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Thema "Freiheit"

16.11.2019

Oma, Mutter und Tochter erzählen, was Freiheit für ihre Generation bedeutet

Drei Generationen erzählen (v.l.): Enkelin Laura Bucher, Tochter Andrea Hertrampf und Großmutter Irmgard Brückmann.
Bild: Elisa-Madeleine Glöckner

Plus Drei Frauen, drei Generationen, eine Familie – worin gleichen sie sich, was unterscheidet sie? Oma, Mutter und Tochter aus dem Unterallgäu erzählen.

Ein Wohnzimmer im Unterallgäu, Türkheim. Moderne Sessel in Weiß, an der Wand ein antikes Gemälde, dunkle Holzvertäfelung. Hier lebt Irmgard Brückmann, 76. Tochter Andrea Hertrampf, 47, und Enkelin Laura Bucher, 22, wohnen nicht weit weg. Für uns sitzen sie heute auf einem Sofa. Sie stammen aus drei Generationen, repräsentieren das Bild der Frau und deren Freiheit zu unterschiedlichen Zeiten. Oder? Ein Familiengespräch.

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Irmgard, Sie sind in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Was ist Freiheit für Sie persönlich?

Irmgard: Dass ich in einem Land leben kann, in dem man keine Bedenken haben muss, was man sagt oder denkt. Meine Eltern haben mir erzählt, wie vorsichtig man im Nationalsozialismus sein musste – weil überall Spitzel waren.

Andrea: Als ich klein war, hat meine Mutter mir erzählt, dass es für sie das Schönste war, nach der Volljährigkeit aus Türkheim wegzuziehen. Davor ist sie ja nirgendwo anders hingekommen. Ich dagegen war schon mit drei Jahren in Amerika. Das ist ein riesiger Unterschied.

Irmgard: Ich hatte Fernweh! In meiner Kindheit war es finanziell aber nicht möglich, zu reisen.

Für Sie, Irmgard, lag die Freiheit also außerhalb von Türkheim. Wie war das bei Ihnen, Andrea, eine Generation später?

Andrea: Wir konnten viel reisen, aber ich wollte nicht weg. Die Mama wollte mich immer als Au-Pair-Mädchen nach England schicken, aber ich wollte nicht. Mir hat es gereicht, in den Urlaub nach Italien zu fahren.

War es für Sie also eine Form von Freiheit, zu sagen: Ich möchte das nicht?

Andrea: Genau, ich wollte selber entscheiden.

Ihre Mutter wollte dagegen schon immer weg, konnte es aber zunächst nicht. Wie haben Sie es dann geschafft, sich Freiheiten zu nehmen, Irmgard?

Irmgard: Mein Cousin war Rechtsanwalt in München. Ich habe ihn gefragt, ob ich da ins Büro kann. Das war meine einzige Möglichkeit. Ich habe dann in einem katholischen Heim gewohnt, da musste ich um elf Uhr abends einpassieren – aber das war mir egal. Hauptsache, ich konnte mal ins Theater gehen.

Andrea: Meine Mutter ist unheimlich wissbegierig. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie eine höhere Schule besuchen wollte, es aber nie konnte.

Irmgard: Ähnlich war es mit dem Reisen. Es macht eben etwas aus, wenn man das in der Kindheit vermisst hat. Bei meiner Tochter und meiner Enkelin war das anders: Ich finde es schön, dass sie sich aussuchen können, wohin sie fahren.

Laura, stimmen Sie Ihrer Großmutter da zu?

Laura: Auf jeden Fall. In meiner Kindheit haben wir viel draußen gespielt – Mama hat zwar gesagt, wann ich daheim sein soll. Sonst aber konnte ich machen, was ich wollte.

Andrea: Ich wusste allerdings schon, wo du bist!

Laura: Trotzdem war ich damals selbstständig. Bei Kindern heutzutage ist das nicht immer der Fall.

Konnten Sie sich denn auch beruflich frei entfalten?

Laura: Schon in der Grundschule habe ich gesagt, dass ich gerne auf die Realschule möchte. Dagegen sind meine Freundinnen alle aufs Gymnasium gegangen. Ich habe während der Schulzeit Praktika gemacht und wusste dann recht schnell, dass ich Krankenschwester werden möchte.

Laura Bucher, Andrea Hertrampf und Irmgard Brückmann.
Bild: Elisa-Madeleine Glöckner

Andrea, wie wichtig war Ihnen die freie Berufswahl?

Andrea: Sehr, weil ich immer unabhängig sein wollte. Wichtig war mir aber auch die Vereinbarkeit mit der Familie. Auch ich habe eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, dann aber meinen Mann kennengelernt und Kinder bekommen – mit 22, so alt wie Laura jetzt ist.

Und wie ging es weiter?

Andrea: Mein Mann ist Fahrlehrer. Nach der Geburt der Kinder haben wir uns selbstständig gemacht. Ich habe im Büro gearbeitet und nebenbei geputzt.

Heute sind Sie 47 und arbeiten wieder als Krankenschwester. Wie kam es dazu?

Andrea: Mit 40 dachte ich mir: Falls etwas mit meinem Mann ist und ich zum Alleinverdiener würde, sollte ich mich jetzt noch einmal beruflich absichern. Also bin ich in den ambulanten Pflegedienst gegangen.

Das bedeutet, dass es Ihnen wichtig ist, finanziell unabhängig zu sein?

Andrea: Genau. Ich will mit meinen Freundinnen wegfahren können, ohne meinen Mann nach Geld fragen zu müssen.

Laura: Mein Mann und ich arbeiten auch beide Vollzeit, jeder hat sein eigenes Konto und wir führen zusätzlich ein gemeinsames.

Heutzutage ist das ja fast schon selbstverständlich – genauso wie der Führerschein. War das in Ihrer Jugend ein Thema, Irmgard?

Irmgard: Ich wollte nie einen Führerschein machen. Heute ist das selbstverständlich.

Mittlerweile fahren Sie aber auch Auto.

Irmgard: Ich habe mit 30 Jahren den Führerschein gemacht. Mein Mann hat lange auf mich eingeredet. Damals war es in unserer Generation noch nicht üblich, dass Frauen Auto fahren. Aber als ich es konnte, war ich irre stolz.

Andrea: Und jetzt wäre es das Schrecklichste für dich, wenn du keinen Führerschein hättest.

Irmgard: Hier auf dem Land ist es eine große Freiheit, wenn man den Führerschein hat und vielleicht sogar ein eigenes Auto. Darüber bin ich sehr glücklich.

 

Andrea, war bei Ihnen von vornherein klar, dass Sie den Führerschein machen?

Andrea: Ich kenne bei uns im Ort keinen Einzigen, der damals nicht mit Punkt 18 gefahren wäre – im Gegensatz zu heute.

Sehen Sie das auch so, Laura?

Laura: Ich kann Leute nicht verstehen, die erst mit 28 den Führerschein machen. Ich würde durchdrehen, wenn ich nur einen Monat keinen hätte. Ich habe damals gleich das Begleitete Fahren mit 17 gemacht, dass ich dann mit 18 startklar bin.

Andrea, Sie stehen zwischen den Generationen – wo sehen Sie große Unterschiede?

Andrea: Wenn man zum Beispiel an das Internet denkt: Als ich klein war, gab es das noch nicht. Für die Generation meiner Mutter muss diese Entwicklung noch krasser gewesen sein. Plötzlich steht die ganze Welt mit einem Wisch offen.

Wie war diese virtuelle Freiheit für Sie, Irmgard?

Irmgard: Überhaupt nicht schlimm, auch weil mein Mann sich sehr gut auskennt. Ich besitze ein Handy, außerdem habe ich ein Tablet geschenkt bekommen. Was man da alles herholen kann!

Andrea: Jetzt sitzt sie oft vor dem Bildschirm und fragt Dinge wie: "Siri, wann ist Heinrich Böll geboren?"

Laura, was war aus Ihrer Sicht die größte Umwälzung für Frauen seit der Zeit, in der Ihre Großmutter jung war?

Laura: Die Kleiderordnung. Dass man Hosen anziehen darf, war früher Männern vorbehalten. Überhaupt war die Stellung der Frau eine ganz andere.

Irmgard: Damals haben Männer ja nicht einmal Kinderwagen geschoben.

Andrea: Auch deshalb kam für mich nichts anderes infrage, als ein Mann, der im Haushalt hilft. Mein Mann kann zum Beispiel Schweinsbraten mit Knödeln am besten.

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