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Thema "Freiheit"

15.11.2019

Philosoph: Warum der Mensch einen freien Willen hat

Was ist der Unterschied zwischen Handlungs- und Willensfreiheit? Eine Frage, die Thomas Buchheim beschäftigt.
Bild: imago/Science Photo Library

Philosophie-Professor Thomas Buchheim erklärt, warum der Mensch einen freien Willen hat und welche Konsequenzen daraus folgen.

Thomas Buchheim ist als Philosophieprofessor davon überzeugt, dass der Mensch einen freien Willen besitzt. Wer sich philosophisch mit dem Thema Willensfreiheit auseinandersetzt, muss sich laut Buchheim zuerst mit dem Begriff der Zurechenbarkeit oder der moralischen Verantwortlichkeit beschäftigen. "Es bedeutet, dass man für das, was man tut, moralisch verantwortlich ist und für seine Taten im guten wie im schlechten Sinne die Konsequenzen tragen muss."

Was ist der Unterschied zwischen Handlungs- und Willensfreiheit?

Diese Theorie reicht zurück bis in die Antike. Im Laufe der Geschichte setzten sich viele Philosophen mit der Willensfreiheit auseinander, darunter Aristoteles, Augustinus und Immanuel Kant. "Kant ist bis heute das große Vorbild, dessen Einfluss bis in die Gegenwart ausstrahlt", erklärt Buchheim, "er hat den Ausdruck der Zurechenbarkeit geprägt."

Philosophieprofessor Thomas Buchheim erklärt, warum der Mensch einen freien Willen hat.
Bild: LMU München

Immanuel Kant verlangt für eben diese Zurechenbarkeit, dass der Mensch die Möglichkeit besitzt, sich von sich aus zu dem, was man "soll" und was Kant das "Sittengesetz" nennt, zu bekennen oder sich dagegen zu wenden. Um moralisch verantwortlich gemacht zu werden, setzt Kant den freien Willen voraus. "Beim Thema Freiheit treffen wir in der Philosophie zwei Unterscheidungen", erklärt der Buchheim, "und zwar Handlungs- und die Willensfreiheit."

Thomas Buchheim: Freiheit bedeutet auch immer Risiko

Handlungsfreiheit ist laut Buchheim die Grundlage für das, was wir Liberalität nennen, also liberale Verhältnisse in Ethik, im Staat und in der Politik. "Handlungsfreiheit definieren wir gewöhnlich als tun können, was man will." Jeder Mensch ist mehr oder weniger handlungsfrei. Jemand, der gesund und vermögend ist, ist handlungsfreier als jemand, der krank ist oder im Gefängnis sitzt. "Trotzdem kann in einem liberalen System jeder Mensch unter gewissen Umständen das tun, was er will."

In der Philosophie lautet die Definition von Willensfreiheit deshalb "wollen können, was man soll". Denn die Aussage "wollen können, was man will" läuft auf eine unsinnige Doppelung des Wollen-wollens hinaus. "Das Soll, das wir wollen können, ist nicht immer dasselbe, sondern drückt die geltenden Normen in einem Kontext aus, in dem ein Mensch etwas tun will." Denn niemand handelt für sich allein, es gibt immer soziale Zusammenhänge und Gegebenheiten, an die man gebunden ist und die einen Menschen beeinflussen. Es gibt Regeln, die man befolgen, aber genauso auch brechen kann.

"Wichtig ist für diese Definition, dass diese Regeln etwas sind, das man wollen können muss", sagt Thomas Buchheim. Man müsse sowohl beim Handeln als auch beim Wollen die körperliche Gesundheit berücksichtigen. "Wenn man zum Beispiel durch eine psychische Krankheit verhindert ist, etwas zu wollen, kann man nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden." So steht es zum Beispiel in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1952. Darin heißt es, dass ein Täter nur dann eine vorwerfbare Schuld hat, wenn er sich nicht rechtmäßig verhalten hat, obwohl er sich für das Recht hätte entscheiden können.

"In diesem Zusammenhang ist mir eines wichtig", sagt Buchheim: "Man muss sich bewusst machen, dass Freiheit für den Menschen auch immer Risiko bedeutet. Freiheit ist keine einfache oder bequeme Angelegenheit." Für jede Handlung könne es jederzeit unliebsame Folgen geben, für die man – wenn man von einem eigenen freien Willen überzeugt ist – auch jederzeit die Verantwortung übernehmen müsse. "Aber ich habe das Gefühl, dass immer mehr Menschen aus Angst vor den Konsequenzen der Willensfreiheit zurückschrecken."

Lesen Sie dazu auch die gegenteilige Meinung: Neurobiologie: Warum der Mensch keinen freien Willen hat

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