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Thema "Freiheit"

17.11.2019

Die Münchener Freiheit im Interview: "Wir haben die maximale Freiheit"

Die "Münchener Freiheit" mit Frontmann Tim Wilhelm (links) und Bassist Michael "Micha" Kunzi.
Foto: Hendrik Schmidt, dpa

Plus "Solang man Träume noch leben kann": Welche Träume hat die "Münchener Freiheit"? Michael Kunzi und Tim Wilhelm im Gespräch über Freiheit, Schlager und die Hits der 80er.

Die Münchener Freiheit tourt wieder durch Deutschland und macht Halt im "Spectrum" in Augsburg. Mit dabei: viel  Technik und Equipment, und dazu noch Hund Seppi, das Band-Maskottchen. Wie viel Freiheit bietet das Tourleben, unterwegs im Tourbus?

Michael Kunzi: Da wir bald 40 Jahre gemeinsam unterwegs sind, haben wir im Laufe der Zeit eine unglaubliche Toleranz füreinander entwickelt. Es ist klar: Jeder muss seine Freiheiten haben. Einer ist Kettenraucher, der andere hat einen Hund.

Tim Wilhelm: Und natürlich darf der Kettenraucher im Tourbus mitfahren, wohingegen der mit dem Hund separat fährt. (lacht)

Kunzi: Weil der Kettenraucher eine Hundeallergie hat.

Wilhelm: Ganz logisch. Prost! (Sie stoßen mit ihren Bierflaschen an.) Uns ist Teamwork wichtig. Da ich weiß, dass unser Schlagzeuger Rennie eine Hundehaarallergie hat, will ich ihm das nicht zumuten. Denn: Was nutzt der beste Schlagzeuger, wenn man seine schönen Augen nicht sieht, weil sie zugequollen sind?

Kunzi: Oder wenn er keine Luft kriegt beim Schlagzeug spielen.

Wilhelm: Das wäre suboptimal.

Wann hat es denn auf sich, mit dem Namen Münchener Freiheit?

Kunzi: Die Münchener Freiheit, der Platz, hat uns in den 80er-Jahren beschäftig und begleitet. Da haben wir alle in Schwabing gewohnt, als wir alle noch Singles waren. Auch das Café "Münchener Freiheit" war ein Treffpunkt für uns. Der Platz an sich hat aber vor allem einen politischen Hintergrund. Er ist benannt nach der Widerstandsgruppe, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs dazu aufrief, die Naziherrschaft zu beenden. Und später, in den 60er-Jahren, hat an diesem Platz auch die Bohème gelebt. Das ist der eigentliche Grund, warum wir diesen Namen gewählt haben.

In den 80er-Jahren schrieben sie ihre größten Hits - und so sieht die Münchener Freiheit heute aus, mit Sänger Tim Wilhelm (2. von links) als Frontmann.
Foto: Münchener Freiheit

Die Münchener Freiheit hat unglaublich viele Ohrwürmer produziert."Ohne dich" und "Tausendmal Du" laufen auch Jahrzehnte später bei großen Radiosendern und in jeder Dorfdisco. Sie haben treue Fans, das Spectrum ist ausverkauft. Spüren Sie einen großen Erwartungsdruck? Schränkt das vielleicht sogar Ihre Freiheit ein?

Kunzi: Wir haben ein eigenes Label, wir produzieren selbst, wir schreiben selbst, wir sind autark in unserem Business. Wir haben die maximale Freiheit, das kann man einfach mal so feststellen. Was aber eine große Rolle spielt, ist der Sound, den wir kreiert haben und für den wir bekannt sind. Den will das Publikum hören. Die Münchener Freiheit kann nicht heute mal Hip-Hop machen und morgen Reggae. Aber wir arrangieren unsere Songs so, dass sie zeitgemäß klingen. Heute hast du ja allein schon andere Sounds und Klänge als vor 40 Jahren.

Wilhelm: Freiheit bedeutet für uns, dass wir zwischen Stilen und Klängen changieren können. Wir spielen Songs live immer wieder anders als auf Platte. Und es gibt viele Fans, die sagen: Ihr hört euch jetzt wieder an wie Anfang der 80er.

Die Münchener Freiheit ist für manche Schlager, für andere Pop. Engen solche Schubladen ein?

Kunzi: Was in den 80er-Jahren Popmusik war, ist heute Schlager. Nicht wegen der Musik, die wir machen, sondern aufgrund der Texte. Wir singen über Gefühle, meistens Liebe, und das soll die Leute berühren. Das hat uns schon in den 80er-Jahren eine Frauen-Fanquote von mehr als 50 Prozent beschert. Und das hat sich bis heute nicht verändert. Wir spielen gerade wieder viele Schlagerevents, da bringen wir schon eher eine besondere Klangfarbe in das ganze Spiel. Wir selbst können mit Schubladen aber herzlich wenig anfangen.

2012 kamen Sie, Tim, als neue Stimme zur Münchener Freiheit. Da war die Band schon seit 30 Jahren bekannt. Wie sehr mussten Sie sich anpassen?

Wilhelm: Es ist vollkommen klar, dass man versucht, sich einzufinden, wenn man in so ein gestandenes Ensemble eintritt. Ich habe da zwei Seiten. Einerseits bin ich nicht gerade ein introvertierter Typ. Wäre ich nicht eine Rampensau, dann wäre ich in diesem Beruf auch falsch. Ich liebe es, zu unterhalten, und zwar vollkommen unabhängig von Genre- und Altersgrenzen. Ich habe jahrelang Musik für Kinder gemacht – und das war für mich die beste Schule. Wenn es ihnen nicht gefällt, drehen sich die Kinder einfach um und gehen. Andererseits bin ich aber ein absoluter Teamplayer.

Kunzi: Wir hatten unseren ersten Auftritt mit Tim genau hier, im Spectrum. Wir hatten zuvor weniger als sechs Wochen Zeit, die ganzen alten Hits gemeinsam mit Tim einzuüben. Wir wussten: Wenn wir hier auftreten, dann erwarten die Leute natürlich unsere alten Hits. Da war die Zeit knapp.

Wilhelm: Ja, für Schnickschnack war keine Zeit. So liebe ich das aber auch. Das habe ich mit "Rampensau" gemeint. In einem Club wie hier, vor kleinerer Kulisse, da muss ich mutig sein und einfach Lust auf das haben, was ich tue. Sonst merkt es jeder Fan, der vor mir steht. Darin liegt der Reiz, deshalb liebe ich solche Auftritte.

"Ohne dich (schlaf ich heut Nacht nicht ein)" katapultierte die Münchener Freiheit 1985 an die Chart-Spitze: Platz zwei in Deutschland, Platz eins in Österreich und der Schweiz.

Sie beide kommen aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen – und es liegen ein paar Lebensjahre zwischen euch. Tim hat eine klassische Gesangsausbildung, singt auch Musical. Michael nennt die Beatles und die Stones als wichtigen Einfluss. Wie war der Moment, an dem Sie beschlossen haben: Ich nehme mir die Freiheit und werde Musiker?

Kunzi: Es zieht sich für mich wie ein roter Faden durch mein Leben. Du fängst mit sechs Jahren an Instrumente zu spielen, Klavierunterricht, dann mit zehn Gitarre. Ich war immer derjenige in der Schulklasse, der in der Pause seine kleine Wandergitarre dabei hatte und gespielt hat. Damals noch Bob Dylan. Dann habe ich meine erste Schülerband gegründet mit meinem Bruder. Wahnsinn. Ich könnte mir die Sachen heute nicht mehr anhören, die waren grottenschlecht. Aber es ging weiter und ich wurde immer besser. Dann hatte ich meine ersten Bands in München, bis ich zur Münchner Freiheit kam. Ich habe eine Ausbildung gemacht als Kaufmann, war auch im Zivildienst. Danach habe ich aber eigentlich nur noch gejobbt, auch in einem Plattenladen, und geguckt, dass ich in der Musik weiterkomme. Aber als Autodidakt. Ich habe das nicht studiert, so wie Tim.

Wilhelm: Ich habe aber auch sofort abgebrochen, als ich das erste Engagement hatte. Übrigens war das auch hier in Augsburg. Da habe ich unter der Regie von Sebastian Seidel in Schillers "Die Räuber" gespielt.

Gab es diesen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Von meiner Musik kann ich leben?

Kunzi: Bei der Münchener Freiheit haben wir anfangs getourt, was das Zeug hält und unsere Techniker haben damals zum Teil mehr verdient als wir auf der Bühne. Was übrig blieb, blieb für uns und das war manchmal sehr wenig. Und dann musste ich mir auch noch Bass-Seiten von diesem Geld kaufen, die sind teuer. Es war nicht einfach.

Wilhelm: Das mag vielleicht für manche Leute wie ein Widerspruch klingen, aber das ist doch das Schönste, wenn man etwas hat, um das man kämpft. Der Altersunterschied zwischen mir und Micha beträgt zwar ein paar Jährchen, aber die Gemeinsamkeiten sind viel größer. Meine Familie war anfangs auch nicht glücklich über meine Berufswahl, weil sie sehr akademisch geprägt ist. Ich hatte aber Glück, dass mir das Abi keine Schwierigkeiten bereitet hat. Ich hatte im letzten Schuljahr 69 Fehltage, weil ich mit meiner damaligen Band in einem deutschlandweiten Wettbewerb unterwegs war - und es ging trotzdem gut. Trotzdem war die Erwartungshaltung meiner Familie: Bewahr' dir die Musik als schönes Hobby, werde Anwalt oder wenn’s schlimm kommt Lehrer. Dann hast du wenigstens eine gesicherte "Armut". (lacht) Für mich gab es aber nie eine Alternative zur Musik. Ich hatte das große Glück, dass ich durch meinen Großvater einen sehr guten Zugang zum Festspielhaus Bayreuth hatte, weil er dort gesungen hat. Sogar Karajan hat mal für eine kurze Zeit bei ihm gewohnt. Den habe ich zwar nie kennengelernt, aber ich hatte die Möglichkeit, in Bayreuth Proben mitzuerleben. Das zu erleben war unglaublich kostbar – und manches davon habe ich später studiert.

Ein Songzitat aus Ihrem Repertoire: "Unterwegs in die Freiheit, kommst du alleine nicht weiter." Stimmt das?

Kunzi: Volle Zustimmung, auf jeden Fall. Teamwork.

Wilhelm: Du kommst allein vielleicht sogar weit im Leben. Aber macht das Spaß auf Dauer? Es muss in jedem Team zwar Leute geben, die ihr Gesicht in den Wind halten. Aber: Nur gemeinsam geht’s.

Dieses Bild hat manch einer vielleicht noch vor Augen, wenn er an die "Münchener Freiheit" denkt: Jahrelang war Stefan Zauner (2. von rechts) die Stimme der "Münchener Freiheit".
Foto: dpa

Zeit für eine Entscheidungsfrage. Was ist die ultimative Freiheitshymne: Westernhagen "Freiheit", Scorpions "Wind of Change" – oder Hasselhoff "I’ve been looking for freedom"?

Wilhelm: Hasselhoff! (Er lacht und singt mit knödelnder Stimme:) "I’ve been looking for freedom".

Kunzi: Das meint er nicht ernst.

Wilhelm: Okay. "Paradise City", Guns n’ Roses. Also keiner der genannten.

Kunzi: Von diesen dreien ist es für mich "Freiheit". Der Song fand beim Mauerfall vor 30 Jahren zum rechten Zeitpunkt zum rechten Ort. Ich bin persönlich aber kein großer Westernhagen-Fan und auch "Wind of change" ist nicht so mein Ding.

Wilhelm: Ich würde einen anderen Song vorschlagen: "Was ist Freiheit?" Das Lied haben wir beide gemeinsam geschrieben. Das ist ein Song, hinter dem wir beide total stehen und der viel ausdrückt, auch Mut zur Schwäche. "Sind manche Werte vielleicht verkehrte?" – das "vielleicht" darin sagt viel.

So klingt die Münchener Freiheit heute: Das ist das Video zum Song "Schwerelos".

Wenn Sie frei wählen könnten: Mit wem würden Sie gerne einmal  auf Tournee gehen?

Wilhelm: Hat man danach Urlaub? Das ist ja ein entscheidender Aspekt. Wenn ich mit Johnny Depp und Kollegen unterwegs wäre, worauf ich Bock hätte, dann wäre danach vielleicht erst einmal ein Monat Erholung nötig.

Kunzi: Diejenigen, die ich gerne kennengelernt hätte, die leben fast alle nicht mehr. Ich fand die Beatles unfassbar genial. Aber man muss einfach feststellen: Diese Zeit ist vorbei.

"Solang man Träume noch leben kann": Welchen Traum wollen Sie unbedingt einmal ausleben?

Kunzi: Wir leben unseren Traum, wir leben tatsächlich diese Phrase. Das ist ja der Witz. Ich bin so demütigt, dass es für mich funktioniert hat, ein Leben lang Musiker zu sein und vor allem auch davon leben zu können. Dass ich das immer noch machen darf, auch im gesetzteren Alter, im Hauptberuf. Das ist das Größte, was mir passieren konnte und damit ist eigentlich alles gesagt.

Tim Wilhelm (rechts) und Michael Kunzi von der Münchener Freiheit im Gespräch mit Volontärin Veronika Lintner. Zu Füßen: Tim Wilhelms Hund, Bandmaskottchen Seppi.
Foto: Münchener Freiheit

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