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Lehrstellenoffensive 2015

29.04.2015

Ausbildung trotz Behinderung: „Er ist ein Riesenglücksfall für uns“

Philipp Koop macht eine Ausbildung zum Schreiner. Die Berufsschule fällt ihm aufgrund seiner Lernbehinderung manchmal schwer. Doch der 20-Jährige macht das wieder wett.

In der Werkstatt von Zebrano im Süden Günzburgs riecht es nach Holz. In jeder Ecke stehen Platten aus dem Werkstoff, die teilweise so groß sind wie ein Billardtisch. Eine Schleifmaschine surrt und knarzt. Der junge, hochgewachsene Mann, der nur drei Meter davon entfernt eine Kommode montiert, lässt sich davon nicht stören. Er bringt Schienen an den Holzkorpus an, in die später Schubladen eingehängt werden sollen.

Philipp Koop will Schreiner werden. Und er ist auf dem besten Weg dorthin. Allerdings verlief sein Weg bis zur Ausbildung bei Zebrano ein klein wenig anders als bei anderen Lehrlingen. Denn der 20-Jährige ist lernbehindert.

Deshalb besuchte er zunächst das Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg, ein Förderzentrum. Nach seinem Schulabschluss nahm er beim angeschlossenen Berufsbildungswerk an einer Berufsorientierung teil. Ein Jahr lang konnte er in vier verschiedene Berufe hineinschnuppern, die dort als Ausbildung angeboten werden. „Ich wollte damals erst Koch werden oder Maler“, sagt Koop.

„Wenn man Koop etwas erklärt, dann ist er punktgenau bei der Sache."

„Nur zufällig habe ich auch den Beruf des Schreiners ausprobiert.“ Zum Glück. Denn: „Als ich ihn mir angeschaut habe, war klar: Das ist mein Traumberuf.“ Deshalb entschied er sich für die dreijährige Ausbildung zum Holzbearbeiter. Danach musste sich Koop eine Stelle außerhalb des Bildungswerkes suchen. Sonst hätte das Arbeitsamt die Zusatzlehre, die anderthalb Jahre dauert, nicht finanziert. Also machte er ein zweiwöchiges Praktikum bei Zebrano. Und überzeugte.

„Philipp lebt diesen Beruf, er strebt danach, Schreinergeselle zu werden“, sagt sein Ausbilder Anton Stegherr nicht ohne Stolz. Oftmals müsse er den jungen Mann aus Ried sogar einbremsen: „Er meldet sich immer freiwillig, wenn es darum geht, jemandem zu helfen oder mit auf eine Baustelle zu fahren.“

Und Stegherr schwärmt: „Wenn man Koop etwas erklärt, dann ist er punktgenau bei der Sache. Er will das auf die bestmögliche Weise umsetzen.“ Bei vielen anderen Lehrlingen sei das nicht so.

Auch deshalb ist der 20-Jährige bei den Arbeitskollegen so beliebt. Wenn einer von ihnen auf Montage fährt, heißt es oft: „Ich nehme Philipp mit.“ Stegherr kennt den Grund: „Weil er so positiv ist.“ Die Montagefahrten mag auch der Auszubildende selbst gern. „Ich komme hier viel mehr rum als in der Ausbildung in Ursberg“, sagt er. Auf Montage war er zum Beispiel schon in Weißenhorn und in Rostock. Ein weiterer Unterschied zum Berufsbildungswerk in Ursberg, der aber eher negativ ist: „Hier hat man mehr Zeitdruck.“

Erste Mal, dass ein junger Mensch mit Handicap eine Lehrstelle bekommen hat

Die Berufsschule besucht Koop weiterhin in Ursberg – während die anderen Auszubildenden der Firma nach Neu-Ulm gehen. Die Berufsschulklasse dort zählt bis zu 26 Schüler. In Koops Klasse sind sie hingegen nur zu siebt. Sie alle haben es geschafft, einen Ausbildungsplatz in der freien Wirtschaft zu ergattern. Da sie beim Lernen aber ein wenig mehr Unterstützung benötigen, gehen sie weiterhin in Ursberg zur Schule. „Der Lehrer geht dort rum und auf jeden Einzelnen ein. Das ist fast wie Einzelunterricht“, sagt Koop.

Schwierigkeiten hat der 20-Jährige noch mit dem EDV-System. „Das ist für mich Neuland, da muss man schon viel lernen.“ Und der praktische Teil der Ausbildung sei intensiver als der der Ausbildung zum Holzbearbeiter. „Die Berechnungen und die ganzen Fachausdrücke – das ist schon noch schwer“, sagt er.

Es ist das erste Mal, dass bei Zebrano ein junger Mensch mit Handicap eine Lehrstelle bekommen hat. Anton Stegherr ist anfangs etwas vorsichtig gewesen – aber nur aufgrund der großen Verantwortung, die er als Ausbilder trägt, sagt er. Für ihn ist Koop das beste Beispiel dafür, dass eine Ausbildung auch mit Handicap kein Problem ist. „Ich bin froh, dass ich den Schritt gemacht und ihn eingestellt habe.“

Bei der Einstellung lege die Firma nicht so viel Wert auf Noten

Auch Hans Riemenschneider, Inhaber der Firma, ist begeistert: „Philipp ist teamfähig, korrekt, aufmerksam. Er ist von den Lehrlingen mit Abstand der Beste.“ Bei der Einstellung lege die Firma nicht so viel Wert auf Noten. Wichtig sei Riemenschneider vielmehr die soziale Einstellung. Und nicht nur die stimmt bei Philipp Koop. „Er ist ein Riesenglücksfall für uns.“

Hürden sind dazu da, überwunden zu werden. Das gilt gerade auch beim Berufseinstieg. Mit der Lehrstellenoffensive unserer Zeitung wollen wir junge Menschen auf dem Weg in den Beruf unterstützen. Es ist eine gemeinsame Aktion mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben, der Handwerkskammer für Schwaben sowie den Arbeitsagenturen der Region. Alle Informationen zur Lehrstellenoffensive 2015 gibt es unter www.leo-bayern.de.

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