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Unser 5. Tag
30.08.2017

Kriegshaber, aus dem Korsett befreit

14 Bilder

Was Augsburgs oberster Stadtplaner uns zur Dynamik des Stadtteils sagt, was unsere Gäste künstlerisch umtreibt und wie man es schafft, 1100 Objekte auf 33 Quadratmetern auszustellen

Norbert Diener spricht von einer „Riesenchance“, er spricht von „dynamischer Veränderung“ und der „Befreiung aus einem Korsett“. So hört sich das an, wenn der Leiter des Augsburger Stadtplanungsamtes über ein Projekt redet, das bundesweit ohne Beispiel ist – die Entwicklung des Stadtteils Kriegshaber. Diener, begleitet von seinem Kriegshaber-Fachmann Markus Michl, sitzt am fünften Dienstag unserer Sommerserie „Kultur aus der Ulmer Straße“ draußen an unserem mobilen Schreibtisch und erläutert, wie sein Amt sich die Zukunft Kriegshabers vorstellt. Umringt ist er von Dutzenden aufmerksamer Zuhörer – ein Kolloquium unter freiem Himmel. Und wenn man so will, ist dies auch eine Fortsetzung der Bürgerbeteiligung, die es beim „Stadtumbau Kriegshaber“ von Anfang an gegeben hat.

„Seit 2011 über 23 000 Einwohner mehr in Augsburg, auf dem Reese-Areal 1000 neue Wohneinheiten, Millionen Euro Städtebauförderung für Kriegshaber, ein vier Kilometer langer Grünzug …“ Während Norbert Diener mit Zahlen und Daten jene Dynamik und „Schübe“ verdeutlicht, mit der Kriegshaber sich nach Abzug der Amerikaner und mit der Perspektive Uniklinik verändert, fährt rumpelnd die Linie 2 vorbei, telefoniert etwas abseits ein Mann deutlich über Zimmerlautstärke. Das gehört zu unseren Versammlungen vor dem alten Tramdepot wie Sonne und Schatten – wir sind mittendrin im Geschehen, wir sitzen im öffentlichen Raum. Apropos altes Tramdepot: Viele Kriegshaberer fragen sich, was aus dem Baujuwel einmal wird, das derzeit leer steht und nicht betreten werden darf. Norbert Diener erwähnt, dass eine Vision sei, daraus eine Markthalle zu machen. Wie überhaupt die Nahversorgung, das weiß man auch beim Stadtplanungsamt, das größte Anliegen im Stadtteil ist – neben einer Verkehrsberuhigung.

Ein neues Zentrum für Kriegshaber

Mehrfach schon wurden die Leute in Kriegshaber vertröstet, ein Investor sprang ab – doch jetzt, so verspricht Amtsleiter Diener an unserem Schreibtisch, sei alles auf gutem Wege und durchgeplant. „Ende 2018 ist Baubeginn“, sagt er. Ein Supermarkt, eine Drogerie, Backshop – das neue Einkaufszentrum an der Ulmer Straße soll ausstrahlen und Kriegshaber das geben, was so viele vermissen: ein Zentrum. Der Stadtteil zerfällt in viele Viertel – weshalb im „Leitbild Kriegshaber“ auch formuliert ist: „Altes und Neues verbinden, Brücken schlagen.“

Das tun, im übertragenen Sinne, die Gäste an unseren beiden mobilen Schreibtischen nun schon in der fünften Woche. An diesem Nachmittag ist das wieder so eine – ja was? – Zusammenkunft, Gesprächsrunde, Vertrauenssache. Noch während wir Stühle raustragen und denken: „Also heute wird’s wohl eher ruhig“, kommen sie: Karl und Hildegard Rauch mit Gitarrenkoffer, Mundharmonika und Jonglierbällen, Karin Kreppel mit einem großen Gemälde, Reiner Mayr, einen Strohhut auf dem Kopf, mit Handzetteln, die für sein „Augschburger Poesie-Käschtle“ werben, Franz Ellenrieder, der Geschichten erzählen wird, Erika Streit, die Klassenkameradinnen von früher sucht … Stimmt schon, was Hildegard Rauch da gerade singt – das Lied ist erst am Vorabend fertig geworden: „Doch wia schee isch in Kriegshaber/ do bin i ja gebora!/ Aus dem Stadtteil isch viel wora,/ dia Kultur isch do ganz groß.“

Unser mobiler Schreibtisch wird zum Kreativlabor

Jetzt nimmt Karin Kreppel die Leinwand, die die ganze Zeit am einzigen Baum gelehnt hat. Sie erklärt, wie dieses abstrakte Kunstwerk entstanden ist: Marmorpulver hier, Pigmente dort, Collagentechnik an diesen Stellen, dann erzählt sie, dass die Arbeit so frisch und neu ist, dass sie noch keinen Namen hat. Ihr Mann, der Geigenbauer Hellmut Kreppel – schon ein Stammgast bei uns – hat darin kosmische Kräfte am Walten gesehen. Eine Frau schlägt den Titel „Neue Galaxie“ vor. Unser mobiler Schreibtisch wird zum Kreativlabor.

Die Besucher sitzen jetzt wieder in zweiter und dritter Reihe. Der fünfte Sonnentag in Folge, die Schattenplätze sind gefragt. Die AWO Kriegshaber ist mit ihrem neuen Vorstand gekommen und schaut sich an, was vor dem alten Tramdepot passiert. Souzana Hazan von der ehemaligen Synagoge in Kriegshaber schnappt sich einen der wenigen freien Stühle und hört zu, wie Reiner Mayr seine Idee vom Poesie-Käschtle entwirft. Ein Briefkasten für Poesie soll das sein – im Kulturhaus Abraxas. Die Menschen sollen Selbstgedichtetes dorthin schicken. Wenn genügend zusammengekommen ist, soll es dann auch Veranstaltungen, Lesungen geben. Ein Briefkasten für Poesie ist ja in sich schon wieder eine poetische Idee. Sommestraße 30, 86156 A.

Ein zahmer Fuchs vor dem Tram-Depot

Jetzt ist auch Bernhard Radinger, der Ureinwohner des Stadtteils, zum fünften Mal gekommen. Und Monika Reisinger, die Frau, die alles rund um die Reinöhlstraße erforscht hat und wieder aus dem Urlaub zurück ist. Ja, die Artikel zum Nachlesen bringen wir ihr nächste Woche mit, versprochen. Sie hat Zeichnungen ihres Sohns dabei. Seit er Stifte halten kann, zeichnet er. Uns zeigt Reisinger einen Irrgarten, den er für die Schule gezeichnet hat – im Keith-Haring-Stil. Irgendwann sind es drei, dann fünf, dann acht Gespräche, die auf der Kriegshaber-Piazza vor dem Tramdepot geführt werden. Die Menschen kommen, weil sie auch aneinander interessiert sind. Weißt du noch – früher? Und was ist aus dem geworden?

Ach, und wer kommt da jetzt? Wirklich? Ja, es ist der Schauspieler und Mundart- und Heimatdichter Hermann Wächter, der sich dachte, dass er einmal bei uns vorbeischauen muss. Er zeigt auf das Gebäude neben dem Tramdepot, dort habe der Großvater seiner Frau früher gelebt. Wagentechniker sei er gewesen, der Großvater. Und – es klingt unglaublich – er habe die ausdrückliche Genehmigung seiner Chefs gehabt, einen zahmen Fuchs täglich mit auf die Arbeit zu bringen. Der sei dann hier und dort herumgesprungen.

Wie lebendig der Stadtteil ist und was dabei herauskommen kann, wenn sich ein paar engagierte Menschen zusammenschließen, erleben wir auf unserer Exkursion zum Feuerwehrmuseum. Endlich schaffen wir es einmal wenigstens ein paar Meter von unseren Schreibtischen weg die Ulmer Straße entlang. Weit ist die Strecke nicht. Dort zeigen uns Thomas Reichel, der Vorsitzende des Feuerwehr-Museums-Vereins, und Dunja Wenda, die zweite Vorsitzende, dieses jüngste Augsburger und nicht nur deshalb rekordverdächtige Museum. Es geht auf eine private Initiative zurück, die weder etwas mit der Feuerwehr Augsburg noch etwas mit der Freiwilligen Feuerwehr Kriegshaber zu tun hat. Vor allem wird dort die Sammlung von Thomas Reichel präsentiert. Mehr als 1100 Exponate haben sie ausgestellt auf – bitte festhalten – 33 Quadratmeter Fläche, aufgeteilt in fünf Räume. So dicht ist kein anderes Museum in Augsburg bestückt.

Unsere Gruppe füllt das Mini-Museum gut

Es geht in alle Richtungen, das bayerische Feuerwehrwesen in dem einen großen Raum, das deutsche Feuerwehrwesen im anderen. In der einen kleinen Kammer die Geschichte der Feuerwehr in der DDR, in der anderen Kammer eine nachgebaute Szene aus dem Dritten Reich. Abzeichen sind zu sehen, Verbindungsstücke, Sauerstoffgeräte, Helme aus allen Zeiten, Jacken, Schutzanzüge, Handschuhe, an der Decke hängt eine Girlande, deren Lampions keine Lampions, sondern Löscheimer aus Leinen sind.

Am ersten Sonntag im Monat ist das Feuerwehrmuseum von 12 bis 15 Uhr geöffnet – und auf Anfrage an eigenen Terminen für Gruppenführungen. Unsere Gruppe füllt das Mini-Museum gut aus … Am Abend, nach einem langen Kriegshaber-Tag, sitzen wir noch beim Bier vorm Café Link und blättern in unseren Blöcken. Geschichten! Wie die, die Franz Ellenrieder (87) erzählt hat von seinem Großvater, der Landwirt war in Steppach, seine Kühe aber in Kriegshaber beim jüdischen Viehhändler Einstein kaufte. „Die zwei waren befreundet. Und der Einstein hat, ich war als Bub dabei, zu meinem Opa gesagt: Basti, jetzt nimmst die Kuh mit heim, schaust sie dir eine Woche gut an, ob sie taugt, und wenn ja, kommst und zahlst, wenn nicht, bringst die Kuh zurück.“ So sei das damals gewesen! Der Großvater behielt die Kuh. „Bonni hieß die.“

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