sagt: "Vielleicht bin ich doch freier, als ich denke."

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Sieben Nachwuchsjournalisten haben sich auf die Suche nach der "Freiheit" gemacht und sagen im Video, was sie unter dem Begriff verstehen.
Video: Axel Hechelmann
Leonie Küthmann Elisa-Madeleine Glöckner