1. Startseite
  2. Specials Redaktion
  3. Freiheit
  4. Neurobiologe: Warum der Mensch keinen freien Willen hat

Thema "Freiheit"

15.11.2019

Neurobiologe: Warum der Mensch keinen freien Willen hat

Das Gehirn steuert alle "freien" Entscheidungen, sagt Wolf Singer.
Bild: imago/Science Photo Library

Neurobiologie Wolf Singer erklärt, warum der Mensch keinen freien Willen besitzt und was für ihn aus dieser Erkenntnis folgt.

Als Neurobiologe ist Wolf Singer überzeugt, dass es keine Willensfreiheit gibt. Er geht davon aus, dass alle geistigen Vorgänge – zum Beispiel Wahrnehmen oder Entscheiden – Funktionen im Gehirn sind, die auf neuronalen Prozessen beruhen. Das sind im Grunde Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Nervenzellen, also den Neuronen, von denen jeder Mensch etwa 100 Milliarden im Gehirn hat. "Diese Wechselwirkungen können wir anhand von physikalischen und chemischen Regeln erklären", sagt Singer. Sie gehorchen alle den Naturgesetzen und dem Kausal-Prinzip. "Das bedeutet, es gibt für alles, was im Gehirn passiert, eine Ursache. Die Prozesse im Gehirn passieren nicht einfach aus dem Nichts heraus."

Das Gehirn steuert alle "freien" Entscheidungen

Diese Milliarden Nervenzellen im Gehirn sind immer aktiv und sind auf bestimmte Art und Weise miteinander verknüpft – und interagieren miteinander, wenn im Gehirn Prozesse ablaufen. Zum Beispiel, wenn das Gehirn eine Entscheidung treffen soll. Jeder einzelne Vorgang und jede Reaktion in den Nervenzellen gehorchen den Naturgesetzen und sind kausal bedingt. Das Gehirn trifft also eine Entscheidung auf Basis von physikalischen und chemischen Vorgängen. Deshalb muss laut Singer am Schluss eine Entscheidung herauskommen, die entsprechend der organischen Bedingungen im Gehirn am wahrscheinlichsten ist. Und nicht das, was man aus freien Stücken machen will. "Selbst wenn Sie ein Trotzkopf sind und etwas entscheiden, was anderen aufstößt", erklärt Singer, "dann ist das die Folge der Bedingungen, unter denen Sie entschieden haben. Sie sind nun mal ein Trotzkopf, Ihr Gehirn ist eben so aufgebaut."

Wolf Singer ist als Neurobiologe überzeugt, dass der Menschen keinen freien Willen hat.
Bild: FIAS Frankfurt

Für den Menschen erscheint es laut Singer natürlich so, dass er in seiner Entscheidung frei war. "Solange mich niemand gezwungen oder mir gedroht hat, habe ich natürlich das Gefühl, ich habe frei gewählt." Doch das habe nichts mit Willensfreiheit zu tun. "Jede Entscheidung ist die Folge von neuronalen Wechselwirkungen. Aufgrund von physikalischen und chemischen Vorgängen im Gehirn musste es so passieren, dass man selbst zu dieser bestimmten Entscheidung gekommen ist."

Wolf Singer: Der Mensch verliert nichts von seiner Würde

Viele Kritiker von Wolf Singer argumentieren, dass der Mensch nicht mehr für seine Taten verantwortlich gemacht werden könne. Weil er nicht frei ist – im Sinne, dass er beliebig entscheiden kann – und deshalb schuldunfähig ist. "Doch das ist für Wolf Singer ein Fehlschluss. Die Verantwortlichkeit für das, was Sie tun, haben Sie. Denn Sie haben entschieden und gehandelt – niemand sonst." Und das sei auch gut so. "Denn wir sind als Individuen in uns geschlossen und handeln so, wie uns das möglich ist." Anders ist es, wenn das Gehirn zum Beispiel nicht gesund ist und eine falsche Entscheidung trifft, weil zum Beispiel ein Tumor die Prozesse im Gehirn beeinflusst. "Dann trägt der Mensch nicht die volle Verantwortung. Er bekommt mildernde Umstände oder wird als schuldunfähig eingestuft."

Ein Punkt ist Hirnforscher Wolf Singer darüber hinaus besonders wichtig: "Der Umstand, dass man Entscheidungsprozesse auf neuronale Prozesse im Gehirn zurückführt, nimmt dem Menschen nichts von seiner Würde. Wir sind schließlich keine Automaten."

Der Neurobiologe glaubt vielmehr, dass dieses Verständnis von Willensfreiheit zu einer Humanisierung in der Rechtsprechung und in der Gesellschaft führen kann. "Ich glaube, man kann so unverkrampfter mit sich umgehen und lernen, sich selbst besser anzunehmen und zu schätzen."

Lesen Sie dazu auch die gegenteilige Meinung: Philosophie: Warum der Mensch einen freien Willen hat

"Freiheit": Alle Geschichten zum Schwerpunkt-Thema finden Sie hier

Sieben Nachwuchsjournalisten haben sich auf die Suche nach der "Freiheit" gemacht und sagen im Video, was sie unter dem Begriff verstehen.
Video: Axel Hechelmann
Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

17.11.2019

Ich denke, dass es viele Bereiche gibt, bei denen Menschen handeln ohne dieses Handeln bewusst auszulösen. Wer könnte aufrecht gehen, wenn er erst alle seine Muskeln, die dazu notwendig sind, zum richtigen Zeitpunkt aktivieren müsste? Fahrradfahren oder ein Auto zu steuern wären auch nicht möglich. Wir können unser neuronales Netzwerk im Gehirn, im Rückenmark und an den Nervensträngen mehr oder weniger bewusst konditionieren, um damit ohne spätere Willensentscheidung schnell handeln, bzw. reagieren zu können. Somit sind Handlungen möglich, die uns erst nach der Handlung bewusst werden, indem wir sie beobachten. Täglich können wir bei uns viele derartige Handlungen feststellen und Tests haben nachgewiesen, dass bestimmte Handlungen erst nachdem sie erfolgt sind, uns bewusst werden.
Daraus zu folgern, dass es keinen freien Willen gibt, weil wir in bestimmten Situationen ohne vorhergehenden Willen handeln, greift meines Erachtens zu kurz, denn wir können unser neuronales Netzwerk konditionieren, d.h. wir können lernen. Da wir beobachten, wie wir in gewissen Situationen reagieren oder reagieren würden, können wir uns unser Verhalten bewusst machen und unter dem Abwägen der Folgen des vorprogrammierten Verhaltens darauf einwirken, dieses anders zu konditionieren. Anders ausgedrückt, wir können lernen. Man muss sich so konditionieren, dass die „Hand nicht mehr ausrutscht“, wenn man eine Bestrafung verhindern, bzw. in einer harmonische Partnerschaft leben will. Unser neuronales Netzwerk lässt sehr wohl Entscheidungen zu, um Schmerzen zu vermeiden und Glück zu genießen.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren